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Trends 2020: Aufbruch nach Digitalien, das smarte Leben eines smarten Bürgers

Wir können uns heute schon ziemlich genau vorstellen, wie das Leben in intelligenten Städten und auf dem komplett vernetzten Land aussehen könnte.

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"Guck mal, Papa, ein Auto!" Jonas sah mich überrascht an. Kein Wunder, oft traf man auf diese Ungetüme ja nicht mehr. Der autonome I.D. Buzz hatte sich hinter unserem Quad-E-Bike eingereiht. Ich erinnerte mich noch belustigt an VWs Versuche, damals, als die Dieselkrise hochkochte, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Inzwischen wurden die autonomen E-Autos der I.D.-Reihe vom chinesischen Hersteller Byton produziert. VW hatte sich nach dem Verkauf der Marke und der Schließung des letzten Produktionswerks in Wolfsburg in Moia umbenannt und ganz auf Mobilitätsdienstleistungen verlegt. Nur die Wartung der für Moia immer noch vereinzelt eingesetzten E-Autos erinnerte noch an frühere Zeiten.

Das galt aber nicht nur für VW. Unser E-Bike, ein bequemer Vier-Sitzer, den man auch als Lastenfahrrad nutzen konnte, gehörte zu den beliebtesten Individual-Gefährten fürs Mobility-Sharing. Hersteller: Tesla. Anfang der 20er-Jahre brach die große E-Auto-Flaute aus, angesichts der endlich entwickelten erweiterten Sharing-Infrastruktur in den Städten und angesichts der Unwilligkeit klassischer Autobauer (zu denen sich auch Tesla zählen lassen musste), nicht einfach nur herkömmliche Autos mit anderen Motoren und erweiterten Assistenzsystemen auszustatten. Tesla stellte daraufhin ganz auf Fahrräder um und wurde schließlich von Continental/Schaeffler übernommen.

Nicht nur eine Zukunftsvision: das E-Bike als Viersitzer und als Lastenfahrrad

Continental hatte als zweites Standbein die E-Pods, mit der auch die Dörfer und das Land (wo die Bauern die Digitalisierung und Vernetzung eh schon viel schneller vorangetrieben hatten als die Stadtbewohner) ins Mobility-Sharing eingebunden wurden: halbindividuelle und halbautonome Gefährte, die man sich per App an seinen Standort ruft, von wo aus es zur nächsten Auffahrt auf das erweiterte Schienennetz geht. Dort koppeln sie sich an von der App informierte, bereits verbundene E-Pods an, die in die gleiche Richtung müssen. Für zwischenzeitliches Ab- und Ankoppeln an neue E-Pod-Kolonnen bei Abzweigungen sorgt die App mittels der digitalen Infrastruktur.

Ein Hinweis in der AR-Brille riss mich aus meinen historischen Reminiszenzen. Wir könnten nun links abbiegen, dort stünde ein ÖPNV-Bus für uns bereit. Die Toll-Collect-App hatte der Üstra Bescheid gesagt, dass der warten solle, um uns noch mitzunehmen. Der autonome Bus würde uns bis kurz vors Haus bringen.

Auch so eine Geschichte, die man sich Ende der 10er-Jahre nicht so recht vorstellen konnte: Alle Ride-Sharing-Angebote und andere Dienstleistungen mussten sich bei Toll Collect anmelden und deren Koordinierungsaufgaben unterwerfen. Nachdem Toll Collect in staatlicher Hand geblieben war, rang sich die grün-schwarze Bundesregierung dazu durch, endlich Nägel mit Köpfen zu machen und ein einheitliches Mobilitätskonzept für ganz Deutschland zu entwickeln.

Toll Collect als Koordinierungsinstanz spielt seither eine zentrale Rolle – Autos dagegen keine mehr. E-Bike-Sharing, autonome ÖPNV-Busse, E-Roller und einzelne Laufbänder in den besonders zentralen Fußgängerzonen sorgen dafür, dass man überall bequem hinkommt. Und wer Sport braucht, kann ja laufen – Autos kommen ihm nicht in die Quere, Fußgänger haben überall Vorrang, und die Luft ist auch sauber, seit 2030 Verbrennungsmotoren verboten wurden.

Die Toll-Collect-App hat nur die Grundfunktionen fürs Mobility-Sharing, eigentlich ist Toll Collect nur so eine Art digitaler Netz-Infrastrukturanbieter. Jeder Dienstleister kann mit eigenen Sharing-Apps eigene Dienste auf dieser Basis anbieten, ist aber verpflichtet, seine Angebote zur Koordinierung an Toll Collect zu melden. So ähnlich verfuhr man seit Anfang der 20er-Jahre mit allen Netz-Infrastrukturen: Da sie als gesellschaftlich notwendige Aufgabe definiert wurden, gingen sie in die Hand öffentlich-rechtlicher Gesellschaften über, die die Infrastruktur für beliebige Dienstleister zur Verfügung stellten.

Die Sharing-App kann, wenn ich das möchte, auch Kontakt mit unserer Wohnung aufnehmen. Hat sie gerade auch: Reinhard erscheint als Hologramm kurz vor meinem rechten Auge. "Ihr seid in fünf Minuten da? Fein, die Zutaten für deine Kochorgie gleich sind auch schon eingetrudelt, meldete der Kühlschrank gerade", freut er sich.

Ach ja. Der vernetzte Kühlschrank. Wie lange geisterte er durch die Fantasien der digitalen Welt? Seit dem vergangenen Jahrtausend? Immer verbunden mit der Vorstellung, der Kühlschrank bestellt selbstständig und automatisch fehlende Lebensmittel nach. Absurd. Und so weit sind auch die modernen digitalen Assistenten noch lange nicht, dass ihre KI unsere Gedanken lesen könnte.

Dabei ist der vernetzte Kühlschrank ja der ideale Platz für das zentrale Display in der Küche – nicht nur für Rezepte, sondern als zentrales Informationsboard der Wohnung oder etwa zum V-appen (3D-Whatsappen) während des Kochens oder Aufräumens. Tja, trotz aller halbwegs intelligenten Roboter im Haushalt muss man da manchmal doch noch Hand anlegen …

Der vernetzte Kühlschrank funktioniert aber mittlerweile auch als eine Art umgekehrter Müllschlucker. Während der den Abfall automatisch zum zentralen Recycling-Hof des Viertels transportiert, ist der Kühlschrank die Endstation für alle nicht von uns selbst nach Hause gebrachten Lebensmittel. Im Geschäft oder übers Netz bestellte Lebensmittel, per Transponder personalisiert, bringen automatisierte Botenfahrzeuge zur zentralen Kühlstation im Haus, von wo sie in die Kühlschränke der einzelnen Wohnungen verteilt werden.