Studie: Britische Corona-App hat 600.000 Infektionen verhindert

Bislang gab es nur wenige Infos zur Wirksamkeit von Systemen zur Kontakt-Nachverfolgung. Neue Daten aus Großbritannien stärken sie.

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(Bild: Bihlmayer Fotografie/Shutterstock.com)

Von
  • Lindsay Muscato

Die in Großbritannien gebräuchliche App zur Nachverfolgung von Kontakten kann laut Wissenschaftlern rund 600.000 Fälle von Infektionen mit Covid-19 verhindert haben. Das ist eine gute Nachricht zu der britischen App selbst, die erst im zweiten Anlauf richtig funktionierte. Gleichzeitig könnte sie als Schritt nach vorn für solche Systeme zur medizinischen Kontakt-Nachverfolgung allgemein betrachtet werden.

Ein Team der Oxford University untersuchte 1,5 Millionen Benachrichtigungen, die zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember 2020 von der App des britischen National Health Service versandt wurden; in dieser Zeit infizierten sich fast 2 Millionen Menschen mit dem neuartigen Coronavirus. Wie die Analyse zeigte, gingen von jeder positiv darauf getesteten Person im Durchschnitt 4,4 Benachrichtigungen aus. Ohne diese hätte es laut der Hochrechnung zwischen 200.000 und 900.000 zusätzliche Fälle gegeben.

Zudem bestätigen die Daten frühere Berichte, nach denen schon der begrenzte Einsatz von Kontakt-Apps erhebliche Auswirkungen haben kann: Für jede Zunahme der Nutzerzahl um 1 Prozent wurde jetzt ein Rückgang der Fälle um 0,8 bis 2,3 Prozent geschätzt.

Bislang galt die Effektivität derartiger Apps als notorisch schwierig zu messen, sodass die jetzt gemeldeten Zahlen eine wichtige neue Information sind. So hat Raphael Yahalom, Forscher an der Sloan School des MIT, verschiedene davon im Verlauf der aktuellen Pandemie beobachtet. Die neue Studie sei "die umfassendste systematische Analyse eines Einsatzes im großen Rahmen – und damit der überzeugendste Beleg für die Wirksamkeit", sagte er.

Besondere Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit Apps zur Kontakt-Nachverfolgung wie der britischen bereitet das Thema Datenschutz, sagt Jenny Wagner, Programmleiterin Public Health der Linux Foundation. Viele Corona-Apps nutzen das Protokoll von Google und Apple, bei dem die Nutzer anonym gehalten werden. Dadurch ist ihre Privatsphäre gut geschützt – aber für Gesundheitsbehörden und Forscher wird es schwieriger, Informationen zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen oder Muster darin zu finden.

Um das zu umgehen, untersuchten die britischen Forscher die Frage, wie viele Benachrichtigungen verschickt wurden, und verglich diese Daten mit dem, was in der Wissenschaft über das Verhalten des Virus' selbst bekannt ist. Ohne direkt zu wissen, wer die Nachrichten empfing, konnte das Oxford-Team auf diese Weise modellieren, ob die App Wirkung zeigte.

Auf beliebige Länder mit einer Corona-App lässt sich dieser Ansatz jedoch nicht übertragen. Denn unter anderem bräzchte er zumindest ein irgendwie zentralisiertes Gesundheitssystem zur Erfassung der Benachrichtigungen. In den USA zum Beispiel gibt es keine nationale zentrale Datenbank dafür, und die Bundesstaaten nutzen einen Flickenteppich verschiedener Apps, was sich unter der Regierung Biden allerdings ändern könnte.

Dennoch könnten nach der britischen weitere Studien über die Wirksamkeit digitaler Kontakt-Nachverfolgung folgen; die Technik ist inzwischen immerhin fast ein Jahr alt. Weitere Untersuchungen dieser Art haben bereits begonnen, berichtet Yahalom, und eine Studie aus der Schweiz wurde schon Anfang Februar veröffentlicht. Nach den Worten des Forschers lässt sie sich aber kaum direkt mit der jetzt vorgelegten vergleichen.

Insgesamt haben Kontakt-Apps viel Kritik auf sich gezogen. In Ländern, in denen sie freiwillig sind, werden sie relativ selten genutzt, auch wegen Datenschutz-Bedenken. Doch das neue Wissen über die Wirksamkeit könnte manche Menschen dazu bewegen, sie doch herunterzuladen. Mehr Daten könnten zudem zu höheren Investitionen und darüber ebenfalls zu höheren Download-Zahlen führen, sagt Wanger, deren Arbeit die Entwicklung und Analyse von Kontakt-Apps unterstützt. Und mehr Nutzer bedeutet, dass mehr Infektionsketten unterbrochen werden können.

Dieser Artikel erschien in der US-Ausgabe von Technology Review im Rahmen des Pandemic Technology Project, unterstützt von der Rockefeller Foundation. (sma)