Targeting: Die nächste Generation

Der Datenschutz-Skandal hat Facebook erschüttert. Zwei Experten warnen, dass die nächste Generation von Targeting-Technologien noch invasiver werden könnte.

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Von
  • Justin Hendrix
  • David Carroll

Der Skandal rund um die Datenweitergabe bei Facebook weitet sich immer stärker aus, und er wirft eine Reihe von Fragen auf: Warum hat das Unternehmen so lange nichts dagegen unternommen? Sollte es in Haftung genommen werden? Und welche rechtlichen Schwierigkeiten kommen auf die Führung von Cambridge Analytica in unterschiedlichen Ländern zu? Die US-Aufsichtsbehörde FTC hat bereits eine offizielle Untersuchung von Facebook eingeleitet. Offenbar war auch Palantir, ein Daten-Unternehmen des Trump-Anhängers Peter Thiel, in den Skandal verstrickt, ebenso wie John Bolton, Trumps neuer Berater für nationale Sicherheit.

Am wichtigsten aber sind die Folgen für die Zukunft.

Noch ist nicht klar, ob die Verhaltensprofile und zielgenauen Anzeigen von Cambridge Analytica einen messbaren Effekt auf das Ergebnis der US-Wahlen 2016 hatte. Doch derartige Technologien werden rasch weiterentwickelt – schneller als Wissenschaftler ihre Auswirkungen analysieren und erst recht schneller, als die Politik reagieren kann. Die nächste Generation solcher Anbieter wird deshalb fast mit Sicherheit die Versprechungen einhalten.

Die Forschung zeigt, in welche Richtung die Entwicklung geht. Alexander Tuzhilin, Professor für Informationssysteme an der NYU Stern School of Business, erklärte schon 2015 bei einer Konferenz, bei den derzeitigen Systemen für Anzeigen-Tageting handele es sich um die zweite Generation. Genutzt würden dafür Kontext-Daten, Ort und Zeit sowie Daten von Mobilgeräten und außerdem Ranglisten mit mehreren Kriterien, Informationen aus sozialen Medien, Empfehlungen in Gesprächen und mehr. Dies sind die Standard-Werkzeuge von Vermarktern im Internet. Und sie wurden 2016 auch von Cambridge Analytica genutzt.

Mittlerweile aber ist die dritte Generation des Targeting auf dem Weg. In den nächsten Jahren, so sagen Experten wie Tuzhilin voraus, werden wir die Konvergenz von mehreren Fachrichtungen erleben, darunter Data-Mining, künstliche Intelligenz, Psychologie, Marketing, Ökonomie und experimentelle Design-Theorie. Zusammen werden diese Methoden einen exponentiellen Anstieg bei der Zahl der Überwachungssensoren bringen, die wir in unseren Häusern und Gemeinschaften haben – von Sprachassistenten bis zu Technik im Internet der Dinge, die ihre Nutzer den ganzen Tag über begleitet. Unsere Geräte werden immer besser darin werden, Gesichtsausdrücke zu erkennen, Sprache zu verstehen und physiologische Signale zu analysieren.

Mit anderen Worten: Die Maschinen werden uns morgen deutlich besser kennen als heute. In Europa tritt bald die Datenschutz-Grundverordnung in Kraft, in den USA aber geht die Entwicklung in die andere Richtung. Facebook mag den Zugriff auf seine Daten eingeschränkt haben, doch auf dem Markt gibt es mehr Informationen über den Nutzer als je zuvor. Vor kurzem hat die US-Kommunikationsaufsicht FCC Internet-Providern den Verkauf von Daten über das Surfverhalten im Web erlaubt. Dies ist nur ein Beispiel für mehr Daten, die auf legale Weise verfügbar werden. Hinzu kommen noch all die Informationen, die durch Hacks und Fehlbedienung zugänglich werden.

Wir stellen jederzeit Daten über uns zur Verfügung.

(Bild: "hackers" / Thought Catalog / cc-by-2.0)

Das Worst-Case-Szenario ist, dass weiterentwickelte Targeting-Technologien auf der Grundlage all dieser Daten mit neuen Methoden für die automatische Generierung manipulativer Inhalte zusammenkommen – nicht nur Texte, sondern auch Bilder, Videos und Audio. Davor warnte Ende März ein Bericht der Europäischen Datenschutzbehörde. In seiner Aussage vor dem britischen Parlament sagte der inzwischen zurückgetretene Cambridge-Analytica-CEO Alexander Nix, das Unternehmen habe tausende kreative Inhalte für die unterschiedlichen Ziele der Trump-Kampagne produziert. Das meiste davon wurde offenbar per Hand erstellt. Doch stellen Sie sich vor, in künftigen Wahlkämpfen würden Millionen oder sogar Milliarden solcher präzise maßgeschneiderter Botschaften in die Welt gesetzt, einschließlich Videos, und sämtlich maschinell erzeugt. Die Werkzeuge dafür sind inzwischen verfügbar.

Natürlich ist noch offen, ob diese Technologien Menschen tatsächlich so sehr beeinflussen werden, wie es Nix in seiner Verkaufswerbung gern behauptete. Mit Sicherheit wurden die Möglichkeiten von Cambridge Analytica übertrieben dargestellt, aber die endgültige Klärung vor britischen Gerichten steht noch aus. Die Autoren eines im Februar in der Fachzeitschrift Utrecht Law Review veröffentlichten Fachaufsatzes kamen jedenfalls zu dem Schluss, dass deutlich mehr Daten und Transparenz benötigt werden, um die Auswirkungen solcher Technologien zu verstehen. Insbesondere würden Vorschriften gebraucht, nach denen Regierungen und Bürger erfahren können, was sich in den „black box“-Systemen bei Unternehmen wie Facebook, YouTube, Snap oder Twitter abspielt.

In neuen Branchen – von Energie über Autos bis zu Lebensmittel-Produktion – dauert es seine Zeit, bis die Gesellschaft schädliche Folgen erkennt und dann Maßnahmen dagegen beschließt. Das Gleiche gilt für das Informationsökosystem und die öffentliche Sphäre. Die Zukunft unserer Demokratie erfordert, dass wir diese Technologien als mögliche Bedrohung betrachten und erkennen, dass ungehemmte Innovation bei sozialen Medien ihre Blütezeit hinter sich hat. Wenn sich der aktuelle Datenskandal um Facebook als Wendepunkt erweist, könnte auf ihn noch eine helle Zukunft folgen.

Justin Hendrix ist Executive Director des NYC Media Lab. Zur Förderung der Diskussion über die richtige Regulierung von Sozialmedien-Plattformen betreibt er die Website RegulateSocialMedia.org.

David Carroll ist Professor an der Parsons School of Design der New School in New York. Er hat eine Klage eingereicht, um Cambridge Analytica zu einer Erklärung darüber zu zwingen, wie das psychografische Targeting-Profil über ihn entstanden ist.

(sma)