So unterscheiden sich die Raumfahrtansätze von Blue Origin und Virgin Galactic

Die Firmen von Jeff Bezos und Richard Branson haben es beide bemannt auf kurze Abstecher ins All geschafft. Doch Technik und Geschäftsmodelle sind verschieden.

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Blue-Origin-Rakete beim Start.

(Bild: Blue Origin)

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  • Tatyana Woodall

Dieses Mal ging es bis ganz nach oben. Amazon- und Blue-Origin-Gründer Jeff Bezos und drei Begleiter konnten am Dienstag beobachten, wie sich der Himmel von blau zu schwarz verfärbte, als ihr wiederverwendbares Raketen- und Raumkapselsystem "New Shepard" die sogenannte Kármán-Linie passierte, die die Grenze zwischen der Erdatmosphäre und dem Weltraum markiert. Der Flug war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte.

Gegen 9:25 Uhr US-Ostküstenzeit landeten Bezos und seine Mitreisenden sicher und beendeten erfolgreich den ersten bemannten suborbitalen Flug des Unternehmens - ein wichtiger Schritt auf Blue Origins Weg, kommerzielle Raumflüge für zahlende Kunden anzubieten.

Verglichen mit dem Start des SpaceShipTwo von Virgin Galactic Anfang des Monats, einer Art Raumflugzeug, das den Gründer Richard Branson in den Weltraum brachte, erinnerte Bezos' kurze Reise eher an eine NASA-Mission, mit senkrechtem Start, großen Fallschirmen und einer luftgepolsterten, weichen Landung.

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Ramon Lugo III, Luft- und Raumfahrtingenieur und Direktor des Florida Space Institute, sieht große Unterschiede zwischen den Raumfahrtansätzen, die Blue Origin und Virgin Galactic verfolgen. Zwar können beide Firmen sich darüber freuen, Menschen ins All befördert zu haben, die nicht als Astronauten im klassischen Sinne gelten. Doch nur Blue Origin dürfte die kommerzielle Raumfahrt wirklich voranbringen, glaubt der Experte.

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Der Hauptunterschied bestand darin, wie die beiden Gruppen ins All gelangten. Die Mission von Virgin Galactic dauerte etwa eine Stunde und umfasste einen "Mutterschiff"-Jet, der das Raumflugzeug mit der Besatzung auf eine bestimmte Höhe brachte, bevor es ausgesetzt wurde. Das Raumflugzeug zündete dann seine Raketentriebwerke, um auf die gewünschte Höhe zu fliegen – bevor es dann zur Erde zurückglitt. "Wenn man sich Bransons Raumschiff ansieht, schafft er im Grunde nur ein Transportsystem, das einer kommerziellen Fluggesellschaft sehr ähnlich ist. Man wird auf einem Flughafen starten und auf einem Flughafen landen", sagt Lugo.

Bezos' Projekt ist das, was die meisten Luft- und Raumfahrtingenieure als eine traditionelle Variante eines bemannten Raumschiffs bezeichnen würden, sagt Lugo. Die gesamte Start- und Wiedereintrittsphase von Blue Origin dauerte etwa 10 Minuten. Die Besatzung startete aus einer Kapsel, die an der Nase einer Rakete montiert war. Rakete und Kapsel trennten sich dann auf der gewünschten Höhe.

Die Rakete schwebte zurück zum Startplatz (beziehungsweise neben diesen), Für die Kapsel samt Besatzung ging es dann ins All – rund 107 Kilometer hoch. Anschließend fiel das Vehikel zurück zur Erde, um dann per Fallschirm zu landen.

Unabhängig von ihren Unterschieden, kommentierten Experten, stellen beide Flüge wichtige Meilensteine für die Zukunft der Raumfahrt dar. "Diese Raumschiffe zeigen uns das Reisen ganz neu, so wie es die Pioniere der frühen Flugzeuge taten", sagt Elaine Petro, Professorin für Maschinenbau und Luft- und Raumfahrttechnik an der Cornell University.

Die Expertin meint, dass sowohl Virgin Galactic als auch Blue Origin nicht nur Menschen näher an die Erdumlaufbahn bringen, sondern auch neue Ansätze für schnellere Reisen über Kontinente hinweg entwickeln könnten, da beide Fahrzeuge die vier- bis fünffache Geschwindigkeit eines normalen Flugzeugs erreichen können.

Petro gab sich ermutigt vom Tempo des Fortschritts, den sie in der privaten Raumfahrt gesehen habe. "Vor zehn Jahren drängte die Obama-Regierung auf den Ausbau der kommerziellen Trägerraketenindustrie. Jetzt sind in der letzten Woche zwei öffentliche Raumfahrtplattformen mit Besatzungen geflogen – und darüber hinaus wurde SpaceX damit beauftragt, Astronauten zum Mond zu befördern", sagt sie.

Und wie geht es für Blue Origin weiter? Obwohl der kommerzielle Weltraumtourismus erst am Anfang steht, hofft Bezos, dass weitere Flüge die Kosten senken könnten, so dass in den nächsten Jahrzehnten jeder die Chance haben wird, die Schönheit über der Erde zu erleben. Die Plattform von Bezos bietet sich zudem dazu an, SpaceX und Co. auf längere Sicht Konkurrenz zu machen – auch deshalb, weil es sich um "heavy duty"-Raketentechnik handelt. Wettbewerber Branson will voll auf den Tourismusbetrieb setzen – und soll auch schon Hunderte Anmeldungen vorliegen haben.

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(bsc)