Tarnkleidung gegen Gesichtserkennung

Der New Yorker Künstler Adam Harvey hat sich dem Kampf gegen Massenüberwachung verschrieben. Sein neuestes Werk ist ein Muster, in dem Algorithmen viele hundert Gesichter sehen.

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  • Sascha Mattke

Mit Privatsphäre nimmt es Adam Harvey ziemlich genau. Das Bild, das er für sein Google-Konto eingestellt hat, ist verpixelt, und seinen früheren Job als Fotograf hat er nach eigenem Bekunden aufgeben, weil er auf ein Zitat von Susan Sontag stieß, die warnte, mit Fotos könne man Menschen symbolisch in Besitz nehmen. Dies, so sagt er, habe seinen Blick auf dieses Metier verändert – und seitdem arbeitet er als Künstler daran, Überwachung durch automatisierte Aufnahmen von Menschen zu behindern.

Sein neuestes Projekt stellte Harvey Ende 2016 auf dem 33. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs in Berlin vor. Für HyperFace hat er ausgewertet, nach welchen Merkmalen gängige Algorithmen zur Gesichtserkennung suchen. Auf dieser Grundlage entwickelte er ein Muster, das auf Kleidung oder Wände gedruckt werden kann, um die Kameras der Überwacher zu verwirren. "Es geht darum, den Algorithmus zu übersättigen", erklärte Harvey auf dem Kongress.

Computer sind heute bereits besser darin, auf Bildern menschliche Gesichter zu identifizieren, als Menschen selbst: Die Maschinen kommen laut Harvey auf eine Trefferquote von mehr als 98 Prozent und werden immer besser. Menschen erreichen nur 97,5 Prozent und bleiben dabei. Bis 2050, zitierte er eine Schätzung des Futuristen Anders Sandberg, werde es Staaten durch solche technischen Fortschritte nur noch den Gegenwert von 0,1 Prozent ihres BIP kosten, jeden ihrer Bürger rund um die Uhr zu überwachen.

Für Harvey ist das eine Horrorvision, die er mit aller Kraft zu verhindern versucht. Zu seinen früheren Projekten zählen Frisuren und Make-ups, die Gesichtserkennung verhindern (CV Dazzle), sowie mit Silber beschichtete Kleidung, die eine Erkennung durch Wärmebildkameras erschwert (Stealth Wear). Die Umhänge und Mützen kann man sogar teuer kaufen, wobei Harvey, ganz Nicht-Geschäftsmann, darauf hinweist, dass sich derselbe Effekt auch mit einer Rettungsdecke für etwa 1 Dollar erzielen lässt.

Bei HyperFace aber geht Harvey einen anderen Weg: Statt den Blick der Überwachungsmaschinen zu versperren, will er dafür sorgen, dass sie sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Dabei macht er sich die Tatsache zunutze, dass Computer zwar riesige Datenmengen auswerten können, in vielen Fällen aber nur relativ wenige Pixel eines Bilds analysieren, um Speicherplatz und Rechenzeit zu sparen.

Nach eingehenden Analysen eines Beispiel-Algorithmus (Haarcascade von OpenCV) kam er auf ein Muster aus Strichen und Punkten, das für menschliche Betrachter leicht zu durchschauen ist, auch wenn es Comic-artige Gesichter erkennen lässt. Der Algorithmus aber sieht darin mehr als 1000 unterschiedliche Gesichter, und zwar mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit – genau dafür wurde das Muster ja geschaffen. Die Maschine wird also von echten menschlichen Gesichtern abgelenkt und hat eine Menge mehr zu verarbeiten, was eine Massenüberwachung schwieriger und teurer macht. HyperFace-Muster, so Harvey, könnten als Kleidung getragen, aber auch von Architekten bei der Gestaltung von Gebäuden eingesetzt werden.

Dass HyperFace eine sichere Methode zum Verstecken vor Kameras ist, will Harvey gar nicht behaupten: Es handele sich nur um eine Machbarkeitsstudie, und er sei ganz überrascht darüber, dass sein CCC-Vortrag überhaupt Reaktionen ausgelöst habe. Denn um sich gegen andere Erkennungsalgorithmen zu wappnen, seien ganz andere Muster erforderlich. Und natürlich sei es auch möglich, die Algorithmen weiterzuentwickeln, damit sie auf sein Muster nicht mehr hereinfallen.

Aber bei Überwachung wie dem Schutz davor gehe es immer auch um Wirtschaftlichkeit, und für bestimmte Situationen sehe er HyperFace als nützliche Taktik. Ohnehin, erklärt Harvey, sei das realistische Ziel von Tarnung nicht unbedingt, zu verschwinden, sondern eher, eine Entdeckung zu erschweren.

Wie schon beim Vorgänger-Projekt Stealth Wear will er auch bei HyperFace fertige Kleidung mit dem Gesichtern für den Computer anbieten, verrät aber noch keine konkreten Pläne dazu. Wenn die Entwickler von Erkennungsalgorithmen darauf reagieren, müssten natürlich auch seine Muster aktualisiert werden. Beim Kampf gegen Überwachung sehe es eben aus wie in der Mode, sagt Harvey: Entscheidend sei immer, der neuesten Entwicklung einen Schritt voraus zu sein.

(sma)