Tesla steigt beim Laden um

Lange Zeit kochte Tesla bei Ladestationen sein eigenes Süppchen, um rasch eine leistungsfähige Infrastruktur für seine Kunden bereitstellen zu können. Jetzt wechselt das Unternehmen in Europa zu dem allgemeinen Standard CCS.

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(Bild: Tesla)

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Noch ist das Model 3 von Tesla in Europa nicht verfügbar, aber es kommt erkennbar näher. In dieser Woche lud Tesla registrierte Interessenten zu ersten Vorführungen ein, bei denen allerdings nur das US-Modell präsentiert wurde. Eine weitaus wichtigere Neuigkeit zum Model 3 kam aber wenig später von Drew Bennett, dem Chef für die weltweite Ladeinfrastruktur bei Tesla: Das europäische Model 3 werde zum Laden den standardisierten CCS-Anschluss bekommen, verriet er in einem Interview.

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Dahinter verbirgt sich weitaus als ein Streit um Standards, wie er bei neuen Technologien häufig vorkommt: Bislang hatte Tesla für schnelles Laden ganz auf sein proprietäres Supercharger-Netz gesetzt und war damit allen anderen Anbietern bezüglich Abdeckung und Laderate lange Zeit weit voraus. Mittlerweile aber machen verschiedene Konsortien rapide Fortschritte beim Ausbau eigener Infrastrukturen.

Also musste Tesla eine schwierige Entscheidung treffen: Mit den proprietären Superchargern weitermachen, damit aber riskieren, dass für seine Autos bald nicht mehr die beste Lade-Infrastruktur zur Verfügung steht? Ohne massiven weiteren Ausbau wäre das mit der Einführung des Volumen-Modells 3 auf Kosten der Käufer von teuren Model S und Model X gegangen, die bislang nur sehr selten auf eine freie Station warten mussten. Elektroauto-Foren waren in der Vergangenheit voll mit Spekulationen darüber, welchen Lade-Anschluss das Model 3 in Europa bekommen und wie Tesla mit seinen Superchargern weiter vorgehen würde.

Das ist jetzt geklärt, und die von Bennett verkündete Entscheidung war offenbar gut vorbereitet: Schon kurz nach der Veröffentlichung des Interviews waren die neuen Informationen auch auf den europäischen Tesla-Infoseiten zu finden. „Sie können unser Supercharger-Stationsnetz zum Laden von Model 3, Model S und Model X nutzen“, heißt es jetzt dort. Wie auch Bennett erklärte, werden die europäischen Supercharger dazu vor dem Marktstart des Model 3 aufgerüstet: Neben dem Tesla-eigenen Ladekabel bekommen sie ein zweites, dessen Stecker in die CCS-Buchse am Model 3 passt.

Ohne einen zweiten Schachzug wäre das darauf hinausgelaufen, dass das Model 3 mehr Lademöglichkeiten nutzen kann als Model S und X – Supercharger plus alles, was es an CCS-Stationen schon gibt und noch gebaut wird. Doch auch für Besitzer und zukünftige Käufer von Model S und X hatte Bennett gute Nachrichten: Für sie soll es bald einen relativ preisgünstigen und kompakten Adapter Supercharger-CCS geben, sodass auch diese Modelle alle Fremdstationen nutzen können.

Außerdem kündigte Bennett an, dass das Supercharger-Netz jetzt nicht etwa auf dem derzeitigen Stand – 1359 Stationen mit 11.234 Säulen, davon etwa ein Drittel in Europa – bleiben soll: „Wir werden den Ausbau mit Sicherheit beschleunigen“, kündigte er an, „wir schaffen Infrastruktur, bevor sie wirklich gebraucht wird“. Es sei „absolut“ Ziel von Tesla, der Nachfrage voraus zu sein, und „auf keinen Fall“ bedeute die Aufnahme von CCS, dass man weniger ins eigene Netz investieren werde.

Einige Fragen aber ließ der Supercharger-Chef offen, und auch eine Nachfrage bei Tesla zu diesen Themen blieb zunächst unbeantwortet: So ist nicht klar, wie schnell das Model 3 mit der eingebauten CCS-Buchse und Model S und X mit dem Adapter an fremden Stationen werden laden können. Weil die neu entstehenden CCS-Stationen etwa des Konsortiums Ionity mit neuerer Technik kommen, wäre denkbar, dass das Laden hier sogar schneller vonstatten geht als an den Superchargern, die bis zu 120 kW Leistung liefern – genug, um einen dicken Tesla-Akku in einer halben Stunde zu mehr als 50 Prozent wieder aufzuladen.

Keine Antwort gab es auch auf die Nachfrage von Technology Review, ob bald auch europäische Model S und X ab Werk mit CCS-Buchsen ausgestattet werden. Das wäre naheliegend, denn ein Adapter könnte auf Kosten der Leistung gehen und ist nicht sehr elegant – während Model-3-Fahrer an CCS-Stationen einfach das Kabel einstecken und losladen können, müssen Besitzer von Model S und X einstweilen erst den Adapter aus Front- oder Heck-Kofferraum holen und zwischen CCS-Kabel und ihr Auto stöpseln.

Mit dem Teil-Umstieg auf CCS bei Tesla wird zudem wahrscheinlicher, dass auch andere Elektroautos irgendwann das Supercharger-Netz nutzen können. Tesla-Chef Elon Musk hat in der Vergangenheit stets betont, dass es grundsätzlich auch für andere Fabrikate offen steht. Bei den proprietären Superchargern hätten Konkurrenten in ihren Autos noch die komplizierte Ladetechnik von Tesla übernehmen müssen. Mit CCS hat sich das grundlegend geändert – alle für die nähere Zukunft angekündigten E-Modelle aus Europa sind ohnehin darauf ausgelegt.

Der Markt für Lade-Infrastruktur in Europa scheint mit Teslas Entscheidung also einen großen Schritt in Richtung von mehr Reife und Standardisierung gemacht zu haben, was der Verbreitung zugute kommen dürfte. Andererseits wäre Tesla nicht Tesla, wenn das Unternehmen nicht erneut mit proprietären Entwicklungen voranprescht, wenn es ihm sonst zu langsam geht.

Musk jedenfalls hat bereits eine neue Supercharger-Generation angekündigt, mit der die heute schnellsten Säulen der Konkurrenz mit ihren 350 kW Maximalleistung aussehen werden wie ein „Kinderspielzeug“.

(sma)