Textilien: Lösungen für das Recycling-Problem

Nicht einmal ein Prozent aller Kleidung wird bisher hochwertig recycelt – und das, obwohl die Textilbranche als schmutzig und ressourcenintensiv gilt.

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(Bild: Shutterstock)

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Laura Kunze verteilt mit beiden Händen einen Haufen Kleiderfetzen auf dem Tisch: Stoffe in bunten Farben, manche grob gestrickt, manche fein gewebt, alle fein säuberlich in gürtelbreite Streifen gerissen. Die Reste einer Nikolausmütze sind zu erkennen, ein bunter Strickpulli, ein Schal in mattem Olivgrün. Auf den ersten Blick wirkt der Haufen, als sei er gerade noch gut genug für einen Patchwork-Kurs. Aber Kunze hat damit mehr vor. Die Textildesigningenieurin arbeitet bei der Entwicklungs- und Designfirma imat-uve in Mönchengladbach und sucht nach einem neuen Verfahren zum Kleiderrecycling. Die gerissenen Stoffstreifen sind die Basis dafür. „Bisher hat sich kaum jemand Gedanken darüber gemacht, wie man Altkleider aus Mischfasern sinnvoll wiederverwerten kann“, sagt sie. Das gelte auch für Kleider, die gar nicht erst verkauft werden. „Dabei sind all das wertvolle Rohstoffe.“

Ob Plastik, Papier oder Glas: Bei vielen anderen Materialien ist hochwertiges Recycling inzwischen verbreitet. Für die Textilbranche aber klingen solche Worte wie eine Revolution. Neue Ware produzieren – möglichst schnell, möglichst billig und möglichst viel – so lautet das Credo bisher. Allein zwischen 2000 und 2015 hat sich der Absatz neuer Kleidung verdoppelt, das zeigen Zahlen der Marktforscher von Euromonitor International. Gleichzeitig werden nach Angaben der Ellen MacArthur Foundation weltweit aktuell weniger als ein Prozent aller aussortierten Hosen, Jacken und Pullover wieder zu neuer Kleidung verarbeitet. Drei Viertel landen, sobald sie niemand mehr tragen will, auf Deponien oder in der Müllverbrennung; zwölf Prozent enden als Putzlappen, Isoliermaterial oder Matratzenfüllung. „Jedes Jahr gehen mehr als 500 Milliarden US-Dollar an Wert durch unzureichende Nutzung von Kleidung und mangelndes Recycling verloren“, so das Fazit der Studienautoren.

Lange Zeit habe das in ihrer Branche kaum jemanden interessiert, erzählt Kunze. Es war ein XXL-Problem ohne passende Lösung. Inzwischen aber beobachtet sie ein Umdenken – auch weil die Nachteile immer offensichtlicher werden. Der Anbau von Baumwolle benötigt Unmengen an Wasser und Pestiziden. Die Chemikalien, die Unternehmen beim Färben und Imprägnieren nutzen, sind so vielfältig wie die Kleidungsstücke selbst und teils giftig. Sie landen in den Herstellerländern wie China, Indien, Bangladesch, Vietnam und Äthiopien noch immer im Abwasser – auch wenn es Bemühungen gibt, etwas an der Situation zu ändern. Hinzu kommt eine schlechte CO2-Bilanz, unter anderem weil die Textilfabriken in aller Regel mit Kohlestrom betrieben werden und die Produkte oft über Tausende Kilometer transportiert werden. All das lasse sich nicht nur gesellschaftlich immer schwieriger rechtfertigen, sagt Kunze. Auch wirtschaftlich ist die Verschwendung spürbar. „Der Klimawandel lässt Ressourcen knapp werden, zum Beispiel weil Baumwollanbaugebiete austrocknen.“

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