Studie: Wikipedia ist immer noch eine Männerwelt

Das Online-Nachschlagewerk Wikipedia setzt sich für Geschlechtergleichheit ein. An der Oberfläche hat das Erfolg, doch die Sprache der Artikel lässt weiterhin erhebliche Verzerrungen erkennen.

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  • TR Online

Das Online-Nachschlagewerk Wikipedia setzt sich für Geschlechtergleichheit ein. An der Oberfläche hat das Erfolg, doch die Sprache der Artikel lässt weiterhin erhebliche Verzerrungen erkennen.

Eine der weniger vorzeigbaren Eigenschaften von Wikipedia ist, dass sie von Männern dominiert wird. Im Jahr 2011 berichtete die New York Times, dass nur 13 Prozent ihrer freiwilligen Redakteure Frauen sind. Bei den Nutzern dagegen halten sich die Geschlechter in etwa die Waage.

Im Anschluss setzte sich die Wikimedia Foundation als Betreiber der Website verschiedene Ziele, um das Geschlechter-Ungleichgewicht abzumildern. Unter anderem sollte der Anteil weiblicher Redakteure bis 2015 auf 25 Prozent steigen. Ob das erreicht wird, ist noch offen.

In der Zwischenzeit behalten Forscher ein genaues Auge darauf, ob sich die männliche Dominanz auch in den Artikeln des Online-Nachschlagewerks bemerkbar macht. Claudia Wagner vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln sowie Kollegen von der ETH Zürich und der Universität Koblenz-Landau haben jetzt eine neue Arbeit dazu veröffentlicht. Demnach gibt es schwere Verzerrungen in Wikipedia-Artikeln über Frauen, was dafür spricht, dass das Geschlechterproblem bei Wikipedia tiefer sitzt und fester verankert ist als bislang angenommen.

Für ihre Analysen verglichen Wagner und Kollegen zunächst sechs unterschiedliche Sprachversionen von Wikipedia mit Datenbanken über bekannte Männer und Frauen. Genutzt wurden Freebase mit 120.000 Einträgen und Pantheon, eine von einem MIT-Team zusammengestellte Datenbank über historische kulturelle Popularität.

Wagner wollte wissen, welcher Anteil der Männer und Frauen in diesen Datenbanken auch in Wikipedia vorkommt. Bei dieser Betrachtung schneidet Wikipedia gut ab – wenn überhaupt, seien Frauen in allen untersuchten Sprachversionen überrepräsentiert. „Wie sich zeigte, sind Frauen bei allen sechs Wikipedia-Sprachversionen gut berücksichtigt“, sagt Wagner.

Darüber hinaus untersuchte das Forscherteam, wie häufig Artikel über Männer bzw. Frauen auf der Startseite der englischen Wikipedia erscheinen. Auch hier wird kein Geschlecht bevorzugt. „Beim Auswahlverfahren der Wikipedia-Community für präsentierte Artikel gibt es keine geschlechtsspezifischen Verzerrungen“, heißt es in dem Aufsatz.

Wikipedia wird also positiv bewertet. „Dies sind ermutigende Erkenntnisse, die dafür sprechen, dass die Community der Wikipedia-Redakteure sensibel für Geschlechtsungleichheiten ist und sich an ausgleichenden Maßnahmen beteiligt, die einen gewissen Erfolg zeigen“, so die Forscher.

Allerdings gibt es auch Anzeichen für einen subtileren Geschlechtereffekt, der viel schwieriger zu verändern sein dürfte. „Wie wir ebenfalls feststellten, werden Frauen auf Wikipedia deutlich anders dargestellt als Männer“, schreiben die Sozialforscher.

Für diesen Schluss untersuchten sie zunächst das Netz der Verlinkungen zwischen Artikeln auf Wikipedia. Wie sich zeigte, gibt es viele eher Links von Artikeln über Frauen auf Artikel über Männer als umgekehrt; dieser Befund gilt für alle sechs vom Team untersuchten Sprachversionen.

Gravierender ist der Unterschied in der Art und Weise, wie diese Artikel über Männer und Frauen schreiben, festgestellt mit Hilfe von Computerlinguistik. Dazu zählten Wagner und Kollegen die Zahl der Worte in den einzelnen Biographie-Artikeln, die das Geschlecht der jeweiligen Person betonen.

Laut der Studie werden in Artikeln über Frauen übermäßig oft Worte wie „Frau“, „weiblich“ oder „Dame“ verwendet, während Artikel über Männer mit wenigen Worten wie „Mann“, „männlich“ oder „Herr“ auskommen. Worte wie „verheiratet“, „geschieden“, „Kinder“ oder „Familie“ werden in Artikeln über Frauen ebenfalls deutlich häufiger benutzt.

Für das Forscherteam sind die Ergebnisse ein Beleg dafür, dass Wikipedia-Redakteure das männliche sozusagen als das vorgegebene Geschlecht ansehen. Mit anderen Worten: Es gibt eine Tendenz, davon auszugehen, dass ein Artikel von einem Mann handelt, wenn nichts anderes gesagt wird. „Das Ungleichgewicht bei Artikeln über Männer und über Frauen lässt diese Annahme plausibel erscheinen“, so die Studie.

Die Arbeit lässt erkennen, dass die Bemühungen der Wikimedia Foundation um mehr Geschlechtergleichheit erste Früchte tragen. Zugleich aber zeigt sie, wie tief verwurzelt geschlechtliche Verzerrungen sein können und wie schwer es sein kann, sie loszuwerden.

Der erste Schritt besteht natürlich darin, das Problem zu erkennen und genauer zu beschreiben. Die Arbeit von Wagner und Kollegen ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung, der die Redakteure bei Wikipedia hoffentlich noch aufmerksamer machen wird.

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