Studie: 55-Prozent-Klimaziel der EU erreichbar

Kurz vor der ersten Beratung über ein strengeres Klimaziel der EU bestätigt eine Studie seine Erreichbarkeit. Sie hält auch ein noch höheres Ziel für möglich.

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(Bild: Roschetzky Photography/Shutterstock.com)

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Eine Studie des Beratungsunternehmens Climact im Auftrag der Stiftung European Climate Foundation zeigt, wie 55 oder 65 Prozent Emissionsminderung möglich und welche sozioökonomischen und technologischen Lösungen dazu nötig wären. Die Studie entstand im Zusammenhang mit einer Initiative der EU-Kommission, welche vorsieht, die bereits beschlossene CO2-Reduktion von derzeit 40 Prozent gegenüber 1990 bis 2030 auf mindestens 50 bis 55 Prozent zu erhöhen, um bis zum Jahr 2050 eine Klimaneutralität zu erreichen.

Mit dem höheren Ziel für 2030 könnten sich die Kosten auf einen längeren Zeitraum verteilen lassen und würden in den letzten beiden Dekaden nicht so stark steigen müssen, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Darüber soll am Dienstag erstmals in der EU beraten werden.

Für das 55-Prozent-Ziel haben die Autoren der Studie von Climact zwei Wege angenommen, einen vorwiegend über Technologien zur Emissionsreduktion und einen mit einer deutlichen Verhaltensänderung breiter Gesellschaftsschichten. Letztere brächte laut Studie als positive Nebenwirkungen neben geringeren Energiekosten auch Vorteile bei Gesundheit, Biodiversität, Erhalt von Landschaft und Ökosystemen mit sich.

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Im Szenario "geteilte Anstrengung" kommen kaum  Brennstoffzellenfahrzeuge vor, im technologielastigen dagegen schon. Das ist konsequent, denn die Wasserstofftechnologie erfordert einen hohen, mit der angenommenen Verhaltensänderung aber vermeidbaren Aufwand. 
(Bild: Climact)

Für das ehrgeizigste Ziel – die 65 Prozent – gilt die Zusatzannahme, dass man 17 Megatonnen CO2 sequestrieren würde ("CCS", carbon dioxide capture and storage), für die beiden anderen sind es 24 respektive 7. Damit bleibt eine umstrittene Möglichkeit mit ungewisser Akzeptanz im Spiel. Effekte durch Landnutzungsänderungen wurden im Gegensatz zu den EU-Plänen ebenfalls mit in die Betrachtung aufgenommen. Sie könnten einen bedeutenden Beitrag leisten, wenn frei werdende Flächen als mögliche CO2-Senken miteinbezogen werden – nämlich wenn man dort Pflanzen CO2 aus der Atmosphäre binden lässt.

In allen drei Szenarien (zweimal 55 Prozent mit verschiedenen Ansätzen und einmal 65 Prozent) wird von einem 60- bis 93-prozentigen Anteil von elektrifizierten Autos (also mit Akku oder Brennstoffzelle) am Neuwagenverkauf bis 2030 ausgegangen. Der Anteil an batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) überwiegt dabei: Für das erste 55-Prozent-Szenario sind es 88, davon 85 Prozent BEV. Für das alternative 55-Prozent-Szenario sind es nur 60, davon 95 Prozent BEV. Für das Ziel mit 65 Prozent Minderung werden 93 Prozent angenommen, davon 91 Prozent BEV.

Gleichzeitig müssten Carsharing und eine Verlagerung auf ÖPNV, Fuß- und Radverkehr zu den Zielen beitragen. Das geringste, aber dennoch entscheidendes Minderungspotenzial wird beim Flugverkehr gesehen, hier müssten staatlich geförderte Innovationen bei Kraftstoffen und im Flugzeugbau helfen.

Die Stromerzeugung aus Sonne und Wind müsste sich je nach Minderungsziel von 2018/19 bis 2030 verdoppeln oder verdreifachen. Dann müsste der erzeugte Kohlestrom von 470 TWh beim 55-Prozent-Ziel auf höchstens 50 TWh sinken, beim 65-Prozent-Ziel auf 25 TWh. Die Nutzung von Erdgas wird in allen Szenarien der Studie gegenüber 2019 wenigstens halbiert. Der Ansatz mit der stärksten Reduktion und der "vernunftbasierte" Weg Richtung 55-Prozent-Ziel benötigen nur noch bis 2040 Kohle zur Energieerzeugung. Kohle soll dennoch nicht ganz verschwinden, sie soll für die (von den Autoren nicht bezifferte) Grundlast vorgehalten werden.

Energetische Sanierungen des Wohnungsbestands müssten zwischen 1,8 und 2,5 Prozent jährlich mit einer 35-prozentigen Energieeffizienz sowie ab 2025 mit einer 2,3 bis 3,5-prozentigen jährlichen Renovierungsrate und 80-prozentiger Effizienz ab 2030 je nach Szenario erreichen. Mit den Maßnahmen sind nicht nur eine bessere Isolierung gemeint. Auch Wärmepumpen, Geothermie und klimaneutrale Fernwärme müssten zur Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung beitragen. Zusätzlich angenommen wird das Ziel einer Abrissrate von nur mehr 0,22 Prozent, zu erreichen zwischen 2024 und 2027, ebenfalls je nach Szenario.

Die Landwirtschaft müsse ihre Emissionen um mindestens 39 Prozent gegenüber 1990 senken. Unter anderem sollte dazu der Anbau von Bioenergiepflanzen zugunsten der Verwertung von Biomasse aus Rückständen der Landwirtschaft oder aus Abfall eingestellt werden. Der Fleischkonsum müsse um 11 bis 30 Prozent sinken.

Bislang hat die EU nach eigenen Angaben bis 2018 erst eine Reduktion von 23 Prozent erreicht. Mit den für das 40-Prozent-Ziel vorgesehenen Maßnahmen könnte bis 2030 eine etwa 45-prozentige Minderung erreicht werden, bis 2050 nur 60 Prozent. Bis Anfang September will die EU-Kommission eine eigene Folgenabschätzung für ein 50- und 55-Prozent-Ziel vorlegen. Daraus soll ein Vorschlag abgeleitet werden.

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Geplant ist eine Abstimmung des Umweltausschusses im Europäischen Parlament im Rahmen der Beratungen über ein EU-Klimagesetz am 10. September 2020, Anfang Oktober eine weitere im Plenum. Damit bekäme der Europäische Rat die Grundlage für eine Entscheidung am 15./16. Oktober oder 10./11. Dezember. Das Klimaabkommen von Paris verpflichtet die EU noch 2020 auf ein neues Ziel für 2030.

(fpi)