Sündenfall

Nur wenige Hacker-Geschichten haben so viel Aufsehen erregt wie die von Hagbard Celine alias Karl Koch und dem „KGB-Hack“. Vor 20 Jahren erreichte sie ihren tragischen Höhepunkt.

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Von
  • Susanne Nolte

"Die Vertreibung aus dem Paradies" nannte Wau Holland die Folgen des "KGB-Hacks" für die Hackerszene rund um den von ihm gegründeten Chaos Computer Club. Drei Hacker, "Hagbard Celine" alias Karl Koch, "Pengo" und "Urmel" (Namen d. R. bekannt), hatten die Ergebnisse ihrer Streifzüge – per Homecomputer und Akustikkoppler – durch internationale Forschungs-, Industrie- und Militärnetze an den KGB verkauft. Zu den Folgen zählte auch Karl Kochs mysteriöser Tod am 23. Mai 1989: Am 1. Juni fand die Polizei die verkohlte Leiche des 23-Jährigen in einem Wald bei Gifhorn.

1985 gründet Koch in Hannover den Computer-Stammtisch. Auf der Hackerparty zur CeBIT 1986 kommt die Idee auf, erhackte Daten an den Osten zu verkaufen. Sie mag einer "unentwirrbaren Mischung" aus dem "Bedarf nach Ressourcen" – Geld für Telefonrechnungen und Drogen für lange Hacksessions – und dem Wunsch nach einer besseren Welt geschuldet sein [1]. Noch Ende 1987 rief Holland zur Wiederherstellung des technischen Gleichgewichts dazu auf, Daten in den Osten zu transferieren – ohne vom Deal zu wissen.

Im Sommer 1986 geht die erste Lieferung über die Bühne: VMS Security Auditing, Quellen der Chip-Entwicklungs-Software HILO-2, das Design für einen PAL-Chip, Hunderte Computeradressen aus Arpa-, Milnet und SPAN samt Accounts und Logfiles sowie die Quellen dreier Hacker-Programme [2].

Entgegen späteren Berichten, die sich auf das militärische Material konzentrieren, beinhaltet die Wunschliste der Russen "ganz allgemein Quellcode aus dem Westen", CAD/CAM-Programme vor allem für PCs, DECs C-Compiler sowie Datenbanken. Der Grund: Das "Technologie-Embargo" ließ die Entwicklung im Ostblock immer weiter ins Hintertreffen geraten. Die IT des Ostens bestand aus 8-Bit-PCs, größeren selbstentwickelten, abgekupferten und illegal erbeuteten Rechnern – am begehrtesten die VAX, nachgebaut von Isotimpex.

Während der BND die Hacker bereits observiert, bekommt der KGB das gewünschte Material – inklusive Open Source, etwa der kompletten BSD-Quellen. Dass der Ostblock dazu westliche Hacker bemühen muss, liegt vor allem am fehlenden Know-how.

Für Koch besiegeln Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken ab Ende 1986 den Ausstieg, für die anderen eine Hausdurchsuchung bei Urmel Mitte 1987. Seit knapp einem Jahr war der als Admin am Lawrence Berkeley National Laboratory (LBL) tätige Clifford Stoll einem Besucher auf der Spur, den er durch eine Abrechnungsdifferenz entdeckte: Rechenzeit für 75 Cent war verbraucht, aber nicht bezahlt worden. Die Fangschaltung der Post führt zu Urmel.

Durch Zeitungsberichte über Stoll landen im Frühjahr 1988 zwei Hörfunk-Mitarbeiter des NDR, Axel Lerche und Bernd Scheunemann, scheinewedelnd bei Koch. Er braucht Geld. Um niemanden zu gefährden, erzählt er zwei erfundene Geschichten: vom Einbruch in die Kernforschungsanlage Jülich, bei dem er die Steuerstäbe des Reaktors AVR runter- und hochgefahren hätte. Untermauern sollen das Unterlagen einer in der KFA ausrangierten PDP-11 [3].

Danach berichtet er von einem Hack des Telex-Computers der Kripo München und zieht Pengo mit hinein. Die Belege landen bei "Panorama"-Chef Joachim Wagner: Informationen über einen geplanten RAF-Anschlag auf Forschungsminister Riesenhuber – Altmaterial für einen Software-Entwicklungsauftrag. Die Nachfrage Scheunemanns beantwortet die Kripo mit Hausdurchsuchungen von Büro und Wohnung. Um doch noch an ihre "Super-Story" zu kommen, filmen Lerche und Scheunemann mit "Hagbard" und "Pengo" einen "Hack auf Bestellung", einen Einbruch in die Optimis-Datenbank des Pentagon – und versprechen dafür 10 000 DM.

Unter der Last der Ereignisse rückt Koch mit der KGB-Geschichte heraus. Wagner wendet sich an den Verfassungsschutz. Der Deal: Während der VS ermittelt, darf die Redaktion daran partizipieren und recherchieren. An den VS verkauft, stellt sich Karl: Am 5. Juli 1988 platzt die KGB-Bombe.

Obwohl Koch, unter starken Medikamenten stehend, nicht vernehmungsfähig ist, reicht ihn der VS nach drei Monaten ans BKA weiter. Am 2. März 1989 serviert "Panorama" in einer Brennpunkt-Sondersendung den "größten Spionagefall seit Guillaume". Als der Spiegel vier Tage später Kochs echten Namen nennt, folgen den Verhören die "Forderungen der Medien-Wirklichkeit" – bis zu seinem Verschwinden am 23. Mai 1989 [4].

[1] Daniel Kulla; Der Phrasenprüfer; Löhrbach 2003

[2] T. Ammann u.a.; Hacker für Moskau; Reinbeck 1989

[3] Schmid u.a.; 23; Die Geschichte des Hackers Karl Koch; München 1999

[4] Freke Over u.a.; Dokumentation über Karl Koch; www.schaechl.de/kk (sun)