Ukraine-Krieg: Videos aus der Game-Engine zeigen gefälschte Kriegsszenen

Einige Videos, die Geschehnisse aus dem Krieg in der Ukraine zeigen sollen, stammen aus Videospielen. Besonders überzeugend wirken sie allerdings nicht.

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Krieg, Kanone, Gewalt Zerstörung
Von
  • Enno Park

Die Konturen des Flugzeuges, das von einem Flugabwehrgeschütz beschossen wird, heben sich klar vom dunkelblauen Nachthimmel ab. Die Leuchtstreifen des Artilleriebeschusses verlieren sich im Dunkel, während das Flugzeug am Firmament geradezu Haken schlägt. Vorgeblich soll diese Szene ein Gefecht an der ukrainischen Grenze zeigen, aber in Wahrheit stammt sie aus dem Game "Arma 3".

Laut Bloomberg tauchten mehr also 90 solcher Fälschungen auf Facebook Games auf, Metas Antwort auf die Streamingplattform Twitch. Die Fälschungen hatten dort mindestens 110.000 Views und sind mehr als 25.000 mal geteilt worden. Nachdem die Bloomberg-Redaktion Facebook kontaktiert hatte, wurden die Videos schnell gelöscht. Mittlerweile hat Facebook ein "Special Operations Center" eingerichtet, das Kriegspropaganda und Fälschungen auf der Plattform unterbinden soll. Auf anderen Social-Media- Plattformen haben diese Videos kaum größere Verbreitung gefunden und wurden ebenfalls schnell wieder entfernt. Mittlerweile stößt man eigentlich nur noch darauf, wenn man gezielt nach ihnen sucht.

Dass Szenen aus Games für echt gehalten werden oder für Fälschungen genutzt werden, ist alles andere als neu. So tauchte die eingangs beschriebene Szene bereits 2021 in einem indischen TV-Sender auf, wo sie angeblich einen Einsatz der Taliban in Pakistan zeigen sollte. 2018 benutzte ein russischer TV-Sender einen Schnipsel aus "Arma 3" in einem Beitrag über den Krieg in Syrien. Bereits 2011 schaffte es "Arma 2" in eine Doku des britischen Senders ITV. Aber nicht nur die "Arma"-Reihe ist betroffen. So benutzte der dänische Sender TV2 Bilder aus "Assassins Creed", die Syrien darstellen sollten. Zumindest in diesem Fall handelte es sich aber wohl eher um die unglückliche Wahl eines Symbolbildes.

Die "Arma 3"-Videos, die jetzt im Zusammenhang mit dem russischen Angriff auf die Ukraine verbreitet wurden, sind aber ganz sicher kein Versehen, sondern eindeutige Fälschungen. Sie wurden verfremdet, unschärfer gemacht, mit Kompressionsartefakten versehen, ins hochformatige Handyformat überführt und teilweise sogar mit Schriftzügen wie "Breaking News" oder "live" versehen, wie sie sonst von TV-Sendern verwendet werden.

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Das ist auch nötig, weil ohne solche Maßnahmen Spiele-Footage eigentlich sehr leicht zu erkennen ist. Es wirkt zwar auf den ersten Blick oft fotorealistisch, jedenfalls solange keine Menschen in Nahaufnahme gezeigt werden, sind aber beim näheren Hinsehen oft zu detailreich und zu scharf. Außerdem sind sie ähnlich wie Filme inszeniert: Sie haben eine handwerklich gut gemachte Kameraführung und sind auf dramatische Weise inszeniert. Oft ist beispielsweise die Kameraposition eine unter normalen Umständen kaum mögliche. Und viel zu häufig zeigen sie pseudorealistische Stilmittel wie mehrfache Linsenreflektionen, wie sie bei analogen Filmkameras mit großen Objektiven vorkommen mögen, die zahlreiche Linsen enthalten, aber mit Smartphone-Kameras und ihren Minilinsen ohne digitale Hilfe nur schwer zu reproduzieren sind.

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Echte Bilder, die von Menschen gefilmt werden, die womöglich in Panik ihr Smartphone hochhalten, sehen jedenfalls anders aus. Sie folgen keiner Dramaturgie, werden gerne zwischendurch unscharf oder zeigen den Fußboden oder verwackelte Bewegungen. Dass sich die schwarze Silhouette gegen einen dunkelblauen Nachthimmel abzeichnet, ist in solchen Settings ausgesprochen unrealistisch.

Menschen, die kaum je mit Computerspielen in Berührung kommen, lassen sich davon vielleicht täuschen und dazu bringen, solche Video zu teilen. Dass jedoch Gamer, die ein Gespür für Computergrafik und ihre Ästhetik haben und die betreffenden Spiele und Szenen womöglich aus eigener Anschauung kennen, mit solchen Videos hinters Licht geführt werden können, ist recht unwahrscheinlich. Deshalb spricht einiges dafür, dass viele Nutzer auf Facebook Games, die diese Videos teilten, das nicht taten, weil sie auf sie herein gefallen sind, sondern weil sie sofort sahen, dass es sich um Fälschungen handelt und sie dieses Phänomen interessant fanden.

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Beim Fälschen mit Game-Footage wurde bisher anscheinend vor allem Material aus Let's-Play-Videos verfremdet. Denkbar ist, dass solche Fakes in Zukunft gezielt unter Zuhilfenahme von Game-Engines produziert werden. Dann könnte direkt bei der Produktion solcher Videos darauf geachtet werden, keine Game-Ästhetitik zu reproduzieren. Bisher sind solche Fälle aber nicht bekannt geworden. Doch bis auf weiteres bleibt es schwierig, mit Hilfe von Computerspielen überzeugende Fakes herzustellen. Die bisher bekannt gewordenen Fälle eignen sich eher nicht dazu, ernsthaft Verwirrung zu stiften.

Unklar bleibt, ob diese Videos zu Propagandazwecken erstellt wurden oder einfach nur dazu dienen, Aufmerksamkeit zu erregen. Deshalb ist Wachsamkeit angesagt. Bildmaterial kann auf vielfältige Art und Weise gefälscht oder manipulativ veröffentlicht werden. So lässt sich zu nichtssagenden, verwackelten Balkonvideos der Klang entfernten Artilleriefeuers montieren und fertig ist der betrügerische Spendenaufruf auf Tiktok. Grundsätzlich ist also Wachsamkeit angesagt. Nicht alles für bare Münze nehmen, checken, ob eine News aus einer seriösen Quelle stammt und vor allem: Nicht alles weiter verbreiten, weil man selber gerade aufgeregt ist.

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(jle)