Studie: Größere Verbreitung von Krankheiten durch den Klimawandel

Der Klimawandel kann 58 Prozent der von Krankheitserregern ausgelösten Leiden verschlimmern und die Verbreitung begünstigen, so eine neue Studie.

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(Bild: Piyaset/Shutterstock.com)

Von
  • Jennifer Lepies

(This article is also available in Englisch)

Bereits im Jahr 2017 beschäftigte sich der Forscher Camilo Mora mit den Auswirkungen von Hitzewellen auf die menschliche Gesundheit. So beschrieb er mit seinem Team 27 Arten, wie eine Hitzewelle einen Menschen umbringen kann. Diesen Ansatz hat Mora, der an der University of Hawaii zu Biogeographie, Biodiversität und Umwelt forscht, nun ausgedehnt und die Ausbreitung vieler Krankheitserreger vor dem Hintergrund des Klimawandels untersucht. Das Ergebnis: Der Klimawandel kann 58 Prozent der von Krankheitserregern ausgelösten Leiden verschlimmern.

Die im Fachjournal "Natural Climate Change" veröffentlichte Studie hat nicht nur die generelle Erwärmung durch steigende Treibhausgasemissionen in den Fokus genommen, sondern auch die so ausgelösten Extremwetter wie Dürren, Überschwemmungen oder Hitzewellen. Insgesamt wurden für die Studie von Mora 830 Studien ausgewertet, die sich mit 286 Krankheiten infolge von zehn klimatische Gefahren auseinandersetzten. 277 dieser Krankheiten breiteten sich durch mindestens eine klimatische Gefahr schneller aus oder verschlimmerten in der Krankheitsschwere.

In der Folge untersuchen die Autorinnen und Autoren eine Liste von Gesundheitsbehörden, die 375 Infektionskrankheiten dokumentiert, von denen Menschen betroffen sind. Bei 218 Krankheiten, 58 Prozent, davon kommen die Forscherinnen und Forscher zu dem Schluss, dass sie durch Klimagefahren verschlimmert werden. Auslöser sind hier Erreger wie Viren, Bakterien aber auch Pflanzenpollen oder Pilze. Wobei die Erreger in erster Linie durch Mücken, Zecken oder andere (Wild-)Tiere übertragen wurden. Die Erwärmung begünstigte 160 Krankheiten, Überschwemmungen 121 Krankheiten, Dürre 81 Krankheiten.

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Es gibt vielfältige Zusammenhänge, wie Naturextreme den Menschen mit Infektionskrankheiten konfrontieren können: So steigt etwa die Wahrscheinlichkeit von Zoonosen, also die Erreger-Übertragung vom Tier auf den Menschen, wenn sie auf einem Gebiet zusammenkommen, was der Fall ist, wenn etwa Dürren Wildtiere näher an Wohngebiete drängen. Aber auch der Mensch ist etwa bei Überschwemmungen gezwungen, sich neue Plätze zum Leben zu suchen und dabei in Gegenden auszuweichen, in denen er mit neuen Erregern konfrontiert ist. Das Risiko von Virusübertragungen vom Tier auf den Menschen im Zuge von rapiden Umweltveränderungen hat jüngst ein Forscherteam von der Georgetown University in Washington DC berechnet. Demnach könnten, selbst bei einer Erwärmung auf die anvisierten 2 Grad, bis 2070 mindestens 10.000 Virenarten dem Menschen potenziell gefährlich werden.

Weitere Zusammenhänge zwischen Klimawandel bedingten Veränderungen und Krankheitsverbreitung bildet etwa die Verbreitung von bestimmten Stechmückenarten, welche sich in wärmeren Gebieten wohl fühlen. Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte bereits auf diese drohende Gefahr hingewiesen. "Der Klimawandel führt in Deutschland zu einer Ausdehnung der Lebensräume für Mücken und Zecken", sagte Wieler den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Viele Mücken- und Zeckenarten können virale, bakterielle und parasitäre Infektionserreger übertragen", so Wieler. Das könnten etwa Zika- oder Dengue-Viren sein. "Auch ist eine Rückkehr der Malaria möglich, die durch Plasmodien hervorgerufen wird." Ein wichtiges Anliegen des RKI sei es daher, die Ärzteschaft für diese Krankheiten zu sensibilisieren.

Renke Lühken, Ökologe beim Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, sieht die Verbreitung der Insekten ebenfalls problematisch: "In Deutschland und in Europa beobachten wir schon jetzt den Einfluss durch klimawandelbedingte Ereignisse auf Krankheitserreger. Auch hier spielen durch Vektoren (Anmerk. d. Red.: wie Stechmücken oder Zecken) übertragene Krankheitserreger eine große Rolle", sagte Lühken dem Science Media Center. "Exotische Stechmückenarten wie die Asiatische Tigermücke etablieren sich in weiten Teilen Europas. Die Asiatische Tigermücke ist insbesondere für Ausbrüche des Chikungunya-Virus und Dengue-Virus im Mittelmeerraum verantwortlich."

Die Forscher aus Hawaii ermittelten insgesamt 1.006 verschiedene Pfade, also Zusammenhänge, zwischen klimawandelbedingten Ereignissen und der Ausbreitung von Krankheiten. Eine interaktive Übersicht der Pfade hat Camilo Mora auf gitHub veröffentlicht. Die Vielfältigkeit macht es so schwierig, die Ausbreitung und Verschlimmerung von Krankheiten zu verhindern. Der Appell der Forscherinnen und Forscher lautet daher schlicht, die Treibhausgasemissionen zu verringern.

(jle)