Symbole vor Gericht

Emojis ersetzen zunehmend Textnachrichten. Sogar Gerichte dürften sich bald damit beschäftigen, ob sie eine verbindliche Zusage bei Verträgen ­bedeuten können.

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Die forensische Linguistin Zakeera Docrat der südafrikanischen Rhodes University plädiert dafür, den Gerichten bei ihrer Interpretation zu helfen.

(Bild: privat)

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TR: Weshalb werden Emojis zunehmend problematisch?

Zakeera Docrat: Wir sehen immer mehr Vorfälle, etwa in lokalen Zeitungen. In der Ostkap-Provinz sandte ein ehemaliger Bürgermeister politisch motivierte Drohbotschaften an andere Ratsmitglieder, zum Beispiel ein Schädel-Emoji. Bei einem Schädel denken wir normalerweise an den Tod. Aber er bestritt, dass es eine Drohung gewesen sei, weil er es an Halloween geschickt hätte. Nun feiern wir in Südafrika kein Halloween. Ist das also wirklich eine valide Verteidigung? In Südafrika gab es bisher noch kein Gerichtsverfahren wegen Emojis, aber wir bereiten uns auf diese Möglichkeit vor.

Wie können Sie als forensische Linguisten helfen?

Wir müssen uns die Art der Beziehung zwischen Menschen ansehen, wie viel Kontakt sie hatten und ob sie mehrere solcher Nachrichten und Emojis geschickt haben. Gibt es also ein Muster? Dazu gehört auch etwas, das wir „Sprache als Beweis“ nennen. Das ist Ihr individueller sprachlicher Fingerabdruck. Ich rede zum Beispiel andere nie mit „Hallo“ an – das tue ich einfach nicht. Sie müssen also eine Reihe von Textnachrichten haben, um zu beweisen, dass jemand etwa tatsächlich beabsichtigt hat, Ihnen zu drohen.

Wann können Emojis noch gerichtlich relevant sein?

In einem Fall hatte sich ein Kunde nach einem Haus erkundigt, und der Immobilienmakler schickte ihm den Preis. Der Interessent antwortete mit dem Daumen-hoch- und dem Händedruck-Emoji. Daraus schloss der Makler: „Sie sind einen Vertrag eingegangen und werden dieses Haus kaufen.“ Betrachtet man den Kontext und die Art der Beziehung, war eine vertragliche Vereinbarung definitiv seine Absicht. Der Interessent aber argumentierte, dass er nur den Preisempfang bestätigt habe. Dieser Fall ist noch nicht vor Gericht gegangen.

Wenn doch, sind dann nicht Probleme zu erwarten? Etwa dass die Gerichte sagen, die eigentlich informellen Emojis erhalten zu viel Gewicht?

Angesichts dieser Beispiele denke ich nicht, dass man sie rein informell betrachten kann. Der Hauptpunkt ist, dass auch durch sie Missverständnisse entstehen können. Wir haben elf Sprachen und sind kulturell sehr vielfältig. Man sollte also schon erforschen, ob es Unterschiede in der Interpretation gibt, etwa zwischen einem isiXhosa-sprachigen und einem Tshivenda-sprachigen. Unsere Vergangenheit macht es noch komplizierter. Wenn ein Weißer ein Affen-Emoji an eine schwarze Person senden würde, könnte dies als rassistisch angesehen werden.

Was schlagen Sie als Lösung vor?

Zunächst plädieren wir für eine Standardisierung der Emojis. Das Unicode-Konsortium sollte künftig jedem neuen Emoji eine Beschreibung seiner Bedeutung anfügen. Das würde das Abgleichen der Absichten vereinfachen, auch wenn das die interkulturellen und sprachübergreifenden Kommunikationsprobleme nicht löst. Zweitens sollte die bisher nur teilweise angezeigte Warnung, ob die Emojis tatsächlich Ihre wahren Absichten widerspiegeln, auf allen Smartphones standardisiert erscheinen. Drittens brauchen wir forensische Linguisten, die die Interpretation von Emojis zwischen unseren Sprachen erforschen. Und schließlich sollten die Gerichte in Südafrika forensische Linguisten hinzuziehen, um Emojis zu interpretieren.

(bsc)