Synthetische Biologie: Junge Disziplin programmiert das Leben neu

Der Name ist ein Paradoxon: Synthetische Biologie. In ihr verbinden sich Natur und Ingenieurwissenschaften. Sie schafft neue Lebensformen – und sogar Leben.

Lesezeit: 15 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge
Von
  • Jo Schilling
Inhaltsverzeichnis

Synthetische Biologie (Synbio) ist in das neue Jahrtausend geboren. Schnell wurde sie zu einem Hype stilisiert. Kein Forschungsförderer, der nicht einen üppigen Synbio-Topf gehabt hätte. Inzwischen ist sie erwachsen geworden und es wird sichtbar, welches Potenzial in der Technologie steckt. RNA-Impfstoffe schützen Millionen Menschen vor Covid-19; Car-T-Zellen heilen bisher unbehandelbare Krebsformen; Mikroorganismen wandeln CO2 in Industriechemikalien um. Das sind nur drei aktuelle Beispiele aus der großen Synbio-Schatzkiste.

Mehr aus dem Bereich Biologie

Aber es bleibt schwierig mit ihr. Tief sitzt die Angst vor dem Kontrollverlust, wenn Menschen die Prinzipien der Evolution aushebeln und Mikroben, Pflanzen oder Tiere am Reißbrett designen, Pflanzen- und Tierwelt vermischen. In den Forschungsförderungsprogrammen ist der Name nur noch selten zu finden. Es geht nicht mehr um das Werkzeug, sondern um die Inhalte. Das ist das Schicksal einer Querschnittsdisziplin. Und es ist ein Tribut an die Erfahrungen mit den Diskussionen um gentechnisch veränderte Organismen seit der Erfindung der grünen Gentechnik in den 1980er–Jahren. Auf den Labortüren steht deshalb Krebsforschung oder medizinische Diagnostik, organische Chemie in den unterschiedlichen Facetten – von Feinchemie über Massenchemikalien oder auch Energieträger wie Biomethanol oder -diesel –, neue biologische Materialien, Bausanierung oder Saatzucht.

Als Geburtsstunde der modernen Synthetischen Biologie gilt der Vortrag des Nukleinsäure-Chemikers Eric T. Kool auf der Jahrestagung der American Chemical Society im Jahr 2000. Wie in den Naturwissenschaften üblich, ist die Geburt einer neuen Disziplin eine nüchterne Angelegenheit: Kool nahm als Erster den Begriff Synthetische Biologie in den Mund, die sich mit der Beantwortung chemischer Fragestellungen in biologischen Systemen befasst und dazu synthetische Moleküle verwendet.