Überholspur für Apps

Der US-Mobilfunkanbieter Verizon erwägt, Videoanrufen oder Film-Anwendungen auf Smartphones zusätzliche Bandbreite zu erteilen – gegen Bezahlung.

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  • Tom Simonite

Der US-Mobilfunkanbieter Verizon erwägt, Videoanrufen oder Film-Anwendungen auf Smartphones zusätzliche Bandbreite zu erteilen – gegen Bezahlung.

Verizon, der größte Mobilfunkanbieter in den USA, hat eine Schnittstelle entwickelt, mit der mobile Anwendungen kurzzeitig mehr Bandbreite anfordern können – um beispielsweise die Übertragungsqualität von Videoanrufen zu erhöhen oder einen Film in höherer Auflösung ablaufen zu lassen.

Die Funktion soll datenhungrigen Apps auch in Zeiten des stark zunehmenden drahtlosen Internet-Verkehrs genügend Durchsatz bescheren. Umsonst gibt es das natürlich nicht: Für diesen "Turboboost" will Verizon ein Extrageld verlangen. Und genau das verärgert schon jetzt Befürworter der Netzneutralität, die wollen, dass sich einzelne Dienste nicht auf Kosten anderer vordrängeln.

Verizon zeigte die neue Technik, die sich derzeit noch in Entwicklung befindet, vor wenigen Tagen erstmals in seinem Application Innovation Center in San Francisco. Dabei wurde ein qualitativ hochwertiger Videostream über eine LTE-Verbindung plötzlich pixelig, weil die Netzleistung künstlich zurückgeschraubt wurde – als Beispiel, was passiert, wenn zahlreiche Nutzer in der gleichen Gegend von der gleichen Basisstation Daten abfordern. Die Ausbremsung wurde aufgehoben, sobald die App mittels Befehl über die Verizon-Programmierschnittstelle mehr Bandbreite forderte.

"Das ist vielleicht das erste Mal weltweit, dass einzelne Anwendungen ein großes Netzwerk auf Linie bringen können, um geschäftliche oder technische Aufgaben zu erledigen", umschreibt Hugh Fletcher das Vorhaben blumig. Der Verizon-Mann leitet das Projekt, bei dem externe Software erstmals auf Daten und Funktionen der Netzwerkverwaltung des Mobilfunkriesen zugreifen kann, die bislang nur intern nutzbar waren.

"Ein Vorteil, den man erreichen könnte, wäre eine garantierte Dienstegüte. Software könnte vorhersehen, dass ein Skype-Anruf abbricht und dann den Turboschalter einsetzen, um die Bandbreite zu erhöhen und das Problem zu lösen." Skype sei dabei allerdings nur ein Beispiel, sagt Fletcher, eingebaut habe die Technik bislang noch kein Anwendungsentwickler.

Umsonst soll es das Feature nicht geben. Kunden könnten beispielsweise einen Extrabeitrag für einen kurzen Bandbreitenschub bezahlen, um zu garantieren, dass ein Film in hoher Qualität gestreamt wird. Alternativ könnten die Bandbreitenkosten vom Anbieter auch in ein Abo eingepreist sein oder einen Videoanruf entsprechend verteuern.

Fletcher betont, dass es derzeit weder ein klares Geschäftsmodell noch einen bevorzugten Anwendungsfall seitens Verizon für den neuen "Turboboost"-Modus gibt. Er vergleicht die Technik mit der Ankunft mobiler Softwareläden wie Apples App Store. "Keiner wusste, was die Entwickler damit anstellen." Verizon sieht sein Netzwerk dabei als eine "Plattform wie Facebook oder Twitter, deren Möglichkeiten Programmierer nutzen können".

Eric Setton, Chef des Videoanrufdienstes Tango, meint, dass Netzbetreiber mittlerweile offener für die Idee seien, Zugriff auf das Innenleben ihrer Angebote zu erteilen. "Wir mögen das, weil wir dann Dinge tun können wie die Abfrage der verfügbaren Bandbreite. Wir müssen nicht mehr raten." Das würde im Fall von Tango weniger abgebrochene Anrufe bedeuten, weil die App den Nutzer dann vorwarnen könnte.

Satton hat die "Turboboost"-Funktion bislang allerdings noch nicht ausprobiert und meint, dass es noch eine Weile dauern könnte, bis sich Entwickler und Nutzer an eine solche Idee gewöhnen. "Bis auf Filmangebote, wo HD-Bilder teurer sind, ist es noch niemandem gelungen, für ein Quäntchen mehr Qualität wirklich Geld zu verlangen."

Und Verizon dürfte Ärger aus der Internet-Szene drohen. Aktivisten, Techniker und immer mehr Politiker glauben, dass die Netzneutralität ein hohes Gut ist. Dabei soll das vorhandene Netz weiterhin gerecht aufgeteilt werden. Schließlich würden unter dem "Turboboost"-Modus auch diejenigen leiden, denen dann Bandbreite genommen wird.

Jean Walrand, Professor an der University of California in Berkeley, der die wirtschaftlichen Aspekte der Netzwerktechnik untersucht, meint, dass Extrabandbreite für Kunden durchaus noch akzeptabel sei. "Ich glaube nicht, dass Netzneutralität bedeutet, dass man keinen besseren Service zu einem höheren Preis verkaufen kann." Schließlich zahle man ja auch zu Hause für eine schnellere Leitung. "Was verboten sein sollte, ist eine Diskriminierung von Nutzern, die allesamt das Gleiche zahlen."

Zumindest potenziell hat die Technik auch das Zeug, Datenstaus besser aufzulösen. Das sei dann so wie ein Brückenzoll, der dafür sorge, dass zur Rushhour nur diejenigen losfahren, die wirklich auf die andere Seite müssen. "Wer flexibler ist, könnte dann später ran."

Bis sich eine solche Technik durchsetzt, müssen aber zunächst Mobilplattformen her, die sie überhaupt nutzen können. Verizon betreibt zwar einen eigenen App Store, liegt aber hinter Apple und Google zurück. Apps für das iPhone sind für alle Plattformen gleich und können nicht nur für Verizon optimiert sein. Auch die Frage nach dem Geschäftsmodell bleibt knifflig. Ökonom Walrand empfiehlt, mit "Token" oder auch "Credits" zu arbeiten, die man jeden Monat erhält. Das sei einfacher, als jede einzelne Nutzung abzurechnen. Und auch das Thema Netzneutralität bleibe problematisch, meint Walrand. "Sobald die drahtlose Überholspur Teil des Verizon-Dienstes ist, könnte der Anbieter beginnen, eigene Apps zu bevorzugen." (bsc)