SpaceX und der Tourismus

Die Elon-Musk-Firma könnte jetzt Superreiche in die Erdumlaufbahn befördern. Doch gibt es dafür wirklich einen Markt?

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Die beiden ersten SpaceX-Raumfahrer.

(Bild: NASA/Kim Shiflett)

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Mit ihrem letzten Raketenstart gelang dem privaten amerikanischen Raumfahrtunternehmen SpaceX etwas wirklich Historisches. Die Crew Dragon der Firma ist nun das erste private Raumschiff, das Menschen in den Orbit befördern kann – ein Meilenstein für die NASA, die amerikanische Weltraum-Industrie und die Firma selbst. Nach der großen Vorstellung kommentierte Jim Bridenstine von der US-Weltraumbehörde, dass die Mission dabei geholfen habe, ein neues Geschäftsmodell zu begründen. Die NASA wäre demnach nur einer von vielen Kunden, die sich nun der Privatindustrie zuwenden, um ihre bemannten Weltraumbedürfnisse zu stillen.

In den Medien war vielfach die Rede davon, dass SpaceX nun eine "neue Ära" des Reisens in den Weltraum eingeführt habe, mit der die niedrige Erdumlaufbahn kommerzialisiert werde und Privatraketen nun wie Fähren genutzt werden, um Menschen hinein ins All und zurückzutransportieren. "Die NASA will nicht Eigentümer und Betreiber dieser Hardware sein", sagte Bridenstine. "Wir wollen auch nicht die einzigen Kunden sein. Wir wollen, dass SpaceX und andere Unternehmen sich externe Kunden beschaffen."

Doch obwohl SpaceX nun die Fähigkeit bewiesen hat, Menschen ins Weltall zu schicken (das gilt auch für Boeing, sobald dessen Raumschiff "Starliner" erfolgreich demonstriert hat, dass es Astronauten ins All bringen kann), ist noch unklar, ob es einen rentablen Markt mit Kunden gibt, die diese Option in Anspruch nehmen würden. "Ich denke, dass dieser Raketenstart mehr symbolisch war, als dass er jetzt tatsächlich dazu führen wird, dass die Erdumlaufbahn für richtige Privatreisen zugänglich wird", sagt John Logsdon, Experte für Weltraumpolitik an der George Washington University.

Um die Hintergründe besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück auf SpaceX' Entwicklung der Rakete Falcon 9 und der Dragon, dem unbemannten Raumtransporter und Vorgänger der Crew Dragon. 2008 erhielten SpaceX und Orbital Sciences (später übernommen von Northrop Grumman) Milliarden-Dollar-Verträge der NASA, um Raumfahrzeuge zu entwickeln, die Frachtgüter zur International Raumstation ISS befördern können. Die US-Weltraumbehörde wollte mit diesem Auftrag nicht nur unabhängig von russischer Transporttechnik werden, sondern der noch in Kinderschuhen steckenden US-Weltall-Privatindustrie einen Aufschwung verleihen.

Für SpaceX war das die einmalige Chance, um zu einem zuverlässigen Dienstleister für die ISS zu werden. Es gab "einen Markt, der auf diese Fähigkeiten gewartet hatte", sagt Casey Dreier, leitende Beraterin für Weltraumpolitik bei der Planetary Society, einer nichtstaatlichen Organisation zur Erforschung des Sonnensystems. Die Falcon 9 brachte sich in den noch jungen internationalen Markt als günstige Alternative ein. Dank seiner Wiederverwendbarkeit wurde das System von SpaceX zur ersten Wahl für Satellitenbetreiber und begründete auch eine Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium, bei dem zuvor noch der Konkurrent United Launch Alliance das Monopol besaß. Dragon wurde nur für ISS-Missionen verwendet, doch dank der Wiederverwendbarkeit des Raumschiffs konnten Kosten eingespart werden. Dieses Know-how hat SpaceX später dabei geholfen, Crew Dragon zu entwickeln.

Bei privaten Weltraumreisen mit Menschen aber verhält sich vieles anders. Laut Dreier handelt es sich mehr um eine Art Traum-Geschäftsmodell, bei dem Produkte vorab entwickelt werden (Crew Dragon und Starliner) – und zwar in der Hoffnung darauf, dass der Markt sich dafür begeistern wird. Konkret sind das Kunden außerhalb der NASA. Doch bislang plant SpaceX nur zwei NASA-unabhängige Crew-Dragon-Missionen (eine für Axiom Space, das einen selbstrainierten Astronauten und drei Touristen zur ISS schicken will; und eine für Space Adventures, die vier Touristen für einen drei- bis fünftätigen Aufenthalt in die Umlaufbahn schicken wollen). Boeing hat bislang noch keine derartigen Missionen vorgesehen.

Bemannte Weltraumflüge sind nach wie vor enorm kostspielig, egal, wie viele der Ressourcen wiederverwendbar sind. Es braucht zuverlässige Lebenserhaltungssysteme. Mit einem Preis von 55 Millionen US-Dollar pro Sitzplatz auf einem Crew-Dragon-Flug verspricht Weltraumtourismus in den Orbit keine nachhaltige Einkommensquelle zu werden – es gibt einfach nicht genug Superreiche, die so viel Geld verschleudern können. Die Unternehmen Virgin Galactic und Blue Origin, die Weltraumtourismus vollständig oder zumindest größtenteils zu ihrem Geschäft gemacht haben, fokussieren sich bislang auf Suborbital-Flüge. Die dauern nur einige Minuten und sind wesentlich günstiger.

Experte Logsdon weist auch darauf hin, dass schon die Vorbereitung für den erste Crew-Dragon-Flug sehr teuer war (Flugzeuge weltweit standen auf Standby, Gewässer mussten von Schiffen freigemacht werden, aufwändige Vorbereitungen am Kennedy Space Center getroffen werden). Außerdem handelte es sich um eine von der Regierung unterstützte Mission; ein privater Flug würde also nicht unbedingt das gleiche Maß an Freiheit genießen. Logsdon meint, dass das nicht mit kommerzieller Weltraumfahrt vergleichbar ist.

Auch wenn Kosten und Risiken überschaubarer wären, blieb noch immer ungewiss, ob bemannte Weltraumreisen zu einem wertvollen Wirtschaftsfaktor werden könnten. Unternehmen debattieren schon lange darüber, ob die Schwerelosigkeit in der Erdumlaufbahn dafür genutzt werden sollte, die Produktion von großen Massenkörpern oder gefährlichen Materialien zu beschleunigen, oder um neuartige Medikamente zu entwickeln, um Leiden der Menschen auf der Erde zu behandeln (da Kristallstrukturen im Weltall anders wachsen). Das alles sind noch vage Vorstellungen und es ist unklar, ob ihre Realisierung überhaupt auf menschliche Präsenz im All angewiesen wäre. "Vielleicht haben wir manches noch nicht durchdacht", sagt Dreier. "Aber wir führen diese Gespräche seit den Siebzigern. Die Tatsache, dass die Antwort auf diese Fragen nicht offensichtlich ist, sollte uns etwas mitteilen."

Es gibt einen weiteren, großen Markt für kommerzielle, bemannte Weltraumreisen: Astronauten anderer Länder, die bislang bei der NASA nicht mitfliegen können. "Unter den potentiellen Kunden, die das Geld hätten, dafür zu zahlen, sind andere Länder", sagt Logsdon. Selbst bei einem privaten Raumschiff wird ein großer Nationalstolz sichtbar, wenn es gelingt, ins All vorzustoßen. Greg Autry, ein Raumfahrtexperte an der University of Southern California, hält das Ausland für einen Riesenmarkt, wenn man bedenkt, dass SpaceX Tickets für weniger als 100 Millionen Dollar pro Sitzplatz anbieten kann. Offensichtlich sind damit amerikanische Alliierte gemeint, die bereits in der Vergangenheit zur ISS gereist sind (ein japanischer Astronaut reist übrigens August mit der Crew Dragon zur ISS). "Ich denke, wir werden eine Menge Entwicklungsländer sehen, die sich nun hervortun und beteiligen wollen", sagte er.

Einige Länder, darunter Chile und Saudi-Arabien, haben tatsächlich Astronautentruppen oder trainierte Astronauten, die fliegen könnten – es fehlt nur an einem Raumschiff, das sie ins Weltall befördern würde. Diese Flüge nun könnten für diese Länder eine nützliche Erfahrung sein, um ihre eigene Weltraum-Kompetenz auszubauen und ihren Forschern und Ingenieuren beizubringen, wie sie später bemannte Missionen ins All durchführen können. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben es mit ihrer "Hope Mars"-Mission vorgemacht. SpaceX wird nicht jeden ins All schicken können. Jeder ausländische Zugang zu einem amerikanischen Raketensystem braucht die Genehmigung des US-Außenministeriums. "Es wird keine Leute aus Iran oder China auf diesen Flügen geben, das wird nicht passieren", sagt Autry. SpaceX und Boeing sind auch nicht die einzigen Player, auf die man achten sollte – Blue Origin wird auch bald in der Lage sein, Menschen in den Orbit zu schicken, genauso wie auch die Sierra Nevada Cooperation. Doch Logsdon nennt es "sehr fragwürdig", ob SpaceX oder irgendein anderes Unternehmen einen Flug für Menschen in den Orbit anbieten können wird, der tatsächlich Profit verspricht. Die Raumschiffe sind also gebaut, aber der Markt muss erst noch kommen.

(bsc)