Staatliche IT: Warum es so schwer ist, gute Systeme zu entwickeln

Überall auf der Welt kämpfen Regierungen damit, vernünftige Software aufzusetzen. Fünf US-Experten sprechen über die Hintergrunde.

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(Bild: MS Tech / Unternehmen)

Von
  • Cat Ferguson
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Das Pandemie-Jahr war lang und herausfordernd – und es ist noch nicht vorbei. Es hat unter anderem demonstriert, wie schlecht staatliche Technik noch immer funktioniert. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind hier ein gutes Beispiel: Manche Versuche sind komplett gescheitert, andere mussten ständig von Regierungen ausgebessert werden. Wirtschaftsvertreter und inoffizielle Hilfsgruppen haben sich zusammengetan, um vorhandene Versorgungslücken zu stopfen.

Es wurden Warn-Apps entwickelt, die eine potentielle Ansteckungsgefahr mit Corona identifizieren sollten, ohne dabei die Privatsphäre der Nutzer zu verletzen. US-Webseiten für die Beantragung der Arbeitslosenhilfe, auf denen es ohnehin schon rege zugeht, fielen reihenweise einfach aus. Parallel dazu streikte regelmäßig die IT im fragmentierten Gesundheitswesen der USA. Während all dem mussten Politiker, Entwickler und Amtsträger die ihnen übertragenen persönlichen Daten sicher verwalten – und, das war vielleicht die größere Herausforderung, die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass dies vernünftig vonstatten ging.

Fallbeispiel USA: Was würde es brauchen, damit Regierungstechnologie gut funktioniert? Was sind die Grundlagen für eine gesunde technische Infrastruktur, über die die benötigte Hilfe auch ankommt? Fünf Expertinnen und Experten helfen, nachzuvollziehen, warum es so schwierig ist, gute staatliche Technik aufzubauen und geben Ratschläge für eine technische Infrastruktur, die gut für die Menschen funktionieren sollte, die auf sie angewiesen sind.

Liana Dragoman ist Direktorin des Service Design Studio der Stadt Philadelphia. Die Einrichtung arbeitet an einem besseren Zugang für Bürger zu staatlichen On- als auch Offline-Angeboten. Cyd Harrell ist Civic-Design-Beraterin und ehemalige Stabsschefin von 18F, einer US-Bundesbehörde, die die Zusammenarbeit bei Technologieprojekten fördert. Dan Hon ist ehemaliger Redaktionsleiter von "Code for America" und Direktor von Very Little Gravitas, einer Beratungsfirma, die Regierungen dabei hilft, ihre Technik und Gesetze zu modernisieren. Sha Hwang ist COO und Mitgründer von Nava Public Corporation, einem staatlichen Technologieunternehmen, das nach der desaströsen Umsetzung von Healthcare.gov zur Reparatur gegründet wurde. Alexis Madrigal ist Autor bei The Atlantic und Mitgründer des COVID Tracking Projects, einem Freiwilligenvorhaben, das Corona-revelante Daten sammelt und zugänglich macht.

Cyd Harrell: "Regierung" bezeichnet in den USA sehr viele verschiedene Dinge. Neben der US-Bundesregierung gibt es 50 Länderregierungen, 3000 Landkreise – die jeweils eine andere Rolle in verschiedenen Teilen des Landes spielen – und 20.000 Gemeinden. So vielen verschiedenen Parteien gehört ein Teil der Daten, der mitbestimmt, ob jemand an einem bestimmten Ort berechtigt ist, einen Termin zu bekommen für eine Impfstätte. Es sind nicht nur Regierungen, sondern Krankenhäuser, Kliniken und Apotheken; sie alle müssen Einigungen finden, Daten miteinander zu teilen und ihre Systeme müssen zusammenarbeiten – was sie in aller Regel aber nicht tun. Bei all dem ist Web Design vielleicht der einfachste Teil, einschließlich der Verantwortung für die Menschen, die keinen Internetzugang haben.

Alexis Madrigal: Oftmals ist die eigentliche Technik nicht so kompliziert. Das Problem ist das System, das ihr zugrunde liegt. Wenn die Bundesregierung Daten will, die Länder normalerweise aber nicht für deren eigene Arbeit abfragen und speichern, dann muss es jemanden geben, der das tut. Doch während eines Notfalls, wenn jeder alle Hände voll zu tun hat, hat das keine Priorität. Ohne ein nationales Gesundheitssystem gibt es keine Möglichkeit, einfach Teste oder allgemeine Infektionsfälle nachzuvollziehen.

Sha Hwang: Die Arbeit mit Legacy-Systemen nenne ich "Software-Archäologie". Man denke etwa an Häuser, die gebaut wurden, bevor die städtische Infrastruktur existierte – die wurden nicht mit Anschluss an die Stadtverteilnetze oder das Stromnetzwerk gebaut. Man muss also die eine Person finden, die dieses System seit 30 Jahren bewahrt hat, die eine Kalkulationstabelle immer wieder aktualisiert hat, mit einer Millionen Reihen und verrückten Farb-Codes.

Bei neuen Systemen gibt es eine Phase, in der man oft hört, dass Käufer aus der Regierung nur einen Partner wollen, der dann zum Sündenbock werden kann, wenn was falsch läuft. Große Anbieter wie Deloitte und Accenture bringen all die Menschen mit, die ein Projekt benötigt. Aber indem man die potentielle Verantwortung nach außen verlagert, geben Betreiber auch das ganze technische Fachwissen ab. Sie sperren sich sozusagen ein. Wenn das System versagt, müssen sie sich auf die Anbieter verlassen, die ihnen das Loch gegraben haben. Nur dann kommen sie da wieder raus.

Dan Hon: Niemand wird dafür gefeuert, Deloitte oder IBM angeheuert zu haben. Und wenn Anbieter immer wieder die gleichen Aufträge für Dinge bekommen, die sie schlecht erledigt haben, gibt es keinen Anreiz für sie, nicht weiter miese Systeme zu bauen. Regierungsanfragen für Angebote sind häufig so verfasst, dass sie nur zu einem oder zwei Anbietern passen. Das sind dann so "Ja"/"Nein"-Boxen für Voraussetzungen wie "Der Anbieter muss für ein Gesundheitssystem gearbeitet haben, das mehr als 500.000 Menschen bedient." Mir ist doch egal, ob dieses System existiert – ich will aber wissen, ob die Menschen, die es nutzen, damit klarkommen.

Liana Dragoman: Viele Anwendungen sind gemessen an der Funktionsweise einer Regierung konzipiert und entsprechen eben nicht den Bedürfnissen der Bewohner. Wenn man sich um eine Genehmigung bemühen will, ein bestimmtes Fußballfeld nutzen zu dürfen, dann sollte man dafür nicht wissen müssen, welche bestimmte Abteilung von Parks & Rec einem diese spezielle Genehmigung erteilen kann. Bewohner wollen einfach auf die Webseite der Stadt gehen und ein Formular ausfüllen. Navigation durch komplexes Design

Hon: In der Impfstoffverteilung spielen viele komplexe Regularien eine Rolle. Aber auf der Webseite oder in der App wird diese Erfahrung runtergebrochen auf die Frage, wieso man nicht herausfinden kann, ob man impfberechtigt ist. Man will ja nur einen Termin! Wut und Frust der Menschen sind an dieser Stelle absolut angemessen. Aber so wurde das System entworfen. In den USA gibt es diese Obsession mit dem Föderalismus und die Delegation von Macht an immer kleinere Behörden. Man wollte das, man baute sich das auf. Und das kommt dabei raus. Datentracking über viele Länder

Madrigal: Im letzten Jahr hat die US-Regierung 750 Millionen Dollar für einen Haufen Antigen-Tests ausgegeben, der an die Länder geschickt wurde. Die kamen mit einer App, also konnte man sein Testergebnis auf dem Handy sehen. Aber es gab keine Möglichkeiten für die Stätten, die den Test durchführten, einen Bericht darüber an die Regierung zu senden. Es gab nicht mal Identifikationsnummern auf den Tests. Die Länder mussten ihr eigenes Nachverfolgungssystem bauen. Sie haben Nummern auf die Tests geklebt, sodass Standorte durchgeben konnten, welche bereits verwendet wurden.