USA: Hausaufgaben-Kluft gefährdet Zukunftschancen vieler Schüler

FCC-Kommissarin Jessica Rosenworcel warnt, dass Kinder aus armen Familien PCs WLAN-Hotspots und vergünstigte Datentarife für den Schulstoff daheim brauchen.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 24 Beiträge

Kind mit Digitaltechnik: Lockdown-Probleme auch in den USA.

(Bild: dpa, Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Illustration)

Von
  • Tanya Basu

Als die Pandemie ausbrach, mussten Eltern auf die Schnelle versuchen, genügend Computer für den Online-Unterricht ihrer Kinder zu bekommen. Selbst wenn sie es schafften, war die nächste große Herausforderung, mehreren Personen für viele Stunde Online-Zugang zu ermöglichen.

Jessica Rosenworcel, eine von fünf Kommissaren bei der US-Kommunikationsbehörde Federal Communications Commission (FCC), warnte schon lange vor Covid-19 vor einer "Hausaufgaben-Kluft". Mit diesem Problem sehen sich Gemeinden konfrontiert, in denen Kinder mangels Infrastruktur, weil es sich ihre Familien nicht leisten können oder aus beiden Gründen, keinen Internetzugang haben.

Der aktuelle Breitbandstandard der FCC umfasst eine Download-Geschwindigkeit von mindestens 25 Megabit pro Sekunde. In ländlichen Gebieten, in denen nach Schätzungen einer Studie des Pew Research Centers ein Drittel der Amerikaner keinen Breitband-Zugang hat, sind diese Geschwindigkeiten unbekannt. Zu weiteren Pew-Daten, die etwa drei Vierteln der städtischen und vorstädtischen Haushalte Zugang zu Breitband bescheinigen, muss man aber wissen: In den aktuellen FCC-Karten gilt das Gebiet einer Postleitzahl schon dann als gut mit Breitband versorgt, wenn ein einzelner Haushalt Zugriff hat.

Angesichts dieser Probleme ist Rosenworcel leidenschaftlich daran interessiert, dass die FCC das sogenannte E-Rate-Programm aktualisiert: einen 1996 gegründeten föderalen Bildungstechnologiedienst, der Schulen und Bibliotheken ermäßigten Internetzugang bietet. Technology Review sprach mit ihr über ihre Pläne, das Programm zu nutzen, um die Hausaufgaben-Kluft zu schließen.

Technology Review: Wie sind Sie auf den Begriff "Hausaufgaben-Kluft" gekommen?

Jessica Rosenworcel: Als ich der FCC beitrat, beschloss ich, E-Rate-begünstigte Schulen zu besuchen. Egal wohin ich ging, ob ins städtische oder ländliche Amerika, in Großstädte oder Kleinstädte, ich hörte die gleichen Dinge von Lehrern und Administratoren: "Das E-Rate-Programm ist großartig. Wir haben jetzt diese Geräte, die wir in allen Klassenzimmern verwenden können. Aber wenn unsere Schüler abends nach Hause gehen, haben dort nicht alle zuverlässigen Internetzugang."

Kinder saßen mit bis spät in den Abend ausgeliehenen Schul-Laptops auf dem Schulparkplatz und versuchten, Hausaufgaben zu erledigen, weil dies der einzige Ort war, wo sie online gehen konnten. Oder sie machten ihre Hausaufgaben in Fast-Food-Restaurants bei einer Portion Pommes.

Sieben von zehn Lehrern vergeben Hausaufgaben, für die ein Internetzugang erforderlich ist. Die FCC-Daten zeigen jedoch durchweg, dass jeder dritte Haushalt kein Breitband hat. Ich habe angefangen, diese Überlappung "Hausaufgaben-Kluft" zu nennen, weil dieser Teil der digitalen Kluft eine eigene Bezeichnung brauchte.

Und dann kam die Pandemie, richtig? Wir haben Abermillionen Kinder nach Hause geschickt und ihnen gesagt, sie sollen am Online-Unterricht teilnehmen. Aber die Daten deuten darauf hin, dass 17 Millionen von ihnen es nicht dorthin schaffen. So wird diese Kluft bei den Hausaufgaben zu einer Bildungskluft und ich mache mir Sorgen, dass sie zur langfristigen Chancenkluft wird, wenn wir das nicht korrigieren.

Warum herrscht in den USA eine so starke digitale Ungleichheit?

Unsere geografischen Unterschiede haben wunderbare Auswirkungen, aber auch Konsequenzen. Es erfordert einige Arbeit, um sicherzustellen, dass alle verbunden sind. Aber wir haben es schon einmal geschafft: Bei Elektrizität nach dem Gesetz zur Elektrifizierung des ländlichen Raums und mit der einfachen Telefonie. Wir können es auch mit Breitband schaffen.

Zu Beginn der Pandemie wurde vielen Einwandererfamilien und Menschen ohne Internetzugang gesagt, sie könnten vergünstigte Datentarife bekommen. Aber das war schwierig in Bezug auf die Papiere und die Kosten. Wie hat die FCC dieses Problem angegangen?

Ich kann laut und unerbittlich sein, aber ich kann meine Kollegen nicht immer überzeugen. Ich bin überzeugt, dass wir das E-Rate-Programm unter Verwendung bestehender Gesetze aktualisieren und Schulen unterstützen können, indem wir beispielsweise WLAN-Hotspots verleihen. Weil wir es nicht tun, gehen Bilder wie das von zwei Mädchen viral, die vor einer Taco-Bell-Filiale im kalifornischen Salinas saßen. Nicht um zu Mittag zu essen, sondern wegen des kostenlosen WLAN-Signals. Schüler sitzen in heißen Autos, um am Unterricht teilzunehmen und Hausaufgaben zu erledigen. Schande über die FCC, dass sie die Aktualisierung von E-Rate nicht zur Priorität gemacht hat, um diese Krise zu bewältigen.

Welche Kinder trifft die Hausaufgaben-Kluft am stärksten?

Sie hat einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf farbige Gemeinschaften, ist unverhältnismäßig schädlich für das ländliche Amerika und schadet einkommensschwachen Haushalten überproportional. Wenn es diese Schüler aber nicht in Online-Klassenzimmer schaffen und monatelang nicht zur Schule gehen, hat das langfristige Auswirkungen auf ihre Ausbildung.

Ist die Umsetzung des E-Rate-Programms derzeit überhaupt möglich?

Das Schöne an dem E-Rate-Programms ist, dass Schulen mit einer größeren Anzahl von Schülern, die kostenloses oder preisreduziertes Mittagessen erhalten, mehr Unterstützung erhalten. Es ist also fast eine perfekte Landkarte dafür, wo die Nachfrage am wahrscheinlichsten ist. Wir könnten das nutzen, um herauszufinden, wie Geräte oder drahtlose Hotspots an Schüler weitergegeben werden können.

Wie schnell kann man das E-Rate-Programm erweitern?

Wir hätten damit zu Beginn der Pandemie anfangen sollen. Aber heute ist besser als morgen, wir sollten es sofort tun. Vor Jahren hat die FCC nach dem Hurrikan Katrina schon mal ein anderes Programm angepasst, das einkommensschwachen Haushalten zu Internet verhilft.

(vsz)