Tausche Paket gegen Altpapier

Lieferdienste fahren zumeist leer zurück. In Stockholm ist das bald nicht mehr so.

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(Bild: Älskade stad)

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Die Idee der Stockholmer Stadtverwaltung war naheliegend: Paketdienste fahren beladen in die Stadt hinein und leer wieder heraus, bei der Müllabfuhr ist es umgekehrt. Warum also nicht beides zusammenlegen? Vor allem in der Innenstadt sollen so Verkehrsaufkommen, Emissionen, Lärm und Parkprobleme sinken. Denn gerade durch die rasant wachsenden Onlinelieferungen ist der Verkehr in Innenstädten stark gewachsen.

Die Suche nach kooperationswilligen Unternehmen brachte die international tätige Müllabfuhr Ragn-Sells und den Paketlieferdienst Bring erstmals 2017 in Stockholm zusammen. Bring ist die in allen skandinavischen Ländern präsente Logistiktochter der norwegischen Post. Im Frühjahr 2019 lief das Projekt mit denselben Partnern zudem in Malmö an. Kürzlich taten sich Bring und Ragn-Sells auch in den norwegischen Städten Oslo und Trondheim zusammen.

In Stockholm gründeten sie zunächst die gemeinsame Marke "Geliebte Stadt" ("Älskade stad") und stellten für die letzten Lieferkilometer in der Innenstadt eine Flotte aus kleineren Elektro-Lkws und -Lieferwagen in Dienst. "Sie haben eine Reichweite von 50 Kilometern und müssen, so wie wir sie einsetzen, nur alle zwei Tage geladen werden", sagt Tobias Åbonde, der Brings Ausliefergeschäfte in den skandinavischen Ländern leitet. Die Fahrzeuge sind so schmal, dass sie gut durch die engen Straßen der Altstadt manövrieren können.

Die E-Lieferfahrzeuge übernehmen ihre Fracht in einem gemeinsamen Verladezentrum, liefern sie an Geschäftskunden – vom Finanzdienstleister bis zum Schuhgeschäft – aus und sammeln bei diesen gleich den Müll für den Rückweg ein. Sie nehmen in getrennten Mülltonnen alles mit, was recycelbar und trocken ist: Verpackungsmüll aus Papier, Pappe, Glas und Elektroabfall. Durch die vielen Großkunden komme einiges zusammen – pro Monat 9,5 Tonnen mit zwei elektrischen Liefersammlern.

Am Verladezentrum geben die Lieferfahrzeuge den Müll ab und holen sich neue Pakete für die Innenstadt. Erst am Abend fahren dann große Müllwagen die gesammelten Abfälle aus der Stadt heraus. Die Partner teilen sich die Flotten: In Stockholm gehören sie Ragn-Sells, in Oslo Bring. "Wenn unser E-Fahrzeug in Oslo unterwegs ist, bezahlt uns Ragn-Sells für das Mülleinsammeln. Liefert Ragn-Sells in Stockholm für Bring aus, bekommen sie Geld von uns", erklärt Åbonde.

Er gibt offen zu, dass er anfangs skeptisch war. "Es gab bereits ähnliche Ideen, aber solche Projekte scheitern oft noch im ersten Jahr aus Kostengründen." Denn sobald man Pakete nicht nur an einem Warenhaus einladen, sondern noch mal in der Stadt umladen und dabei umsortieren muss, habe es sich oft nicht mehr gelohnt. Doch bei "Geliebte Stadt" kam es anders. In Stockholm konnte Bring bereits je fünf reguläre Lieferwagen abschaffen und Ragn-Sells eine Aufstockung vermeiden. Beide Unternehmen sparen durch die Elektrofahrzeuge und verringerte Fahrten in und aus der Stadt genug Kosten, um das Umladen zu kompensieren.

Das Projekt trägt sich selbst und läuft so gut, dass in Stockholm bald ein zweites Verladezentrum entstehen soll. "Wir würden auch gern in Kopenhagen starten", skizziert Åbonde die weiteren Pläne. Neben einigen schwedischen Anfragen seien bereits auch viele andere europäische und amerikanische Städte interessiert. "Wir wollen unser Konzept weiter exportieren. Es könnte in jeder Stadt der Welt funktionieren."

(bsc)