Studie: Solar, Wind und Wasser bei 75 Prozent der weltweiten Strom-Neukapazität

Weltweit wird neue Strom-Kapazität inzwischen weit überwiegend mit erneuerbaren Quellen geschaffen – aber ärmere Länder bauen immer noch auch Kohle-Kraftwerke.

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(Bild: Kitson & Partners)

Von
  • Sascha Mattke

Weltweit haben erneuerbare Quellen fossile Energieträger im Strom-Sektor im vergangenen Jahr abgehängt – zwar noch nicht bei installierter Kapazität und tatsächlicher Erzeugung, aber bei den rechnerischen Kosten pro Kilowattstunde und erst recht beim Zubau. Das geht aus einer neuen Übersicht der Energie-Marktforschungsfirma BloombergNEF (BNEF) hervor. Demnach war Photovoltaik in 2019 die mit Abstand wichtigste neue Strom-Quelle überhaupt. Zusammen mit Wind machte sie 67 Prozent der neu installierten Kapazität zur Strom-Erzeugung rund um die Welt aus.

Mit einem Rekord-Zubau von 118 Gigawatt entfielen laut BNEF 45 Prozent der gesamten neuen Strom-Kapazität im Jahr 2019 auf Photovoltaik, also fast die Hälfte. Die solare Gesamt-Kapazität erhöhte sich damit auf 651 Gigawatt, zum ersten Mal mehr als bei Windkraft, die Ende 2019 auf 644 Gigawatt kam. Diese beiden erneuerbaren Quellen zusammen hatten zwei Drittel Anteil an der globalen Neu-Kapazität, zusammen mit Wasserkraft waren es drei Viertel.

„Photovoltaik ist inzwischen wirklich allgegenwärtig und ein weltweites Phänomen“, wird in einer Pressemitteilung Luiza Demoro zitiert, Analystin bei BNEF. In einem Drittel aller Länder habe sie 2019 beim Zubau an oberster Stelle gestanden. In wohlhabenden Industrieländern würden gleichzeitig ältere Kohlekraftwerke in schneller Folge stillgelegt. Anders sehe es allerdings in ärmeren Regionen Süd- und Südostasiens aus: Diese nehmen weiterhin auch neue Kohlekraftwerke in Betrieb; weltweit kamen 2019 noch einmal 20 Gigawatt Kohle-Kapazität hinzu.

Der globale Abstand von erneuerbaren Strom-Quellen, neuerdings angeführt von Photovoltaik, schrumpft also, ist aber immer noch erheblich. Die weltweite Kapazität von Kohlekraftwerken betrug Ende 2019 laut BNEF 2089 Gigawatt, also noch gut dreimal so viel wie der Bestand bei Solar- oder Wind-Strom und fast doppelt so viel wie bei Wasserkraft mit zuletzt 1160 Gigawatt Kapazität. Dabei haben Industrienationen seit 2010 gut 113 Gigawatt Kohle-Kraft vom Netz genommen – aber Entwicklungsländer bauten ein Vielfaches davon neu.

Wie aus einer Strom-Datensammlung des Fraunhofer-Instituts ISE hervorgeht, war 2019 auch in Deutschland der Zubau an Photovoltaik-Leistung höher als bei jeder anderen Art der Stromerzeugung. Sogar mit weitem Abstand: Neu ans Netz kamen 3,86 Gigawatt Solar-Kapazität, mehr als die rund 2 Gigawatt von Onshore- und Offshore-Windkraft zusammen.

Minimalen Zubau gab es in Deutschland außerdem bei Biomasse und Fluss-Kraftwerken. Alle anderen Strom-Formen aber stagnierten – und drei der bislang wichtigsten nahmen sogar deutlich ab. Braunkohle blieb stabil (vorerst, Ende dieses Jahres beginnt der im Juli beschlossene komplette Kohle-Ausstieg), die Steinkohle-Kapazität aber ging schon um 1,15 Gigawatt zurück. Auch bei vergleichsweise sauberen Gaskraftwerken verringerte sich die Gesamt-Kapazität bis Ende 2019, aber nur um 0,3 Gigawatt. Am deutlichsten war dagegen der Rückgang bei deutscher Kernenergie von 1,4 Gigawatt.

Mit laut dem letzten ISE-Stand 51,99 Gigawatt Kapazität ist bei Photovoltaik inzwischen der Deckel-Wert erreicht, ab dem eigentlich die Förderung neuer Anlagen in Deutschland beendet werden sollte. Im Mai aber hat die große Regierungskoalition fast in letzter Minute dessen zuvor lange angekündigte Abschaffung beschlossen. Auch bei Windkraft führte sie für die Bundesländer zumindest die Möglichkeit ein, von der Vorschrift zu 1000 Meter Abstand zu Gebäuden abzuweichen.

Damit dürfte Deutschland weiter zu den Ländern zählen können, in denen Strom-Kapazität aus erneuerbaren Quellen zunehmend fossile (und in diesem Fall auch nukleare) ersetzt. Für 2022 erwartet BNEF weltweit einen weiteren Solar-Zubau von 140 bis 178 Gigawatt, also zwischen knapp 20 und 50 Prozent mehr als 2019.

Bei den Emissionen soll die Strom-Wende unterdessen auf gewisse Weise schon gelungen sein: Trotz mehr Kohle-Strom in ärmeren Ländern sind sie nach Berechnungen in der Studie gegenüber 2018 um 1,5 Prozent zurückgegangen.

(sma)