Testen, schwören, Masken tragen: Japan öffnet sich nur langsam für Touristen

Japan vollzieht als eine der letzten Demokratien die große Corona-Wende: Seit Anfang Juni dürfen wieder Besucher ins Land – allerdings unter Auflagen.

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Straßenszene in Tokio: Über zwei Jahre ohne Touristen.

(Bild: Luca Sartoni / cc-by-sa-2.0)

Von
  • Martin Kölling

Eigentlich war es in Japan milde: Während der Pandemie gab es dort weder eine Zero-COVID-Politik noch harte Lockdowns wie in vielen westlichen Staaten. Mit relativ sanften Methoden und konsequentem Maskentragen hielt die Gesellschaft die Infektionen auf zumeist niedrigem Niveau. Nur in einem blieb die Regierung hart: Die Grenzen wurden für Touristen, Auslandsstudenten und selbst Geschäftsreisende für zwei Jahre geschlossen. Seit diesem Monat sind sie wieder offen, allerdings nur eingeschränkt und mit Auflagen. So werden Neuankömmlinge aufgefordert, in Japan doch bitte die Maskengebote zu befolgen. Und in einem Schwur, den alle Einreisenden abzugeben haben, wird sogar mit Abschiebung gedroht. Doch der Reihe nach.

Der Kontrast zu Deutschland könnte nicht größer sein: Als ich jüngst in die Heimat flog, musste ich beim Einchecken meinen digitalen Impfausweis präsentieren. Das war’s. In Deutschland hat sich niemand um meinen Corona-Zustand und kaum um das Tragen von Masken geschert, wenn man nicht gerade Zug fuhr. Auf meiner Reise zurück nach Japan wurde ich hingegen nicht von dem bürokratischen Spießrutenlauf verschont, mit dem die Regierung in Tokio das Einschleppen von Viren erschweren will. Das ging auch meinen japanischen Mitreisenden so. Und für Touristen ist dieser Parcours noch einmal komplexer.

Es beginnt damit, dass Japans Regierung in einem ersten Schritt nur Gruppenreisen ins Land zulässt. Noch ist offen, wann auch Individualreisen wieder erlaubt werden. Dazu müsste das Limit von 20.000 Einreisenden pro Tag aufgehoben werden. Japan-Fans müssen daher derzeit eine Gruppenreise in einem anerkannten Reisebüro buchen, das mit dem "Entry, Returnees Follow up System" das Tracking der Touristen in Japan garantiert. Erst mit dem per E-Mail zugesendeten Zertifikat kann dann das Visum bei der Botschaft beantragt werden. Denn Japan hat die frühere Visa-Befreiung für westliche Länder – so einfach war es einmal! – noch nicht wieder eingeführt.

Auch die Abreise im Startland wird zu einem Hürdenlauf. Die erste Kontrollinstanz ist ein PCR-Test, der höchstens 72 Stunden vor Einreise gemacht worden ist. Allerdings akzeptieren die Japaner nicht jeden dahergelaufenen Testnachweis, sondern nur drei bestimmte, deren Ergebnis am besten zusätzlich zum offiziellen Ausdruck noch auf einem Formular des japanischen Außenministeriums eingetragen werden sollte.

Für den eigenen Seelenfrieden empfiehlt es sich daher, eine PCR-Teststelle zu wählen, die sich mit den japanischen Anforderungen auskennt. Eine Freundin von mir wurde voriges Jahr in Deutschland am Flughafen von der Fluglinie zurückgewiesen. Sie hatte zwar den richtigen Test, doch dessen Übersetzung auf Englisch stimmte nicht mit dem offiziellen japanischen Wortlaut überein. (Das war allerdings ein Problem der Airline, die übervorsichtig war, weil sie in Japan abgewiesene Reisende nicht zurückfliegen wollte.)

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Im Flugzeug geht es weiter: Vor der Landung müssen alle Reisenden einen "Schwur" ausfüllen, dass sie den (allerdings inzwischen für viele Abflugländer aufgehobenen) Quarantänebedingungen etc. folgen werden. Damit nimmt man dann auch zur Kenntnis, dass man als ausländischer Besucher den Visumsstatus verspielen kann, wenn man sich nicht an die Regeln hält.

Der eigentliche Spaß beginnt nach der Landung in Japan: der Corona-Parcours. Meine erste Empfehlung: Nicht hinterfragen, sondern folgen – und die japanische Idee von Effizienz erleben. Es gibt viele personell gut besetzte Stationen, an denen die Papiere geprüft und die Einreisenden mittels farbiger Karten auf die verschiedenen Laufbahnen verteilt werden. Die Angestellten helfen auf dem Weg. Empfehlung Nummer zwei: Ziehen Sie sich bequemes Schuhwerk an, denn der Weg ist weit.

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Alle Einreisenden müssen zum Beispiel die App "MySoS" herunterladen, mit der früher durch GPS-Überwachung und Videoanrufe die Einhaltung der Quarantäne geprüft wurde. Außerdem muss man an einem Computer Fragen beantworten: Hatte man Kontakt zu COVID-19-Infizierten – oder zu Infizierten, die nicht wussten, dass sie infiziert waren? Meines Erachtens ergibt die zweite Frage keinen Sinn. Aber der Rat lautet: Brav "nein" ankreuzen.

Einreisende aus Deutschland bekommen dann eine blaue Karte, die den kürzesten Weg zur Gepäckausgabe darstellt. Denn wer aus einem als Blau eingestuften vermeintlich sicheren Land kommt, muss nicht einmal geimpft sein, um ohne weiteren PCR-Test und Quarantäne ins Land einzureisen. Ich stand ungefähr 40 Minuten nach der Landung mit meinem Koffer in der Hand am Taxi-Stand – eine gute Zeit. Aber wenn es voller ist, kann es länger dauern.

Schwieriger werden Einreisen aus gelb eingestuften Ländern wie Liechtenstein und Vatikan. Wer geimpft ist, kann zwar ebenfalls ohne lokalen PCR-Test und Quarantäne ins Land. Doch ohne Impfung wird man nicht nur am Flughafen noch einmal getestet, sondern muss sich auch daheim oder im Hotel für bis zu sieben Tage isolieren. Allerdings kann man sich nach drei Tagen durch einen Selbsttest freitesten.

Voll durchimpften Personen aus "rot" eingestuften Ländern geht es ähnlich. Aber ohne Impfung folgt auf einen neuerlichen PCR-Test – wie noch bis vor einem Jahr für alle üblich – eine Hotelquarantäne, aus der man frühestens nach drei Tagen mit einem weiteren negativen PCR-Test in die japanische Gesellschaft entlassen wird.

Gewöhnungsbedürftig ist für Deutsche vielleicht wieder das Tragen von Masken. In Japan ist der Mundschutz noch weit verbreitet. Denn die Japaner wissen noch, dass die Pandemie gebremst werden kann, wenn alle Masken tragen. Nippons Supercomputer Fugaku hat das in vielen Simulationen mathematisch bestätigt. Auf einem Flugblatt, das im Flughafen ausliegt, werden dann Touristen eindrücklich die derzeit gültigen Regeln erklärt.

Im Freien wurde das Maskengebot gerade aufgehoben, wenn sich Menschen mehr als zwei Meter voneinander entfernt aufhalten oder schweigen. Steht man enger zum Plausch beisammen, möge man bitte die Speichelfänger aufsetzen. In den vollen Bahnen, aber auch in Gebäuden und Restaurants sind Masken grundsätzlich Bürgerpflicht.

Zum Essen darf man sie natürlich absetzen, denn ein gut erzogener Mensch spricht auch in Japan nicht mit vollem Mund. Damit sinkt das Infektionsrisiko. Nach der Nahrungsmittelaufnahme ist man dann aufgerufen, wieder Maske zu tragen, um beim Sprechen nicht Speicheltropfen und Aerosole auf seine Mitmenschen zu pusten. Aber in Kneipen halten sich auch viele Japaner nicht daran. Mein Rat: Seien Sie japanischer als die Japaner. Denn diese Gesellschaft muss etwas richtig gemacht haben.

Während die Weltgesundheitsorganisation Deutschland eine Übersterblichkeit attestierte, starben in Japan weniger Menschen als üblich. Die Todesrate ist nach der Johns Hopkins University mit 24,54 Toten auf 100.000 Einwohner sogar niedriger als die Neuseelands, ein Land, das sich lange einer Null-Covid-Strategie verschrieben hatte. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert bei 167,35 Personen. Und in Japan waren die Schulen außer in den ersten drei Monaten der Pandemie nicht geschlossen.

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