Software-Zoom auf die Infomassen

Mit „Social Lens“ unternimmt IBM einen weiteren Versuch, relevante Informationen aus dem Intenet zu filtern.

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  • Erica Naone

Mit „Social Lens“ unternimmt IBM einen weiteren Versuch, relevante Informationen aus dem Intenet zu filtern

Das „Informationszeitalter“ hat schon seine Tücken. RSS-Reader sollten dabei helfen, einen Überblick über all das zu behalten, was täglich im Netz veröffentlicht wird. Schon bald jedoch stapelten sich Tausende ungelesener Einträge. Twitter versprach dieses Problem zu lösen, indem man sich auf die Empfehlungen anderer verlassen sollte, welche Inhalte wirklich wichtig sind – doch schon bald explodierte auch die Zahl der interessanten Tweets. Nun unternimmt IBM einen neuen Anlauf, den Informationswust zu lichten: mit der Software „Social Lens“.

Dabei handelt es sich zunächst um ein Plug-in für das firmeninterne Netzwerk des IT-Konzerns. Es filtert aus aktuellen Einträgen – auch solchen mit Links zu externen Dokumenten – die individuell wichtigen Neuigkeiten heraus. Dazu muss ein Nutzer zunächst eine „Linse“ anlegen: Er listet Themen, Menschen oder Links auf, die als Filterkriterium dienen sollen. Dabei kann er auch beliebig viele solcher Filterlinsen anlegen.

Social Lens listet dann die Ergebnisse auf und berücksichtigt dabei, in welcher Beziehung Inhalte und Quellen zu den Kriterien stehen. Die relevanten Treffer werden zuerst angezeigt.

Die Software umgehe dabei bekannte Schwächen von anderen Filtern, sagt Elisabeth Daly, die an der Entwicklung von Social Lens beteiligt war. Sie orientiere sich ganz bewusst an den vorgegebenen Themen und nicht an den Dokumenten, die ein Nutzer im Laufe der Zeit tatsächlich lese. Denn eine solche fortschreitende Personalisierung führe häufig dazu, dass sich der Filter zu stark auf einen Aspekt verenge.

Der Prototyp berücksichtigt auch Informationen aus sozialen Netzwerken. Allerdings werde zwischen Freunden und sonstigen Quellen strikt unterschieden, betont Daly. In der täglichen Firmenarbeit ließen sich die „Linsen“ je nach Projekt auch mit Kollegen teilen.

Mit einem Schieberegler können Nutzer einstellen, wieviele Treffer sie angezeigt bekommen – also gewissermaßen auf die wichtigsten Ergebnisse zoomen, falls sie gerade nicht so viel Zeit haben. Auf diese Weise müssten sie nicht unbedingt die Filterkriterien neu einstellen, so Daly. Damit solle bei den Nutzern der Eindruck verhindert werden, sie müssten ihre Linsen ständig neu justieren, denn das würde die Akzeptanz der Software mindern.

Social Lens ist aber noch weit von einer Produktreife entfernt. Die ersten Tests hätten immerhin gezeigt, dass die Ergebnisse der Software von IBM-Mitarbeitern als interessanter eingestuft wurden als Einträge im eigenen Freundesnetzwerk oder in einem Nachrichten-Feed, sagt Michael Muller, IBM-Experte für kollaboratve Software. Dabei stammten im Schnitt 47 Prozent der von Social Lens angezeigten Informationen von außerhalb des eigenen Netzwerks – Informationen, die einem sonst entgangen wären, sagt Muller. 62 Prozent dieser Ergebnisse stuften die Mitarbeiter wiederum als „sehr relevant“ für ihre Arbeit ein.

Auch andere Projekte versuchen der Informationsflut mit neuen Konzepten Herr zu werden. Eine andere IBM-Gruppe arbeitet etwa an der Personalisierungssoftware „Audrey“. Ein Team im Palo Alto Research Center PARC entwickelt eine interaktive Landkarte, mit deren Hilfe sich Nutzer besser in sozialen Online-Medien zurechtfinden sollen. Ähnliche Experimente gibt es auch in den Fuse Labs von Microsoft.

Solche Technologien seien für ein effizienteres Arbeiten auch unbedingt nötig, findet Joanne Cantor von der University of Wisconsin-Madison, die das Buch „Conquer Cyberoverload“ geschrieben hat. „Unser Gehirn ist so konditioniert, dass wir neue Informationen alle gleich aufnehmen wollen und nicht einfach ignorieren können“, sagt Cantor. „Das führt zu Unterbrechungen, die unserem Arbeitspensum und unserer Kreativität schaden.“

Viele existierende Programme zum Filtern von Informationen seien aber nicht sehr nutzerfreundlich gestaltet und würden deshalb nicht angenommen, sagt Cantor. Zudem seien die Leute misstrauisch, dass ihnen wichtige Dinge entgehen, wenn sie sich auf die Hilfsmittel verlassen.

Daniel Tunkelang, der bei Google an Information- Retrieval-Systemen arbeitet, gefällt der Ansatz von Social Lens. Nach Themen zu filtern sei in einem Arbeitsumfeld sehr sinnvoll. Auf diese Weise könnten Mitarbeiter Informationen leichter mit neuen Mitgliedern in einem Projektteam oder Neuankömmlingen in der Firma teilen.

Problematisch könnte allerdings der Aufwand sein, um überhaupt erst einmal eine Linse anzulegen, schränkt er ein. Bei solchen Systemen müsse für Nutzer ein Zusatznutzen klar erkennbar sein, sagt Tunkelang. Social Lens könnte aber ein Erfolg werden, wenn einige motivierte Mitarbeiter erste Linsen anlegen und ihren Kollegen zur Verfügung stellen.

Die Software zu bedienen, müsse noch einfacher werden, räumt IBM-Mann Michael Muller an. Außerdem müssten weitere Tests zeigen, dass das Filtersystem definitiv besser als andere Lösungen ist.
(nbo)