Super-App WeChat zensiert in Echtzeit

Chinas wohl wichtigstes Smartphone-Werkzeug ist auch eine Zensurmaschine.

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(Bild: Shutterstock)

Von
  • Patrick Howell O'Neill

Die App WeChat des chinesischen Technologieriesen Tencent bietet in vielerlei Hinsicht einen Blick in die Zukunft des Internets. 1,1 Milliarden Menschen nutzen die App, davon lediglich 70 Millionen außerhalb Chinas, schätzen Experten.

Für viele Chinesen ist sie nicht nur ein Chatdienst, Spieleanbieter oder ein Portal für die Essens- und Taxibestellung. Sie ist aus dem chinesischen Alltag nicht mehr wegzudenken, weil man über sie auch Arzttermine buchen, Stromrechnungen bezahlen, mit professionellen Kontakten sprechen oder staatliche Dienste in Anspruch nehmen kann. "Es ist wirklich schwer, in der modernen chinesischen Gesellschaft zu funktionieren, ohne WeChat zu verwenden", sagt Sarah Cook, Senior-Research-Analystin für Ostasien bei der prodemokratischen Forschungsgruppe Freedom House.

Allerdings ist die sogenannte "Super-App" auch bei den schnellsten und weitreichendsten Zensurtechnologien weltweit führend. Neue Forschungsergebnisse des CitizenLab der Universität von Toronto zeigen, wie WeChat Texte und Bilder in Echtzeit automatisch zensiert, um politische Diskussionen einzudämmen, etwa über den Handelskrieg mit den USA oder über inländische Skandale.

"Die chinesischen Unternehmen haben sich zwar auf Zehntausende von Zensoren verlassen, entwickelten aber auch neue automatisierte Ansätze für das Entfernen von Inhalten", sagt Cybersecurity-Experte Adam Segal, Direktor des Programms für Digital- und Cyberspace-Politik bei der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations.

Die Zensoren von WeChat fahren eine zweigleisige Strategie: Große öffentliche Posts auf WeChat Moments, das der Timeline von Facebook ähnelt, werden von Algorithmen überprüft und gefiltert. Das kann zwar mehr als zehn Sekunden in Anspruch nehmen, stellt aber dennoch ein rasantes Tempo in den sozialen Medien dar. Einzel- und Gruppennachrichten in Textform zensiert das Portal in Echtzeit.

Was bei Texten relativ einfach ist, gestaltet sich bei Bildern etwas schwieriger. Deshalb führt WeChat einen umfangreichen und ständig wachsenden Index unterschiedlicher Datensignaturen, die für jede Datei eindeutig sind. Wird ein zensiertes Bild gesendet, erfasst der Filter die Signatur und löscht es. Bei persönlichen Nachrichten erfahren weder der Absender noch der Empfänger davon.

Nicht indizierte Bilder werden automatisch auf Textinhalte überprüft. Also lässt sich die Zensur auch nicht länger durch Screenshots von Zeitungsartikeln umgehen. Zudem wird das Bild auf Ähnlichkeit mit anderen zensierten Bildern überprüft. Inhalte, die von der Kommunistischen Partei als unerwünscht eingestuft wurden, werden aus der Konversation entfernt und auf den Zensur-Index gesetzt – ein sich selbst verstärkendes System, das mit jedem gesendeten Bild wächst.

(bsc)