Smarter Parken

Zahlreiche Apps wollen Autofahrern helfen, Parkplätze zu finden – und an ihnen zu verdienen. Erste Städte wehren sich bereits gegen die in ihren Augen unzulässige Vermarktung von öffentlichem Raum.

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Von
  • Caleb Garling
  • Gregor Honsel

Zahlreiche Apps wollen Autofahrern helfen, Parkplätze zu finden – und an ihnen zu verdienen. Erste Städte wehren sich bereits gegen die in ihren Augen unzulässige Vermarktung von öffentlichem Raum.

Die Parkplatzsuche macht in einigen Vierteln rund ein Drittel des Autoverkehrs aus. Städte wie San Francisco, Pisa, Barcelona und Braunschweig wollen das Problem mit kommunizierenden Parkplätzen lösen: Sensoren im Asphalt sollen freie Stellplätze ins Netz posten.

Das Start-up SchlauerParken geht sogar noch weiter: Es will mit Kameras auch die Größe eines Parkplatzes erfassen. Doch in beiden Fällen muss die Kommune in teure Infrastruktur investieren. Als Alternativen kursieren Apps wie Ampido, ParkNav, MonkeyParking, Park2gether, Parkonaut, ParkTag oder ParkU. Sie setzen darauf, dass Nutzer selbst freie Parkplätze melden. Das ist zwar günstiger, für die Nutzer aber meist auch umständlicher.

Forscher der State University of New York in Buffalo haben nun ein System namens "Pocketsourcing" entwickelt, das freie Parkplätze ohne Sensoren oder Nutzereingaben aufspürt. Dazu müssen Autofahrer lediglich die App "PocketParker" installieren. Sie übermittelt die Ortungs- und Bewegungsdaten des Smartphones an einen Server. Dort fügt ein Algorithmus sie zu einem Bewegungsmuster zusammen, aus dem sich errechnen lässt, wann und wo ein Parkplatz frei wird.

Fährt ein Nutzer beispielsweise langsam und ohne zu stoppen durch einen Parkbereich, ist der offenbar belegt. Geht die Bewegung vom Gehen ins Fahren über, macht er wohl gerade einen Stellplatz frei. "Eine Nutzerinteraktion sollte nicht notwendig sein", sagt Informatik-Professor Geoffrey Challen, Co-Autor der PocketParker-Studie. Für diese Untersuchung haben 105 Autofahrer die App sechs Wochen lang im Raum Buffalo getestet. Eigens installierte Kameras überprüften die Schätzungen des Algorithmus. Das Ergebnis: In 19 von 20 Fällen sagte er die Zahl freier Plätze korrekt vorher.

Es gibt aber noch ein Problem: "Bis genügend Menschen die App verwenden, funktioniert sie nicht besonders", sagt Challen. "Das ist ein Henne-Ei-Problem." Deshalb glaubt er auch nicht daran, dass PocketParker als einzelne App sinnvoll wäre. Stattdessen schwebt ihm vor, die Funktion auf möglichst vielen Karten-Apps im Hintergrund laufen zu lassen – so wie viele Handys heute schon den Verkehr erfassen.

Das italienische Start-up MonkeyParking wollte das Henne-Ei-Problem in San Francisco mit Geld lösen. Wer einen Parkplatz freimachte, konnte ihn per App meistbietend versteigern. Typischerweise fiel der Hammer bei fünf bis sieben Dollar. MonkeyParking erhielt davon 20 Prozent. So viel nackter Kapitalismus war selbst in San Francisco nicht jedem geheuer. "Technik hat uns viele lobenswerte Innovationen beschert", sagte Dennis Herrera, Staatsanwalt der Stadt.

"MonkeyParking gehört nicht dazu. Es ist illegal und schafft einen räuberischen Privatmarkt für öffentlichen Parkraum." Zudem fürchteten die Behörden, Menschen könnten gezielt Parkplätze besetzen, um sich damit ein Nebeneinkommen zu verschaffen. Im Juni verbaten sie den Dienst.

MonkeyParking-Gründer Paolo Dobrowolny findet die Vorwürfe unfair: "Jeder beschwert sich über die Parkplatzsituation", sagte er zur "LA Weekly": "Wir dachten, wir könnten der Stadt und den Bürgern mit einem neuen Ansatz helfen." Außerdem würde MonkeyParking keinen öffentlichen Raum vermarkten, sondern lediglich Informationen darüber. Nun will es Dobrowolny in Santa Monica erneut versuchen. Seine Lehre aus der Schlappe in San Francisco: Er will die Stadt nun an den Einnahmen beteiligen.

In Deutschland bieten die Apps "ParkTag" und "Parkonaut" ähnliche Angebote. Nutzer von ParkTag können sich entscheiden, ob sie ihren Parkplatz manuell direkt an einen anderen Autofahrer übergeben oder ihn automatisch als frei markieren wollen. In diesem Fall übernimmt eine Software, ähnlich wie die von Pocketsourcing, die Arbeit. Eine kleine Uhr zeigt anderen Nutzern, wie lange der Platz schon frei ist. Sie müssen dann selbst abschätzen, ob es sich noch lohnt, ihn anzusteuern.

Das Modell von Parkonaut sieht vor, dass ein Nutzer auf seinen Nachfolger wartet. Wer seinen Parkplatz erfolgreich vermittelt, bekommt – wie bei ParkTag – Bonuspunkte, die er für seine nächste Parkplatzsuche einsetzen kann. Geld ist nicht im Spiel. Das mag ein Grund sein, weshalb die Dienste bisher noch keinen Ärger mit den Behörden hatten. "Wir befinden uns in einer rechtlichen Grauzone", sagte Parkonaut-Gesellschafter Markus Grüneberg gegenüber dem "Manager Magazin".

Auch diese Dienste funktionieren allerdings nur, wenn genügend Leute mitmachen. ParkTag-Gründer Silvan Rath hat berechnet, dass es eine kritische Masse von etwa sechs Prozent aller Autofahrer braucht, damit seine App wirklich Zeit bei der Parkplatzsuche spart. Beide Apps bringen es auf je fünfstellige Download-Zahlen (ParkTag vor allem in Berlin, Los Angeles und Jerusalem; Parkonaut in mehr als 40 deutschen Städten). Das klingt nach viel. Angesichts eines Pkw-Bestands von 44 Millionen Fahrzeugen allein in Deutschland bewegt sich die Verbreitung aber noch im Promillebereich. (grh)