Stimmen fangen mit Twitter

Nur noch wenige Politiker verzichten darauf, sich in sozialen Medien zu Wort zu melden. Laut einer Studie von britischen Forschern können solche Aktivitäten messbaren Einfluss auf Wahlergebnisse haben.

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  • TR Online
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Die Bedeutung von Twitter in der Politik war nie größer als heute. Schon der vorige US-Präsident Barack Obama wurde als der erste Soziale-Medien-Präsident bezeichnet, weil er bei Popularität und Aktivität weit vor seinen Konkurrenten lag. Und auch sein Nachfolger Donald Trump nutzt Twitter intensiv, wenn auch in einer umstritteneren Form, um Diskussionen anzustoßen, Dampf abzulassen und politische Vorgaben zu machen.

Eindeutig spielen soziale Medien also eine wichtige Rolle in der politischen Debatte. Viele Politiker stellen in Wahlkämpfen hunderte oder sogar tausende Nachrichten pro Tag ein und investieren erheblichen Aufwand in ihre Präsenz auf den unterschiedlichen Plattformen. Das wirft eine interessante Frage auf: Lässt sich kalkulieren, wie stark sich diese Bemühungen in Wählerstimmen niederschlagen?

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Jonathan Bright und Kollegen am britischen Oxford Internet Institute haben sich an einer Antwort darauf versucht. Wie sie schreiben, boten die beiden jüngsten Wahlen in Großbritannien eine einzigartige Gelegenheit, zu testen, welche Rolle Twitter für das Ergebnis gespielt hat.

Bislang konzentrierten sich die meisten Untersuchungen zum Einfluss von sozialen Medien auf einzelne Wahlereignisse. Doch das kann problematisch sein, weil sich die Wirkung sozialer Medien schlecht von anderen Faktoren trennen lässt, die dabei eine Rolle spielten, beispielsweise dem Grad der Professionalität eines Wahlkampfs oder die Höhe der dafür aufgewendeten Mittel.

Der Vergleich von zeitlich weit auseinanderliegenden Wahlen ist ebenfalls heikel. Denn im Verlauf einer Legislaturperiode von meist vier oder fünf Jahren kann sich die Art und Weise, wie Politiker und Wähler soziale Medien nutzen, stark verändern.

Damit boten die zwei relativ kurz nacheinander abgehaltenen Wahlen in Großbritannien eine günstige Gelegenheit für tiefere Analysen. Die erste fand am 7. Mai 2015 statt, die zweite nach einem Vorlauf von nur 24 Tagen am 8. Juni 2017.

Bei den Wahlen bestimmten die britischen Bürger 650 Abgeordnete für ihr Parlament, die jeweils einen Bezirk von etwa 70.000 Wählern vertreten. Sieben große Parteien mit zusammen rund 6.000 Kandidaten traten an, 820 davon bei beiden Wahlen, wurden also doppelt gezählt.

67 Prozent der Kandidaten im Jahr 2015 nutzten Twitter, 2017 waren es 63 Prozent. Der Rückgang dürfte auf die kurzfristige Ausrichtung der Neuwahlen nach dem Brexit-Referendum zurückzuführen sein: Viele Kandidaten wurden erst in letzter Minute bestimmt, sodass sie wenig Zeit hatten, eine Strategie für soziale Medien zu organisieren.

Trotzdem war die Twitter-Aktivität 2017 insgesamt höher. Kandidaten mit einem Zugang verschickten 2015 im Median-Durchschnitt 86 Tweets. 2017 lag diese Zahl bei 123,5 Tweets oder 5,1 am Tag.

Hinter diesen Durchschnitten verbergen sich deutliche Unterschiede bei der Twitter-Präsenz von bereits im Parlament sitzenden Politikern und ihren Herausforderern. Im Jahr 2015 hatten 87 Prozent der Amtsinhaber Twitter-Konten, bei den Herausforderern waren es nur 73 Prozent. Im Jahr 2017 war dieser Unterschied sogar noch größer: 84 Prozent der Amtsinhaber, aber nur 58 Prozent der Herausforderer nutzten Twitter. Auch hier dürfte der Grund dafür in der Eile bei der Neuwahl liegen.

Die eigentliche Forschungsfrage von Bright und Kollegen aber lautete: Bekommen Politiker, die Twitter intensiver nutzen, mehr Stimmen? Ihre Antwort: Ja, aber nur in geringem Umfang.

Allerdings zeigten sich bei manchen Gruppen durchaus größere Unterschiede. "Abgeordnete mit einem Twitter-Konto hatten 7-9 Prozent höhere Stimmanteile als solche ohne Twitter", schreiben die Forscher. Außerdem konnten Politiker nach den Berechnungen ihren Stimmanteil um 1 Prozent steigern, wenn sie die Zahl ihrer Tweets um einen Faktor zwischen 0,28 und 1,75 erhöhten.

Das mag nach einer unbedeutenden Erhöhung klingen, doch in vielen Fällen hätte sie das Ergebnis in den Bezirken verändert: "In rund 14 Prozent der Wahlbezirke, die unserer Untersuchung zugrundeliegen, lag der Abstand unter 5 Prozentpunkten, und in 4 Prozent der Bezirke unter 1 Prozentpunkt", schreiben Bright und Kollegen.

Für Beobachter, die bislang die Bedeutung von sozialen Medien heruntergespielt haben, dürfte das Stoff zum Nachdenken sein. Manche von ihnen behaupten, über soziale Medien verbreitete Botschaften würden nur loyale Wähler erreichen und wenig dazu beitragen, andere zum Wechsel zu bringen. Die Studie der britischen Forscher spricht gegen diese Vorstellung.

Bright und Kollegen formulieren es so: "Insgesamt sprechen die Daten dafür, dass die Nutzung von sozialen Medien in Wahlkämpfen einen konkreten und erheblichen Unterschied macht."

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