Test BMW OS8: Infotainmentsystem setzt auf die Cloud

BMW hat die hauseigene Infotainment-Plattform OS7 zu OS8 weiterentwickelt. Dabei blieb es im Großen und Ganzen bei den bisherigen Stärken und Schwächen.

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BMW oS8

(Bild: BMW)

Von
  • Clemens Gleich
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Der große Versionssprung lässt vermuten, dass Münchens Ingenieure jetzt alles von rechts auf links gekrempelt und alles neu gemacht haben. Dem ist zum Glück nicht so, denn der beim OS7 eingeschlagene Weg hat sich bisher recht gut bewährt, sowohl bei den Kunden als auch beim Infrastruktur-Betreiber BMW. Es bleibt also bei bisherigen Tugenden, mit weiterhin einem Fokus auf den Cloud-Teil, der das System sehr flexibel macht.

Zur Hardware sagt BMW nichts Konkretes, nur Allgemeinplätze wie "Die Anzahl der Gigahertz und Gigabyte Arbeitsspeicher sind nicht allein ausschlaggebend für die Leistungsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit des Gesamtsystems". Natürlich will man als Hersteller mit guter Cloud-Seite nicht anhand der User-seitigen Hardware bewertet werden, doch an den grundsätzlichen Vor- und Nachteilen von Rechenleistung im Auto ändert das nichts. Nachteile: Sie kostet Geld und ist häufig gar nicht nötig, siehe auch Googles Vorstöße in die Telematik mit vergleichsweise minimaler Onboard-Hardware.

Vorteile: Hardware-Leistung im Auto ist, naja: im Auto. Wenn der Tunnel kommt oder der Fahrer gar durch ein Netzabdeckungs-Drittweltland wie die Bundesrepublik Deutschland fährt, kann das eben doch einen großen Unterschied bei rechenaufwändigen Anwendungen wie etwa Spracherkennung und -synthese bringen. Denn letztendlich trifft jede Firma auf das Wordpress-Phänomen: Leistungsfähige Hardware kaufen, kostet in diesen Zeiten fast immer weniger, als effiziente Software schreiben.

Wie andere Hersteller gestaltet auch BMW den Übergang zwischen Cloud-Antworten und Onboard-Antworten für User transparent, sie merken also nichts direkt davon. Sie merken nur indirekt an der Qualität der Antworten, wie es mit der Netzabdeckung ausschauen könnte. In der Praxis funktioniert BMWs Spracherkennung sehr gut, wenn auch nach meiner Ansicht minimal weniger gut als die der Konkurrenz bei Mercedes. Die Befehlssequenz "Hey, BMW!" oder auch "Hey, Horst!", weil man den Assistenten selber umbenennen darf, verhallt so häufig ungehört, dass ich im Test dazu überging, ganz klassisch den Spracheingabeknopf zu drücken.

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Dann erscheint die neue Ballwolke als Darstellung des Sprachassistenten und er nimmt Eingaben an. Die Fuzzy Logic war mir teilweise zu fuzzy. Uneindeutig erkannte Befehle führt das System oft kurzum fehlverstanden aus. Hier wäre mir lieber, das System meldete früher Nichtverstehen und machte mehr die Angela Merkel: Wer nichts macht, macht wenigstens schon einmal nichts falsch.

OS8 Menüs (9 Bilder)

Der Standard-Homescreen mit Navikarte, Assistent und Trip-Computer
(Bild: Clemens Gleich)

Die prägnante (absichtliche) Pause zwischen Eingabe und Antwort vom System hat BMW von OS7 erhalten. Auch hier hilft die Sprachtaste, wenn Sie das nervt. Insgesamt arbeitet der BMW-Assistent in der Praxis bei ausreichender Netzabdeckung genauso gut wie das Daimler-Pendant, mit jeweils eigenen kleinen Idiosynkrasien in den Befehlsstrukturen – nicht weiter verwunderlich, die Technik dahinter ist ja dieselbe. Unterschiede liegen in der Offline-Erkennung und in einer menschlicheren Sprachsynthese bei Mercedes.

Der iX könnte in Sachen Sprachassistent ohne jede Änderung auf der User-Seite deutlich aufholen (oder überholen) in den nächsten Jahren, weil BMW ihn gleich mit 5G-Modem ins Rennen schickt. Dessen eSIM lässt sich für 9,95 Euro im Monat dabei in den bestehenden Telekom-Mobilfunkvertrag integrieren (Vertragsoption "MobilityConnect"). Damit können Sie zum Beispiel Videos über Fahrzeugantenne, internes 5G-Modem, Fahrzeug-Router und den bestehenden Vertrag streamen. Ein ähnliches Angebot macht Vodafone ihren Kunden unter der Option "One Number Car" für 5 Euro im Monat. Jetzt muss nur noch der 5G-Netzausbau besser werden als das bisherige Debakel.

Um Eingaben zu reduzieren, zu vereinfachen und Aufmerksamkeit zu sparen, setzt BMW noch stärker als vorher schon auf den Kontext dieser Eingaben. Beim Abstellen des Fahrzeugs zeigt der Bildschirm zum Beispiel typische nächste Menüpunkte an, also Lade- und Klimatisierungseinstellungen. Die Sprachsteuerung merkt sich den Kontext der aktuellen Eingabe, sodass sie Kurzantworten auf Nachfragen korrekt bearbeitet.

Da die Zielführung für so vieles im Auto hilfreich ist, versucht BMW, selbst bei inaktiver Zielführung das nächste Ziel aus vergangenem Verhalten zu erraten. Das Hauptbeispiel hierzu: der Weg zur Arbeit. Den kennen die Insassen auswendig, das Navi bleibt daher oft aus. Es gibt mit OS8 dann selbst ohne Zielführung zum Beispiel Verkehrsinfos oder Hinweise zu einer passenden Lademöglichkeit.