Streit um Dosis bei Durchleuchtung

US-Wissenschaftler bemängeln, dass die Behörden die Strahlenwirkung von Körperscannern systematisch unterschätzen. Die bisherigen Daten halten sie für unzureichend.

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Von
  • Lauren Cox

US-Wissenschaftler bemängeln, dass die Behörden die Strahlenwirkung von Körperscannern systematisch unterschätzen. Die bisherigen Daten halten sie für unzureichend.

Viele Menschen empfinden den Einsatz von Körperscannern – im Volksmund „Nacktscanner“ genannt – bei Sicherheitskontrollen als entwürdigend. Während die Geräte in Deutschland lediglich am Hamburger Flughafen im Testbetrieb sind, werden sie in den USA bereits an vielen Flughäfen eingesetzt – und sorgen dort für eine heftige Debatte. Dabei geht es nicht nur um die Privatsphäre, sondern auch um gesundheitliche Belastung der Strahlung: Einige Wissenschaftler warnen, dass deren Auswirkungen unterschätzt werden.

Neben Terahertzstrahlung niedriger Energie, deren Wellenlänge im Millimeterbereich liegt, setzen manche Hersteller auch energiereichere Röntgenstrahlung zum Durchleuchten von Personen ein. Weil Röntgenstrahlen Atome oder Moleküle ionisieren können, lösen sie mitunter Zellveränderungen aus. Die können im schlimmsten Falle zu Krebs führen.

Die Strahlungsdosis, die ein Passagier durch die Geräte abbekommt, ist zwar gering. Bereits im April warnten vier Forscher der University of California in San Francisco (UCSF) aber in einem offenen Brief an das Weiße Haus, dass die US-Regierung die Gefährdung durch die ionisierende Strahlung unterschätze. Die effektive Dosis sei möglicherweise um ein bis zwei Größenordnungen höher.

Während ein Dosiswert zunächst nur ausdrückt, wieviel Strahlungsenergie in einem Zeitraum auf einer Masse auftrifft, berücksichtigt die effektive Dosis auch deren räumliche Verteilung und die unterschiedliche Empfindlichkeit verschiedener Organe. Genau hier sehen die UCSF-Forscher das Problem: Die Zulassungsbehörde FDA geht nämlich davon aus, dass die Strahlung eines Scanners über den gesamten Körper verteilt auftrifft.

Entsprechende Messungen hat sie von der amerikanischen Health Physics Society vornehmen lassen. Die setzte für die Bestimmung der Dosis eine Dummy-Figur aus Acryl ein, auf deren gesamter Oberfläche Sensoren verteilt sind – also nicht nur auf der Vorder-, sondern auch auf der Rückseite. Die Behörde verteidigt das Verfahren: „Auf diese Weise messen wir seit 50 Jahren den Output von Röntgen-Geräten“, sagt FDA-Sprecherin Kelly Classic.

Die an Flughäfen eingesetzten Scanner arbeiten jedoch mit einem anderen Verfahren als medizinische Geräte. Während letztere messen, wie durchlässig Materie für Röntgenstrahlung ist, registrieren Körperscanner die Rückstreuung. Deshalb könne man Testergebnisse von medizinischen Röntgengeräten nicht ohne Weiteres in Beziehung zueinander setzen, gibt Glenn Sjoden, Kerntechnik-Ingenieur am Georgia Institute of Technology, zu bedenken. Die FDA gehe davon aus, dass 1000 Rückstreumessungen durch einen Scanner einer medizinischen Röntgenaufnahme des Brustkorbs entsprechen. Dieser Vergleich liefere aber noch keine genaue Beschreibung des Risikos, so Sjoden.

Der Unterschied liegt in der Energie der verwendeten Strahlung. In Arztpraxen wird energiereiche Röntgenstrahlung verwendet, die den Körper tatsächlich vollständig durchdringt. Die Röntgenstrahlen eines Flughafenscanners haben hingegen eine so niedrigere Energie, dass sie nicht durch die Haut kommen. „Die Haut bekommt also die gesamte Dosis ab“, betont Sjoden. Entsprechend höher könnte deshalb die effektive Dosis in der Haut sein.

Ihn und die USCF-Forscher beunruhigt, dass das Sicherheitspersonal an Flughäfen versehentlich eine zu hohe Dosis an den Geräten einstellen könnte – oder sie gar bewusst hochregelt, um eine bessere Aufnahme zu bekommen. Die Gefahr einer einzigen Durchleuchtung schätzt Sjoden als nicht allzu groß ein. „Sie müssen schon ein Vielflieger sein, um einer starke Gesamtdosis ausgesetzt zu sein“, beruhigt Sjoden.

Dennoch bezweifelt er, dass bereits genug Studien durchgeführt worden sein. Er hält es zwar für prinzipiell möglich, die Ganzkörperdosis eines mit Rückstreuung arbeitenden Scanners zu messen und auf eine effektive Hautdosis umzurechnen. Wichtig sei aber, gezielt auch die Wirkung auf Kinder, Senioren und Menschen mit einer genetischen Krebsveranlagung zu untersuchen. Denn diese Gruppen reagierten empfindlicher auf ionisierende Strahlung. „Mein Eindruck ist, dass noch eine Menge Arbeit wartet“, sagt Sjoden. Die bisherigen Tests seien eigentlich kaum aussagekräftig.

Das sieht auch Ed Nickoloff von der Columbia University in New York so. Für den Radiologen belegen die verfügbaren Daten bislang weder eine harmlose noch eine gefährliche Wirkung. „Nach dem derzeitigen Wissensstand würde ich jedem raten, sich lieber abtasten zu lassen.“ (nbo)