Smartphone verrät Sehfehler

In Afrika bleiben viele Augenerkrankungen unentdeckt und unbehandelt. Eine App soll helfen.

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  • Inge Wünnenberg

Wie stark es das Leben beeinträchtigt, nicht gut sehen zu können, weiß der heutige Augenspezialist aus eigener Erfahrung. Als die Ärzte bemerkten, dass Andrew Bastawrous selbst nur einen halben Meter weit scharf sah, war er schon zwölf Jahre alt. Er bekam eine Brille.

Aber erst auf einer Reise in die ägyptische Heimat seiner Eltern erkannte der Brite, was für ein Privileg das war. In den armen Gegenden des Landes gab es keine Kinder oder Teenager mit Brille. Als das in London ansässige International Centre for Eye Health (ICEH) dem Mediziner dann 2012 das Angebot machte, in seiner Doktorarbeit das Sehvermögen der kenianischen Bevölkerung zu untersuchen, nahm Bastawrous ohne zu zögern an.

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Am Ende dieses 18-monatigen Forschungsaufenthalts wusste der Arzt, wie er diesen Menschen helfen könnte. Bastawrous stellte fest, dass nicht die Brillen an sich das Problem waren. Sie sind bereits für umgerechnet zwei bis vier Dollar zu haben. Aufwendig war es, Fehlsichtigkeit überhaupt erst zu diagnostizieren. Das Equipment einer Augenklinik lässt sich nur schwer in die teils entlegenen Dörfer transportieren, hatte Bastawrous am eigenen Leib erfahren.

Deshalb entwickelte er die Smartphone-App PEEK – Kurzform für Portable Eye Examination Kit – und gründete nach seiner Rückkehr in London die gemeinnützige "Peek Vision"-Company. Inzwischen kann fast jeder nach einer kurzen Anleitung den Sehtest namens "Peek Acuity" nutzen. Die App kann zum Beispiel im Google Play Store heruntergeladen werden.

Diese App zur Sehschärfe-Ermittlung, die im Prinzip genauso funktioniert wie ein Test mit Sehtafeln, wird jetzt zum Beispiel bei Schuluntersuchungen in Kenia eingesetzt. Der Vorteil der digitalen App-Version ist, dass anschließend die Eltern der Kinder, bei denen Behandlungsbedarf besteht, per SMS benachrichtigt werden können. Zusätzlich erhalten sowohl die örtliche Gesundheitsstation als auch die Schule eine Liste mit den Namen der sehgeschädigten Kinder. Während bei anderen Programmen Bastawrous zufolge zum Teil nur 15 Prozent der Schüler mit Augenproblemen die Behandlungsangebote wahrnähmen, waren es bei "Peek Vision" bei einem Projekt in Botswana zum Beispiel 96 Prozent.

TR 03/2018

Die Londoner Firma entwickelt darüber hinaus weitere Angebote. Besteht vor Ort eine entsprechende Vernetzung von lokalen Gesundheitsstellen und Spezialkliniken, ist es möglich, mit der "Peek Retina Hardware" zu arbeiten. Das ist eine Art Augenspiegel, der zur Untersuchung der Netzhaut am Smartphone angebracht werden kann. Damit kann zum Beispiel die Netzhaut von Diabetikern am Heimatort kontrolliert werden, während weiter entfernt arbeitendes Fachpersonal anschließend die Aufnahmen auswertet. Denn bei Zuckerkranken können die Blutgefäße der Netzhaut in Mitleidenschaft gezogen werden, was zu Erblindung führen kann.

Auch bei diesem Angebot werden die Informationen über das Smartphone an den Patienten und die beteiligten Stellen weitergeleitet. Bastawrous hofft, damit den Mangel an medizinischem Personal in den Entwicklungsländern lindern zu können. "Unsere Lösungen zielen darauf ab, die Versorgung auf dem Gebiet der Augenheilkunde effektiver zu machen", sagt er. Wenn die erste Augenuntersuchung quasi Nichtfachleute mit den Smartphone übernehmen, müssen sich die Spezialisten nur um die Fälle kümmern, die eingehendere Untersuchungen oder eine Behandlung benötigen.

So untersuchten zum Beispiel 25 Lehrer 21000 Kinder in Kenia in nur neun Tagen mit der Smartphone-App. Aber nur bei 900 Kindern stießen sie auf Augenprobleme. Diese Vorteile haben nun auch den ersten afrikanischen Staat überzeugt. Botswana hat als erstes Land entschieden, Projekte des Unternehmens finanziell zu unterstützen.

(inwu)