Stürmt den Elfenbeinturm!

Forschung lebt von der Vernetzung, von Austausch und Diskussion. Umso erstaunlicher, dass soziale Netze und Online-Medien im Wissenschaftsbetrieb ein Mauerblümchendasein fristen. Eine neue Forschergeneration will das nicht länger hinnehmen. Sie plant die Online-Revolution.

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Von
  • Bernd Müller
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Forschung lebt von der Vernetzung, von Austausch und Diskussion. Umso erstaunlicher, dass soziale Netze und Online-Medien im Wissenschaftsbetrieb ein Mauerblümchendasein fristen. Eine neue Forschergeneration will das nicht länger hinnehmen. Sie plant die Online-Revolution.

Facebook und Twitter? Dieses neumodische Zeug braucht man in der Forschung nicht. So oder so ähnlich lautete das vernichtende Urteil, als der junge Doktorand Ijad Madisch seinem Professor das erste Mal von den neuen Möglichkeiten sozialer Medien in der Forschung vorschwärmte. Doch Madisch ließ sich nicht irritieren. Trotz der Bedenken seines Lehrmeisters gründete der junge Virologe im Mai 2008 mit seinem Kommilitonen Sören Hofmayer und dem Passauer Informatiker Horst Fickenscher sein eigenes Unternehmen: ResearchGate, eine Online-Plattform, die Wissenschaftlern hilft, sich miteinander zu vernetzen. Schon jetzt, vier Jahre später, hat das Portal 1,4 Millionen Mitglieder, und Madisch strotzt vor Selbstbewusstsein: "ResearchGate beschleunigt die Kommunikation und revolutioniert die Wissenschaftswelt." Dafür müsse es eigentlich einen Nobelpreis geben, flachst der 31-Jährige, wohl wissend, dass dafür keine Preiskategorie vorgesehen ist.

Dass ResearchGate so erfolgreich ist, hängt sicher damit zusammen, dass Forscher darüber schnell und günstig an neue Fachpublikationen kommen: 40 Millionen Artikel haben die Mitglieder bisher hochgeladen, darunter auch solche, die in kommerziellen Fachzeitschriften erschienen sind, also normalerweise nicht kostenlos zur Verfügung stehen. Doch die meisten Verlage akzeptieren diese Art der Verbreitung, neun von zehn Journalen erlauben ihren Autoren mittlerweile, selbst verfasste Arbeiten auf die eigene Homepage und ins Profil von ResearchGate zu stellen.

Die wissenschaftlichen Paper sind indes nicht die einzige Attraktion von ResearchGate. Das Start-up versteht sich vielmehr als digitales Lagerfeuer, um das sich Gleichgesinnte scharen und austauschen können. In Diskussionsforen, sogenannten Group Sections, diskutieren die Forscher über ihre Methoden, sprechen über Probleme – und vor allem helfen sie sich gegenseitig. Kerngedanke ist das Crowdsourcing-Prinzip: Wenn ich ein Problem habe, das ich nicht lösen kann, zum Beispiel bei einer Versuchsreihe im Labor, dann veröffentliche ich es auf ResearchGate. In irgendeinem Labor auf der Welt hat bestimmt ein Kollege dasselbe Problem schon einmal gelöst. Für Ijad Madisch ist das die eigentliche Revolution von ResearchGate: Wer Hilfe benötigt, muss sich nicht mehr allein auf eine Handvoll befreundeter Kollegen verlassen, sondern kann auf die Unterstützung von Wissenschaftlern hoffen, die er gar nicht kennt.

ResearchGate ist nur einer von mehreren Diensten, die Wissenschaftler im Internet unterstützen. Auch die Literaturverwaltungsplattform Mendeley mit 1,3 Millionen Nutzern oder Academia.edu mit 900000 Anwendern, eine Art Facebook für Forscher, boomen. Dass die Online-Dienste trotz ihrer beeindruckenden Nutzerzahlen auf einen Anwenderkreis von jungen Nachwuchsforschern beschränkt bleiben, hat weniger mit der Technikaffinität oder -feindlichkeit von Forschern zu tun als damit, wie der Wissenschaftsbetrieb quer über alle Fachbereiche funktioniert. "Die Wissenschaft beruht auf der Kommunikation des 17. Jahrhunderts", klagt Ian Mulvany, der mit Mendeley einen Konkurrenzdienst zu ResearchGate betreibt. Statt Kollegen mit Tweets, Blogeinträgen oder sozialen Netzen beständig über den Fortgang der eigenen Arbeit auf dem Laufenden zu halten – und in Zweifelsfragen gemeinsam nach Lösungen zu suchen –, sind die meisten Wissenschaftler darauf getrimmt, ihr Wissen eifersüchtig zu hüten. Erst am Schluss einer – meist jahrelangen – Forschungsarbeit schreiben sie eine Veröffentlichung. Denn wie erfolgreich ein Wissenschaftler ist, bemisst sich nach den sogenannten Impact-Faktoren, die sich bisher allein aus dem Renommee des Fachmagazins ergeben, in dem der betreffende Artikel erscheint, sowie aus der Zahl der Zitierungen durch andere Forscher.

Michael Nielsen, australischer Quantenphysiker und Autor des Buches "Reinventing Discovery – The New Era of Networked Science", auf deutsch "Das Entdecken neu erfinden – die kommende Ära vernetzter Wissenschaft", führt dieses Verhalten vieler Wissenschaftler auf ein Phänomen zurück, das die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom 1965 so beschrieb: In einer Situation, in der die Zusammenarbeit vieler Einzelpersonen zum Wohle aller nützlich wäre, unterbleibt diese Zusammenarbeit, wenn sie den Einzelnen subjektiv zunächst einmal etwas kos-tet. Solange es keine Anreize gibt, seine Arbeit öffentlich zu machen und sich gemeinschaftlich zu engagieren, ist es besser, die Arbeit anderer zu nutzen, selbst aber nichts beizutragen.

Da nützt auch die Einsicht nichts, dass der wissenschaftliche Fortschritt insgesamt schneller wäre, wenn jeder Einzelne sein Wissen preisgäbe, ohne zunächst auf den eigenen Vorteil zu schielen. Deshalb wird Nielsen zufolge die "Incentivierung" – das Setzen von Anreizen – darüber entscheiden, ob soziale Medien die Wissenschaft auf eine neue Stufe heben können: "Es muss Belohnungen geben, Daten und Ideen zu teilen", fordert der Australier.

Der Anreiz, gemeinsam zu arbeiten, erhöht sich offenbar, wenn die zu bearbeitenden Fragestellungen nicht von Einzelnen gelöst werden können. Physiker zum Beispiel sind es gewohnt, in großen Kollaborationen zu arbeiten – an großen Teilchenbeschleunigern wie dem CERN sind Tausende von Forschern beschäftigt. Entsprechend groß ist ihre Bereitschaft, Ideen und Daten zu teilen. Das World Wide Web und neuere Entwicklungen wie Grid oder Cloud Computing sind Antworten von Physikern auf die Datenflut solcher Riesen-Experimente. Mit arXiv.org gibt es seit über 20 Jahren eine Plattform im Internet, auf der Physiker und Mathematiker ihre Arbeiten als Vorabveröffentlichungen präsentieren können. Ohne Angst, sich damit den Weg für die eigentliche Veröffentlichung zu verbauen, nutzen Physiker diese Möglichkeit der Online-Publikation inzwischen weltweit, und in der Physikerzunft ist dieses Vorgehen mittlerweile sogar ausdrücklich erwünscht. Anders in der Medizin oder Pharmazie: Dort stehen Milliardenmärkte auf dem Spiel. Deshalb tun sich diese Forschungszweige mit der Online-Wissenschaft schwer.

Sönke Bartling, Radiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum und aktiver Wissenschafts-Blogger, plädiert daher "für eine Erweiterung der Publikationsnahrungskette" aus Abstracts, Fachbeiträgen und Büchern. Nicht jeder Geistesblitz müsse gleich in "Science" oder "Nature" erscheinen, den beiden renommiertesten Forschungsjournalen der Welt. Meist reichten ein paar Zeilen im Blog, die andere Kollegen zur Diskussion anregen und die Forschung antreiben könnten. Allerdings: Wenn der Minibeitrag für andere Kollegen nützlich ist, sollte das dem Autor auch zugute kommen und ihm einige Relevanzpunkte sichern, die ihn zum Beispiel bei einer Stellenbewerbung begünstigen. Heute nütze ein solcher Blogbeitrag nicht nur nichts, weiß Bartling, Blogger würden sogar indirekt dafür bestraft, weil sie ihre Zeit mit Bloggen verschwenden, statt an einer gedruckten Publikation zu arbeiten.