Start-up hilft besser hören

Die Schweizer Firma Fennex hat eine iPhone-App entwickelt, die Menschen mit Hörschäden im Alltag unterstützt.

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Von
  • Rachel Metz

Was wäre, wenn man ein reguläres Hörgerät durch ein Paar drahtlose Ohrstöpsel samt Smartphone-App ersetzen könnte? Ein junges Unternehmen aus dem Alpenland will diese Ideen nun umsetzen. Das Start-up namens Fennex hat kürzlich eine gleichnamige iOS-Software vorgestellt, die für Apples iPhone samt der komplett drahtlosen Kopfhörer AirPods gedacht ist. Die Plattform habe man nicht nur aufgrund ihrer Popularität ausgesucht, so Firmenchef Alex Mari, sondern auch, weil es auf Android-Geräten eher Probleme mit der Latenz bei der Klangbearbeitung gibt.

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Die Fennex-App ist derzeit kostenlos, für Zusatzfunktionen könnte künftig aber Geld verlangt werden. Noch befindet sie sich ganz am Anfang: In der aktuellen Inkarnation dient sie als "billiges Hörgerät". Dazu wird zunächst die Hörleistung in jedem der beiden Ohren getestet und dieses Ergebnis dann verwendet, um eine personalisierte, anpassbare Klangverstärkung zu erzielen. Wer beispielsweise Schwierigkeiten hat, einem Vortrag an der Uni zu folgen, kann das Telefon in der Nähe des Rednerpultes platzieren und der Rede dann auch aus einer hinteren Reihe mittels AirPods lauschen.

Später soll die App noch deutlich schlauer werden. So sind Klangprozessoralgorithmen geplant, die unerwünschte Geräusche oder Feedbackeffekte ausfiltern. Die App könnte auch von Nutzern verwendet werden, die in bestimmten Situationen einfach nur besser hören wollen. Wenn alles klappt, könnten App und Apple-Hardware damit eines Tages zu einer Alternative für reguläre Hörgeräte werden, glaubt Mari – zumindest bei moderaten Hörverlust. "Wir wollen so nah wie möglich an Hörgerätetechnik herankommen."

Die Fennex-App ist Teil eines größeren Trends, bei dem Smartphones und Kopfhörer dazu verwendet werden, das Hören zu verbessern – sowohl für Menschen mit Hörbehinderung als auch normale Nutzer, die nur anpassen wollen, was sie auf ihre Ohren bekommen. So gibt es etwa die App Pretralex, die mit Kopfhörern und Smartphones arbeitet wie Fennex, aber auch spezielle Kopfhörer mit eigenen Apps, wie sie etwa Doppler Labs mit dem Here One produziert. Im Gegensatz zu Hörgeräten, die Tausende Euro teuer sein können, zahlt man bei diesen "Hearables" nur einige Hunderter – plus Smartphone, versteht sich.

Fennex zufolge ist die App der Firma die einzige, die bislang speziell für Apples AirPods entwickelt wurde. Und da sich der Hersteller schnellen Schritts von traditionellen Kopfhöreranschlüssen verabschiedet (seit dem iPhone 7 fehlt die Klinkenbuchse und der einzige verbleibende Anschluss, der Lightning-Port, dient auch dem Aufladen), könnten sich komplett drahtlose Stöpsel womöglich künftig im Markt durchsetzen.

Larry Humes, Professor für Sprach- und Hörwissenschaften an der Indiana University Bloomington, ist optimistisch, dass Anwendungen wie Fennex traditionelle Hörgeräte ersetzen könnten – zumindest für Menschen mit mildem bis mittlerem Hörverlust. In den USA könnte dabei helfen, dass die Gesundheitsaufsicht FDA gerade eine freiverkäufliche neue Klasse von Hörhilfen genehmigt hat. Einen Arztbesuch könne man sich also gegebenenfalls sparen.

Bei Fennix ist man sich des Risikos bewusst, mit seiner Software nur auf eine Art von Kopfhörern zu setzen – eben den AirPods. Und nur Apple kontrolliert die Hardware und gibt Entwicklern Zugriff auf die Software – oder auch nicht.

Es gibt außerdem noch Probleme mit Hörverzögerungen. Fennex arbeitet, in dem die AirPods-Mikrofone die Umgebung aufnehmen, dieses Signal dann an die iPhone-App geschickt wird, das dann wiederum nach Verarbeitung zurück auf die Ohrstöpsel kommt. Aktuell liegt die Latenz bei 130 Millisekunden. Für das Zuhören mag das ausreichen, doch in lebhaften Konversationen fällt das auf.

(bsc)