Sind Psychiater auf Umwälzungen durch KI vorbereitet?

Maschinelles Lernen hilft bei der Bewältigung von immer mehr psychischer Störungen. Laut einer weltweiten Umfrage sind Psychiater allerdings unvorbereitet auf diese Veränderung.

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Sind Psychiater auf Umwälzungen durch KI vorbereitet?

(Bild: Kelly Sikkema / Unsplash)

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  • TR Online

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass bis zu 15 Prozent der Bevölkerung an psychischen Problemen leidet. Das hat erhebliche Konsequenzen. In den meisten Ländern ist zum Beispiel Selbstmord die zweit- oder dritthäufigste Todesursache für junge Menschen. Und mit zunehmendem Alter der Bevölkerung wird sich die Demenzrate in den kommenden Jahrzehnten verdreifachen. Darüber hinaus ist es vor allem in armen Ländern schwierig, Zugang zu Psychologen und Psychiatern zu bekommen.

Technischer Fortschritt könnten jedoch in vielen Fällen helfen. So können Betroffene ihre Gesundheit mit Smartphones und mobilen Sensoren überwachen und die gesammelten Daten per Deep Learning analysieren lassen. Techniken wie diese helfen bereits, etwa Menschen mit einer Neigung zu Depressionen oder auf eine bipolare Störung hinweisende Stimmungswechsel zu erkennen. Vor allem künstliche Intelligenz (KI) wird zu einer umwälzenden Technologie in der Psychiatrie. Bei all diesen Veränderungen werden allerdings die Psychiater selbst eine Schlüsselrolle spielen müssen. Ihre Meinung sollte daher ein nützlicher Indikator für das Potenzial der Technologie sein.

Deshalb haben Murali Doraiswamy und Kollegen von der Duke University School of Medicine in Durham, North Carolina, Psychiater auf der ganzen Welt über ihre wahrscheinlichen Auswirkungen auf die mentale Gesundheitspflege befragt. „Unseres Wissens ist das die erste weltweit Umfrage, bei der die Meinung von Ärzten zu den Auswirkungen der autonomen künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens auf die Zukunft der Psychiatrie eingeholt wurde“, so das Team. Interessanterweise scheinen die Ergebnisse mehr über Psychiater zu sagen als über ihre Bereitschaft für die Technik oder deren Potenzial.

Die Duke-Forscher wählten nach dem Zufallsprinzip eine Stichprobe von 750 professionellen Psychiatern aus einer Online-Datenbank mit mehr als 800.000 medizinischen Fachkräften auf der ganzen Welt aus. Darunter waren 22 Länder in Nord- und Südamerika, Europa und Asien. 30 Prozent der Befragten waren Frauen und zwei Drittel waren weiß.

Die Psychiater stimmten darin überein, dass Maschinen bestimmte fachliche Fähigkeiten niemals erlernen könnten. „Eine überwältigende Mehrheit von 83 Prozent der Befragten hielt es für unwahrscheinlich, dass die Zukunftstechnologie jemals in der Lage sein würde, eine einfühlsame Versorgung zu bieten, die besser oder besser als ein durchschnittlicher Psychiater ist“, schreiben Doraiswamy und Kollegen im Open-Access-Portal ArXiv. Interessanterweise ergab eine Umfrage bei Hausärzten in Großbritannien eine ähnliche Sichtweise.

Die Gruppe war gespalten bezüglich der Risiken, die künstliche Intelligenz darstellen könnte. „Nur 23 Prozent der Frauen sagten voraus, dass der Nutzen der KI die möglichen Risiken überwiegt, verglichen mit 41 Prozent der Männer“, schreiben die Autoren. „Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der KI-Risikowahrnehmung können einer Vielzahl von Befunden entsprechen, nach denen Frauen risikoaverser sind als Männer.“

Das interessanteste Ergebnis ist allerdings, wie die maschinelle Intelligenz nach Meinung der befragten Psychiater ihre Arbeit verändern könnte. Drei Viertel von ihnen glaubt, dass künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle bei der Verwaltung von Daten wie Krankenakten spielen wird. Etwa die Hälfte der Befragten war der Meinung, dass KI-Lösungen den menschlichen Arzt vollständig ersetzen würde, wenn es darum geht, Informationen zu Diagnosen zusammenzufügen.

Andere Bereiche des Gesundheitswesens profitieren bereits von solchen Vorteilen. Maschinenlern-Technologien können Radiologen und Pathologen unter bestimmten Umständen bei der Diagnosestellung übertreffen. Diese Fähigkeit, genauere Diagnosen zu erstellen, hat enorme Auswirkungen auf die Behandlung und Sicherheit der Patienten.

Dennoch war nur die Hälfte der Psychiater der Meinung, dass künstliche Intelligenz ihre Arbeit erheblich verändern würde. Vermutlich ist es dieselbe Hälfte, die glaubt, dass KI Erkrankungen besser diagnostizieren kann als Menschen. Wenig überraschen glaubt weniger als vier Prozent der Befragten, dass KI menschliche Psychiater vollständig ersetzen könnte. Doraiswamy und Kollegen haben eine mögliche Erklärung dafür: „Ärzte überbewerten möglicherweise ihre Fähigkeiten oder unterschätzen den rasanten Fortschritt bei intelligenten Technologien.“

Das hat wichtige Auswirkungen auf diesen Beruf. Anfang dieses Jahres veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum einen Bericht mit dem Titel „Empowering 8 Billion Minds“ ("Den Geist von 8 Milliarden Menschen stärken"), in dem die wachsende Belastung durch psychische Erkrankungen auf der ganzen Welt hervorgehoben wurde.

Der Bericht wies darauf hin, dass auf psychische Gesundheit ausgerichtete Apps zu den am schnellsten wachsenden Sektoren auf dem globalen Markt für digitale Gesundheit gehören und viel bewirken könnten. Aber wenn man dieser Umfrage glauben will, sind Psychiater auf der ganzen Welt weitgehend unvorbereitet auf die kommenden Veränderungen.

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