Technikmythen: Energieklasse A ist am sparsamsten

Energielabel und tatsächlicher Energieverbrauch klaffen oft weit auseinander. Kein Wunder, dass das EU-Parlament nun Zwischenstufen wie "A++" ein Ende macht, um Verbrauchern bessere Orientierung zu bieten.

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Von
  • Susanne Donner
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Für eine "Stromschleuder" D und A+++ für "Stromsparer" – viele Verbraucher kennen das Energielabel, das auf Kühlschränken und Waschmaschinen prangt. Nach dem Preis ist es die zweitwichtigste Information für eine Kaufentscheidung, ergaben Befragungen der Europäischen Kommission. Doch in Wahrheit liegen die Herstellerangaben oft fernab vom wahren Verbrauch.

Das Grundproblem: Die Produzenten berechnen den Verbrauch nach einer DIN-Norm selbst – ein handfester Interessenkonflikt zwischen Redlichkeit und Marketing. Sogar bei der Erstellung der Normen mischt die Industrie kräftig mit. In den dafür zuständigen Gremien sind neben Akademikern Experten aus der Industrie vertreten und sorgen dafür, dass die Verbrauchswerte zu ihren Gunsten ausfallen, kritisiert Christian Kornherr vom österreichischen Verein für Konsumenteninformation.

TR 3/17

Da die Landesbehörden sie nicht routinemäßig überprüfen, ist bislang weitgehend unklar, wie stark die realen Verbräuche von den Verbrauchsangaben abweichen. Nur einzelne Hinweise gibt es: Kornherrs Verein ermittelte etwa, dass Fernsehgeräte oft das Fünffache der angegebenen Energiemenge benötigen, weil die Hersteller den Verbrauch bei der dunkelsten Bildeinstellung berechnen dürfen.

Außerdem sind für größere Modelle höhere Verbräuche erlaubt – worauf der Käufer aber meist nicht hingewiesen wird. "Ein Fernsehgerät der Klasse A kann dadurch mehr Kilowatt verbrauchen als ein Produkt der Klasse B", sagt Johanna Kardel, Energieexpertin vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Wer Strom sparen will, solle deshalb weniger auf das Label achten, sondern lieber auf die XXL-Mattscheibe verzichten, rät sie.

Reine Theorie sind auch die Messungen des Energieverbrauchs von Kühlschränken. Sie beziehen sich auf ein leeres Gerät, dessen Tür 24 Stunden geschlossen bleibt. So lange verzichtet in der Realität niemand auf Butter und Joghurt. Und bei Waschmaschinen gelten die berechneten Werte nur für das Sparprogramm. Zumindest testen die Hersteller dieser Branchen ähnlich, sodass eine gewisse Vergleichbarkeit erhalten bleibt. Bei Staubsaugern ist aber nicht einmal das der Fall. Der Hersteller Dyson zog gegen den zur Bosch-Gruppe gehörenden Fabrikanten BSH vor Gericht, weil dieser seinen Energieverbrauch von Staubsaugern völlig praxisfern mit leeren Beuteln bestimmt.

Die Norm schreibt nicht vor, wie voll der Beutel sein muss. Doch bei vollem Beutel steigt die Motorleistung, und prompt liegt der Energieverbrauch um ein Vielfaches über dem angegebenen Wert. Holger Brackemann von der Stiftung Warentest fordert deshalb praxistauglichere Tests: Es gebe längst Prüfmethoden mit Normstaub und definierten Füllungen.

Immerhin hat die Politik mittlerweile reagiert und 2016 die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung mit eigenen Labortests beauftragt. Zudem will die Europäische Kommission nun mit einer Reform Schwächen des Labels ausmerzen. Die Einstufung soll in unregelmäßigen Abständen revidiert werden. Bislang blieb die Klasseneinteilung auf Jahre hinweg starr, weshalb die allermeisten Geräte die Bestnote A+++ erzielten und das Label schließlich nicht mehr viel aussagte. Künftig soll sich das Limit – nach dem Vorbild des aus Japan stammenden Top-Runner-Ansatzes – stets an den Geräten mit dem niedrigsten Energieverbrauch orientieren. Fabrikanten haben so mehr Ansporn, ihre Geräte stromsparender zu bauen.

Aktuell vom EU-Parlament beschlossen wurde nun, dass die Einstufung künftig von A bis G reichen soll, und die jetzigen Klassen A+++, A++ und A+ wegfallen sollen. Denn "schon ein A+ klingt für den Verbraucher wie eine Eins in der Schule", sagt Corinna Fischer vom Freiburger Öko-Institut. "Dabei vergeuden diese Produkte unnötig viel Energie." Letztendlich aber betreibt die EU-Kommission mit ihrer Reform nur Kosmetik. Das eigentliche Problem – die auf Vertretern der Industrie basierenden Berechnungen – rührt sie nicht an

(bsc)