Smart City: Japan will Städte privatisieren

Immer mehr Konzerne im Land treten in den Wettbewerb um Smart-City-Plattformen ein. Zwei große private Stadtprojekte hegen dabei besonders ambitionierte Pläne.

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(Bild: Toyota)

Von
  • Ben Schwan

Lange galt die Stadt als öffentlicher Raum. Doch bei der Entwicklung von Smart-City-Projekten werden auf einmal private Unternehmen zu treibenden städtebaulichen Kräften und – über selbst entwickelte Plattformen – zum Besitzer von Bewohnerdaten. Das legen zwei aktuelle Projekte in Japan nahe.

Im März kündigte der Immobilienentwickler Mori Building an, ab April in seinen diversen Hochhauskomplexen der japanischen Hauptstadt die Plattform "Hills Network" zu starten. Dabei geht es dem Unternehmen darum, für die zigtausend Bewohner, Büroangestellten und Besucher der Anlagen mehr "Bequemlichkeit, Lebensqualität und -freude beim Wohnen, Arbeiten und Besuchen der Hills-Komplexe und anderer Gebäude" von Mori Building zu liefern.

Die "Nutzer" der realen Objekte werden dabei zum digitalen Datenlieferanten, damit Mori Building besser "personalisierte und optimierte Dienste" in Liegenschaften anbieten kann. Dazu gehören etwa Roppongi Hills, Ark Hils, Toranomon Hills und ein im Bau befindlicher weiterer Komplex, der mit eigener internationaler Schule, Luxushotel, Wohn-, Büro- und Einkaufsanlagen besser als vertikaler Stadtteil zu bezeichnen ist.

Der Autobauer Toyota denkt sogar einen Schritt weiter. Ende Februar legte der VW-Konkurrent den Grundstein für seine Smart-City "Woven City", die zu einem Freilandlabor für Technologien und Lebensweisen der Zukunft werden soll. Eine Idee, die ausprobiert wird, will Toyota dabei global versilbern: eine allumfassende Management-Plattform für vernetzte Städte der Zukunft.

Besonders fasziniert sei er von der Idee, einen "digitalen Zwilling" der Stadt zu entwickeln, erklärte zur Grundsteinlegung Toyotas Digitalchef James Kuffner, der als Leiter von Toyotas Hightech-Startup Woven Planet für das Stadtprojekt verantwortlich ist. Unter dem Begriff wird eine nahezu naturgetreue Abbildung einer Ortschaft im virtuellen Raum verstanden, die dann mit diversen Daten wie Verkehrsströmen, dem Wetter, Strom-, Gas- und Wasserverbrauch sowie deren Produktion bevölkert werden kann.

Mit diesen Plattformen können Städte dann nicht nur in Echtzeit beobachtet und verwaltet werden. Die Stadtplaner können auch Bauprojekte vorher simulieren und so die Planung verfeinern und beschleunigen. Dies gilt als die städteplanerische Zukunft – und damit als Wachstumsmarkt. Darum bauen bereits viele Konzerne an ihren Plattformen. In Europa sind beispielsweise Siemens und der französische Technikkonzern Dassault Systèmes aktiv. In Japan versuchen derweil deren Äquivalente Hitachi, Fujitsu und NEC mit eigenen Ideen global Kunden zu sammeln, allerdings eher als Partner von Stadtregierrungen denn als Datenkrake wie Google oder Amazon, die es auf Dominanz anlegen.

Wie Toyota vorgehen will, ist dabei noch nicht bekannt. Immerhin hat der Autobauer sich dafür mit dem Telekomriesen NTT zusammengetan, um international mehr Reichweite zu gewinnen. Aber eines ist klar: Der Kampf um die Daten läuft – und hat schon ein prominentes Opfer gefordert.

Googles Muttergesellschaft Alphabet wollte im kanadischen Toronto einen Stadtteil errichten. Aber voriges Jahr wurde das Projekt abgebrochen. Offiziell wurde die Schuld der Corona-Pandemie zugeschoben. Aber als ein wichtiger Grund gelten die hartnäckigen Proteste der Anwohner, die nicht als "Nutzer" auf Schritt und Tritt Daten an Alphabet liefern wollten. In Japan könnte es allerdings weniger Widerstand geben. Obwohl auch die Japaner sehr großen Wert auf den Schutz ihrer Privatsphäre legen: Selbst während der Coronakrise griffen die Behörden nicht rigoros auf elektronische Daten von Infizierten und möglichen Kontaktpersonen zu wie bei den (ebenfalls demokratisch regierten) Nachbarn Südkorea oder Taiwan.

Aber die Stadtregierungen und Menschen sind in Japan durchaus daran gewöhnt, dass der Städtebau teilweise an Großunternehmen privatisiert wurde. In Tokio beispielsweise haben sich rund um die alten, schon lange aufgelösten Familienkonglomerate sowie die privaten Bahngesellschaften große Immobilienbesitzer und -verwalter gebildet, die jeweils ganze Viertel dominieren. Das Gebiet zwischen dem Tokioter Hauptbahnhof und dem Kaiserhaus ist dabei in der Hand des Immobilienkonzerns Mitsubishi Real Estate, der mit seiner Philosophie den Stadtteil zu einem globalen Geschäfts- und Finanzzentrum entwickeln will, mit einem Test von Robotern im Straßenbild inklusive.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Mitsui hat gerade das klassische Viertel Nihonbashi mit einer Reihe von Hochhäusern ins 21. Jahrhundert befördert. Mori versucht derweil seit den 1980er Jahren, in seinem Areal um Roppongi die Skyline der japanischen Hauptstadt frei nach dem Architekten Le Corbusier mit "vertikalen Gartenstädten" in eine Essstäbchenstadt zu verwandeln.

Die Tokioter Stadtregierung tauscht dabei Extra-Stockwerke der Wolkenkratzer gegen städtebauliche Wohltaten der Bauherren ein. Das können Parks sein, Plätze oder andere Räume für die Öffentlichkeit. Es wäre jetzt nur naheliegend, dass diese Immobilienentwickler auch die digitale Stadtentwicklung in Eigenregie übernehmen wollen. Mori und Toyota werden bald demonstrieren, was geht, wenn ein Viertel in Privatbesitz ist. (bsc)