Sonne reinigt Wasser

Fast zwei Millionen Menschen sterben jährlich an verseuchtem Wasser. Dagegen helfen UV-Strahlung und eine Prise Salz.

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Fast zwei Millionen Menschen sterben jährlich an verseuchtem Wasser. Dagegen helfen UV-Strahlung und eine Prise Salz.

Wasser zu holen ist in vielen afrikanischen Ländern Frauensache. Schon mit drei bis vier Jahren lernen die Mädchen, die schweren Eimer auf ihrem Kopf zu balancieren. Kilometerweit schleppen sie diese von Flussläufen, Bächen und Brunnen nach Hause. Eine mühsame Prozedur. Und bisweilen schwimmen in der trüben Brühe zudem noch Krankheitserreger, die das gesamte Dorf mit schwerem Durchfall peinigen. Aufgrund verseuchten Wassers und mangels Hygiene sterben jedes Jahr 1,8 Millionen Menschen.

Lange Zeit zielte die Entwicklungshilfe auf einen Ausbau der Trinkwasserinfrastruktur in den betroffenen Ländern. Doch nun setzt man verstärkt auf Selbsthilfekonzepte und fördert billige Methoden der Wasseraufbereitung. Eine davon hat es in den letzten zwei Jahrzehnten weit gebracht: die solare Wasserdesinfektion, kurz: Sodis. Sie ist nach dem Abkochen, das allerdings begehrtes Brennholz erfordert, die verbreitetste Technik. "Die Sodis-Methode kostet faktisch nichts", nennt Joshua Pearce, Umweltwissenschaftler von der Michigan Technological University, den wichtigsten Grund für den Erfolg.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Sodis als wirksame Methode zur Wasserbehandlung in den Haushalten, und die Vereinten Nationen rühmen sie als das einfachste und billigste Verfahren. Das Prinzip: Leere PET-Flaschen werden zu drei Vierteln mit dem schmutzigen Wasser gefüllt, gut geschüttelt, damit sich die Flüssigkeit mit Luft durchmischt, und für mindestens sechs Stunden in die pralle Sonne gelegt. Das ultraviolette Licht dringt in das Wasser ein und bildet aus dem Sauerstoff der Luft reaktionsfreudige Radikale. Diese "töten gemeinsam mit der UV-Strahlung Bakterien wie Cholera-, Typhus- und Diphtherieerreger sehr wirksam ab", so Regula Meierhofer vom Schweizer Forschungsinstitut EAWAG in Dübendorf. Dort wurde das Verfahren bereits in den neunziger Jahren erfunden.

Dennoch ist die Zahl der Anwender immer noch recht klein. Die Methode eignet sich zwar für Milliarden Menschen, die in sonnenreichen Staaten der Erde leben. Doch lediglich etwas mehr als fünf Millionen Menschen in 25 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas reinigen heute ihr Trinkwasser mit Sonne, so die EAWAG.

Denn das Verfahren hat auch seine Tücken. Während Meierhofer berichtet, dass "die Zahl der Durchfallerkrankungen in den Gemeinden, die Sodis nutzen, um 20 bis 60 Prozent zurückgeht", kommt eine der umfassendsten Feldstudien zu einem anderen Ergebnis: 2009 Forscher hatten unter der Ägide des Schweizer Tropeninstituts eine einjährige Kampagne in acht Gemeinden durchgeführt. Sie beauftragten eine Nichtregierungsorganisation, die Methode in elf ländlichen Gemeinden zu etablieren. Diese schulte die Bewohner im Umgang mit der solaren Aufbereitungstechnik. Dennoch litten die Kinder dort statistisch gesehen nicht seltener an Durchfällen als andernorts. Als Grund vermutet Daniel Mäusezahl vom Tropeninstitut, dass die Wasseraufbereitung nicht oder nicht richtig angewendet wurde. Zerkratzte Plastikflaschen etwa lassen nicht genug Licht hindurch.

Aber auch andere Gründe stehen einer Verbreitung der Methode im Weg: "Eine Verhaltensänderung braucht einen langen Atem. Manche Familien haben keine Lust darauf und argumentieren, die Großeltern hätten schon das unbehandelte Wasser getrunken", erzählt Meierhofer. Probleme bereitet überdies schlammig-trübes Wasser, die ultraviolette Strahlung kann darin nicht tief genug eindringen. Das allerdings konnte US-Umweltforscher Pearce mit einem denkbar einfachen Trick aus der Welt schaffen: mit einer Prise Salz. Das Salz sorgt dafür, dass sich die Erdpartikel zusammenballen, zu Boden sinken und die übrige Flüssigkeit lichtdurchlässiger wird. Das Wasser schmeckt leicht salzig, jedoch nicht intensiver als isotonische Getränke.

Zwischenzeitlich stand der Erfolg von Sodis allerdings auf Messers Schneide. Denn in Europa raten Toxikologen davon ab, Wasser in PET-Flaschen länger der Sonne auszusetzen. Dadurch kann das Plastik Chemikalien freisetzen, etwa krebserregendes Antimonoxid, das in der Kunststoffproduktion verwendet wird. Die EAWAG selbst gibt Entwarnung und verweist auf eine Studie, der zufolge auch nach sechs Stunden in der Sonne weniger Chemikalien im Wasser waren als im Schweizer Trinkwasser. Die Daten sind zwar unveröffentlicht. Aber auch Pearce ist sich sicher: "Die Gefahr, durch Krankheitserreger zu sterben, ist viel größer, als an den Verunreinigungen Schaden zu nehmen." (bsc)