Skype für Musiker

So schön kann Web 2.0 sein: eJammming bietet das erste virtuelle Aufnahmestudio, in dem Musiker aus aller Welt in Echtzeit online losrocken können.

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Von
  • Frank Magdans

Für Musikkonsumenten ist das Internet seit Jahren ein Paradies. Es gibt kaum einen Song, der sich nicht in einer der Tauschbörsen in digitaler Form finden ließe. Seit Ende März haben auch Musiker mehr vom Netz. Mit „eJamming AUDiiO“ steht ihnen überall auf der Welt ein virtuelles Probe- und Aufnahmestudio zur Verfügung, mit dem sie in Echtzeit online zusammen mit anderen Musikern Songs schreiben, proben, aufzeichnen, lernen und spielen können – ein „Skype für Musiker“, wie Webware Ende Januar in einer Preview es nannte.

Entstanden ist das Programm aus einem Musikerziehungsprojekt. Gail Kantor, die seit über dreißig Jahren in der Unterhaltungsindustrie tätig ist und unter anderem Backgroundsängerin von James Brown war sowie Synchronisationen von Zeichentrickfilmen wie DreamWorks’ „The Prince of Egypt“ überwacht hat, machte sich in den frühen neunziger Jahren Gedanken darüber, wie der Kunstunterricht in amerikanischen Schulen gerettet werden könnte. Zu jener Zeit wurden die Budgets so radikal gekürzt, dass das Fördern musischer Talente kaum noch möglich war.

Etwa zeitgleich begann Alan Jay Glueckman, Veteran aus der US-Unterhaltungsindustrie, damit, sich vom Film- und Fernsehgeschäft zu verabschieden, und wandte sich Internetprojekten zu. Einer der bekanntesten Titel, an denen er mitgewirkt hat, ist „Mission Impossible: The Web Adventure for Apple Computer“ (1996). Auch für Microsoft hat er Online-Vorhaben realisiert. Es war Glueckman, der Gail Kantor vorschlug, ihr TV-gebundenes Musikerziehungsprogramm in ein interaktives Web-Projekt umzuwandeln. 2004 gründeten die beiden dann gemeinsam ihre Firma.

Das Ergebnis kann man nun unter www.ejamming.com erleben. Benötigt werden lediglich ein Rechner, ein Breitbandanschluss, ein Gerät mit Audio-Schnittstelle und ein Mikrofon. Ist die Software heruntergeladen und installiert, kann es auch schon losgehen. Dass das Konzept ankommt, zeigt die lange Liste von Musikern, die sich bereits angemeldet hat. Da gibt es den blutigen Anfänger aus Ungarn, den Studioprofi aus Deutschland und den Hardcore-Blues-Gitarristen aus Großbritannien.

Um mit den Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, startet man entweder eine Session oder spricht jemanden über das integrierte Chatfenster an. Kommt es zum gemeinsamen Musizieren, ist allerdings Geduld gefragt. Üblicherweise kommt es bei der Online-Übertragung von Daten zu Verzögerungen. Wer sich regelmäßig Videos bei YouTube ansieht, wird das schon häufiger festgestellt haben.

Daher kommen bei der eJamming-Technologie patentierte Internet-Verzögerungsmanagement-Algorithmen zum Einsatz. Die regeln die Echtzeitsynchronisation. Denn nur dann, wenn hüben und drüben alles hundertprozentig im gleichen Takt zu hören ist, können die Musiker so spielen, wie sie es normalerweise im Proberaum tun. Die Verzögerungsraten bei eJamming seien nicht größer, als sie beim Live-Zusammenspiel großer Orchester auftreten, sagt Glueckman. Dort liegen sie gewöhnlich bei einer einer Millisekunde. Menschliche Ohren nehmen aber erst Zeitversetzungen ab 50 Millisekunden wahr.

Zurzeit befindet sich die Software im Beta-Stadium, wovon Interessierte insofern profitieren, als sie sich beim Anmelden noch mit keiner kostenpflichtigen Vertragsbindung auseinandersetzen müssen. Ist die Testphase, die voraussichtlich noch bis Ende Juni dauern wird, abgeschlossen, wird man die Plattform vom Zeitpunkt der Registrierung an die Plattform nur noch insgesamt dreißig Tage ohne Gebühren nutzen können. Alan Jay Glueckman, der die Firma eJamming 2004 gemeinsam mit Gail Kantor gegründet hat, denkt derzeit an eine monatliche Grundgebühr von 10 bis 15 Euro. Das ist im Web-2.0-Kontext nicht weiter verwunderlich. Darüber hinaus dürfte es nicht lange dauern, bis die Zahl der „eJamming AUDiiO“-User kräftig angestiegen ist und die Server heiß laufen.

Das Portal ist nicht nur fürs Musizieren gedacht, sondern bietet auch jedem die Möglichkeit, zu anderen Musikern Kontakte aufzubauen. Daher können die Profile der angemeldeten User auch nach bestimmten Kriterien durchforstet und sogar deren Musikproben angehört werden. Außerdem gibt es einen automatischen Terminkalender, mit dem sich gemeinsame Sessions planen lassen – gemeinsame Probentermine zu finden, ist schon im realen Leben nicht so einfach.

Vergleichbare Online-Angebote hat es bislang noch nicht gegeben, nur erste Schritte in diese Richtung wie etwa „Rocket Network“ oder „iGuitar“. Bislang konnten sich Musiker am Rechner kreierte Tracks oder Tonspuren nur als Datei schicken. So aber bringt „eJamming AUDiiO“ im besten Sinne der Web-2.0-Idee Leute zusammen, die sich sonst wohl nie gegenüber stehen würden. Ein weiterer Vorteil: Man braucht keinen Proberaum zu haben – in allen Städten ein notorisch rares Gut –, sondern kann von zuhause musizieren. Wer kein Instrument besitzt, kann sogar vorhandene Audio-Files herunterladen und in seinem Song verwenden.

Was aber ist mit dem Copyright der Musik, die bei E-Jamming entsteht? „Jeder Musiker bleibt im Besitz seiner Rechte für den jeweils selbst erstellten Track, genauso wie er seinen Anspruch behält, wenn er an einer Originalkomposition mitgewirkt hat“, sagt Glueckman. Hinsichtlich Kompositionen, die keine Eigenkreationen darstellen, seien Übereinkünfte mit den entsprechenden Organisationen getroffen worden. "Gemäß unseren Konditionen sind Musiker, die Covermaterial verbreiten, den tatsächlichen Rechteinhabern verpflichtet.“ (nbo)