Tools gegen die Pandemie: Was die Entwickler falsch gemacht haben

IT-Experten erstellten rasch neuartige Werkzeuge gegen die Verbreitung von COVID-19. Dabei hörten sie kaum auf Experten, kritisiert US-Professorin Susan Landau.

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(Bild: Ms Tech / Unsplash, Pexels)

Von
  • Lindsay Muscato

Seit COVID-19 laufen immer mehr Menschen mit Tracking-Apps herum, die überprüfen sollen, ob wir mit Infizierten Begegnungen hatten. Das soll die Verbreitung des Virus reduzieren – und schickt in manchen Ländern sogar Menschen automatisiert in die Quarantäne. Die Verfahren hinter den Programmen wie der Corona-Warn-App stammen von Google und Apple. Sie nutzen den Nahbereichsfunk Bluetooth, um Begegnungen zu erfassen, überwachen aber keine Standorte, um datenschutzfreundlich zu bleiben.

Susan Landau, Professorin für Cybersicherheit und Informatik an der Tufts University, ist die Autorin von "People Count", einem Buch darüber, wie und warum Kontaktverfolgungs-Apps entwickelt wurden. In diesem Monat veröffentlichte sie in der Zeitschrift "Science" einen Aufsatz, in dem sie dafür plädiert, dass neue Technologien zur Unterstützung der öffentlichen Gesundheit gründlich daraufhin überprüft werden sollten, ob sie zu den bereits in der Gesellschaft vorhandenen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten beitragen könnten.

"Diese Pandemie wird nicht die letzte sein, mit der die Menschen konfrontiert werden", schreibt Landau und fordert die Gesellschaft auf, "Instrumente und eine unterstützende Gesundheitspolitik zu entwickeln", die die Rechte und die Sicherheit der Menschen schützen und mehr Gerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung ermöglichen. Dieses Interview mit MIT Technology Review wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit gekürzt und bearbeitet.

Frau Landau, was haben wir seit der Einführung der COVID-19-Apps gelernt, insbesondere darüber, wie sie anders oder besser hätten funktionieren können?

Die Techniker, die an den Apps gearbeitet haben, waren sehr darauf bedacht, mit Epidemiologen zu kommunizieren. Was sie wahrscheinlich nicht ausreichend bedacht haben, war: Diese Apps werden verändern, wer über eine mögliche COVID-19-Exposition informiert wird. Die Programme werden die Verfügbarmachung von öffentlichen Angeboten verändern. Und das ist das Gespräch, das nicht stattgefunden hat.

Wenn ich zum Beispiel letztes Jahr hier in den USA eine Benachrichtigung über eine Treffen mit einer positiv getesteten Person erhalten hätte, hätte ich meinen Arzt angerufen, der mir dann gesagt hätte: "Ich möchte, dass Sie sich auf Corona testen lassen." Vielleicht hätte ich mich in meinem Schlafzimmer eingeschlossen und mein Mann würde mir Essen bringen. Vielleicht wäre ich nicht in den Supermarkt gegangen. Aber abgesehen davon hätte sich für mich nicht viel geändert. Ich fahre keinen Bus. Ich bin nicht in der Gastronomie tätig. Für diese Menschen ist es etwas ganz anderes, einen solchen App-Hinweis zu bekommen. Sie brauchen ein soziales Netz, das sie unterstützt –und das ist etwas, womit sich das öffentliche Gesundheitswesen eigentlich auskennen soll.

Anderswo war das ganz anders. Wenn man in der Schweiz eine Expositionsmeldung erhält und der Staat dann sagt: "Ja, Sie müssen unter Quarantäne gestellt werden" – dann wird man gleich gefragt: "Was ist Ihr Beruf? Können Sie von zu Hause aus arbeiten?" Und wenn Sie "nein" sagen, wird der Staat Sie finanziell unterstützen, damit Sie zu Hause bleiben können. Auf diese Weise wird eine soziale Infrastruktur geschaffen, um die Meldung dieser Apps zu unterstützen. In den meisten Ländern ist das nicht der Fall – zum Beispiel bei uns hier.

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Epidemiologen untersuchen, wie sich Krankheiten ausbreiten. Experten des öffentlichen Gesundheitswesens befassen sich damit, wie wir uns um die Menschen kümmern, und sie haben eben eine andere Rolle.

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Hätten die Apps auch anders gestaltet werden können? Was hätte sie nützlicher gemacht?

Ich denke, es spricht einiges dafür, dass zumindest 10 Prozent der Apps tatsächlich den Standort erfassen und diesen dann allein für medizinische Zwecke verwenden, um die Verbreitung der Krankheit zu verstehen. Als ich im Mai und Juni 2020 mit Epidemiologen sprach, sagten sie: "Aber wenn ich nicht sagen kann, wo sich die Krankheit ausbreitet, verliere ich die Information, die ich wissen muss." Das ist eine Frage des Ansatzes, der Governance von Google und Apple [wo diese Daten nicht erfasst werden, Anm. d. Red.].

Es stellt sich auch die Frage, wie effizient dies ist. Das hängt wieder mit der Frage der Gerechtigkeit zusammen. Ich wohne in einer eher ländlichen Gegend – und das nächste Haus ist mehrere hundert Meter entfernt. Ich werde kein Bluetooth-Signal von einem fremden Telefon erhalten, das zu einer Benachrichtigung über eine Gefährdung führt. Wenn mein Schlafzimmer direkt an das Schlafzimmer der Nachbarwohnung grenzt, könnte ich hingegen eine ganze Reihe von Expositionsmeldungen erhalten, wenn die Person nebenan krank ist – das Signal kann durch dünne Holzwände dringen.

Warum ist der Schutz der Privatsphäre für die Entwickler von Kontaktverfolgungs-Apps so wichtig geworden?

Es sind wirklich aufschlussreiche Informationen, wo man sich aufgehalten hat – denn das zeigt private Dinge wie zum Beispiel mit wem man geschlafen hat oder ob man nach der Arbeit noch in die Bar geht. Es zeigt an, ob man donnerstags um sieben in die Kirche geht, aber nie zu einer anderen Zeit, und es stellt sich dann heraus, dass sich die Anonymen Alkoholiker in dieser Kirche treffen. Für Menschenrechtsaktivisten und Journalisten ist es offensichtlich, dass es sehr gefährlich ist, wenn andere erfahren, mit wem sie sich getroffen haben, denn dadurch werden ihre Schützlinge oder Quellen aufgedeckt. Aber auch für den Rest von uns ist es eine sehr private Angelegenheit, mit wem man Zeit verbringt – die Nähe von Menschen.

Andere Länder verwenden Apps, die eine stärkere Standortverfolgung beinhaltet – Singapur zum Beispiel.

Singapur sagte anfangs: "Wir werden Ihre Daten nicht für andere Dinge verwenden." Dann änderten sie die Aussage und nutzen sie nun für Strafverfolgungszwecke. Und die App, die anfangs freiwillig war, wird jetzt benötigt, um in Bürogebäude, Schulen und so weiter zu gelangen. Die Regierung hat quasi keine andere Wahl, als zu wissen, mit wem man seine Zeit verbringt.

Ich bin neugierig, was Sie über die Lehren zu sagen haben, was den Aufbau solcher öffentlicher Technologien in einer Krise anbetrifft.

Ich arbeite im Bereich Cybersicherheit, und in diesem Bereich haben wir sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass es am anderen Ende der Leitung einen Benutzer gibt – und dieser Benutzer ist kein Ingenieur, der bei Sun Microsystems oder Google in der IT-Sicherheit sitzt. Es ist Ihr Onkel. Es ist Ihre kleine Schwester. Und Sie wollen Leute in ihrem Team haben, die verstehen, wie Menschen diese Dinge benutzen. Aber das ist nichts, wofür Ingenieure ausgebildet werden – das ist etwas, was Leute aus dem Gesundheitswesen oder den Sozialwissenschaften tun. Diese Leute müssen ein integraler Bestandteil der Lösung sein.

Ich möchte, dass ein Gesundheitsexperte zu mir sagt: "Diese Bevölkerungsgruppe wird auf diese App so und so reagieren". Ein Beispiel: Die kambodschanische Community in den Vereinigten Staaten – viele von ihnen wurden von ihrer alten Regierung traumatisiert. Diese werden auf eine bestimmte Weise reagieren. Die Einwanderer aus Indien reagieren vielleicht wieder anders. In meinem Buch spreche ich über ein Reservat der Apachen im östlichen Arizona, in dem dieser soziale Faktor endlich einmal berücksichtigt wurde. Es sind Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens – und keine Maßnahme zur Ermittlung von Kontaktpersonen –, wenn man nach den Großeltern einer Person fragt.

Digitale Impfstoff- und Ausweis-Apps werden jetzt in einer Vielzahl von Staaten und Ländern eingeführt und von privaten Einrichtungen verlangt. Wer sollte bei der Entwicklung dieser Anwendungen dabei sein, damit sie funktionieren?

Sie brauchen dazu Leute, die sich Gedanken über das Identitätsmanagement gemacht haben – und Menschen, die über den Datenschutz nachdenken. Wie kann man eine solche Information preisgeben, ohne alles andere preiszugeben?

Datenschutz im Gesundheitswesen ist ein besonderes Problem. Da fallen mir sofort die Epidemiologen und Kontaktforscher ein, die sich mit AIDS befasst haben, was in den 1980er Jahren ein wirklich brisantes Thema war. Diese Experten sind gefragt, weil sie sich mit dem öffentlichen Gesundheitswesen auskennen und die Bedeutung des Datenschutzes wirklich verstehen. Sie wissen das aus dem Bauch heraus.

Es geht also darum, kluge Leute von beiden Seiten in den Raum zu bekommen – Technik und Gesundheitswesen. Sie müssen clevere Menschen sein, denn es ist schwer, die Sprache des anderen zu verstehen. Beide Gruppen müssen verstehen, was die andere Seite sagt, aber sie müssen auch so selbstbewusst sein, dass sie bereit sind, viele Fragen zu stellen. Das wirkliche Verstehen ist das Schwierige.

Die Originalversion dieses Beitrags wurde im Rahmen des "Pandemic Technology Projects" der Rockefeller Foundation unterstützt.

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(bsc)