Ukrainische IT-Szene im Krieg: Luftalarm, Ehrenamt und Arbeit

Arbeiten und Studieren in Zeiten des Krieges

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Wie hat sich euer Arbeitsalltag während des großflächigen Krieges in der Ukraine verändert? Du hast mir beispielsweise vorab geschrieben, dass ihr aktuell euren Kurs zu UBOS nicht weiter anbieten könnt.

Kostiuchenko: Wir haben den ersten Kurs im Dezember abgeschlossen und haben dann beschlossen, dass es eine Kurspause bis September geben wird, weil wir bei der Arbeit mit den Studierenden gemerkt haben, dass wir unser Kursmaterial verbessern müssen. Wir hatten bisher keine Lehrerfahrung. Wir haben das System so gebaut, dass die Studierenden nur alles reproduzieren müssen. Das ist an sich schon ganz cool, aber wir können das noch besser.

Und die zweite Sache ist, dass ich nicht weiß, wie die Studierenden während des Krieges studieren – vielleicht in ihrer Freizeit? Was ich definitiv sagen kann: COVID-19 hat uns gezeigt, dass wir auch von zu Hause arbeiten, lehren und lernen können und, dass es ok ist. Und die Situation, dass es akzeptiert ist, zu Hause zu bleiben, haben wir jetzt durch den Krieg wieder.

Du könntest den Kurs von technischer Seite aus anbieten, du weißt aber nicht, ob die Studierenden momentan die Zeit oder Möglichkeit haben, zu studieren?

Kostiuchenko: Ja, richtig. Ich gehe davon aus, dass wir den Kurs, wie von vornherein geplant, im September wieder anbieten können. Der erste Kurs war bereits remote, lediglich für eine Unterrichtseinheit waren wir in Präsenz an der Universität, um die Studierenden vor Ort zu unterstützen. Wenn wir an der Universität als Softwareentwickelnde einen Kurs in Präsenz geben, der zwei Stunden dauert, brauchen wir mit Fahrtzeit hin und zurück vier Stunden. Die zwei zusätzlichen Stunden fehlen uns dann bei unseren Projekten. Bei Remote-Lehre fällt die Fahrtzeit weg, was für uns ebenso ein praktischer Aspekt der Fernlehre ist.

Was mir nicht ganz klar ist: Die Studierenden, die ihr in UBOS schult, sind das Studierende der Informatik oder auch aus anderen Bereichen?

Kostiuchenko: Ja, es sind alle Studierende aus dem IT-Bereich. Wir würden den Low-Code-Ansatz auch gerne den Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen beibringen oder anderen Menschen aus nicht-technischen Bereichen. Eine Programmiersprache zu lernen und damit tatsächlich ein Softwareprodukt zu entwickeln, kann sehr schwer werden. Mit Low Code ist das durch Drag und Drop von Widgets wesentlich einfacher. Wir glauben daran, dass Low-Code-Plattformen wie UBOS den Menschen und Unternehmen im und nach dem Krieg helfen, selbst Softwareprodukte für ihre Firma zu entwickeln, wenn sie sich zunächst keine Softwareentwicklung durch ein spezialisiertes IT-Unternehmen leisten können.

Was können speziell IT-Firmen aus dem Ausland tun, um die Ukraine zu unterstützen?

Kostiuchenko: Sie können uns unterstützen, indem sie mit Firmen in der Ukraine zusammenarbeiten. Etwa, indem sie Produkte wie UBOS nutzen und dafür Lizenzen kaufen. So können wir weiterhin die Löhne an unsere Mitarbeitenden und Steuern bezahlen. Allerdings ist unsere Situation als IT-Unternehmen momentan stabil, da wir auch viele Kunden außerhalb der Ukraine haben, die weiterhin für unseren Service bezahlen. Aber es gibt viele ukrainische Firmen, die überwiegend ukrainische Kunden haben, die momentan nicht in der Lage sind, zu konsumieren. Diese Unternehmen können aktuell weder Löhne noch Steuern bezahlen. Zusammengefasst gilt also, wenn ihr die Ukraine unterstützen wollt, gebt uns Ukrainerinnen und Ukrainern Arbeit.

Wie ist aktuell die Versorgungslage in Lwiw?

Kostiuchenko: Ich bin sehr dankbar für den Einsatz unserer Armee, sodass wir in Lwiw glücklicherweise nur wenige verheerende Angriffe durch Raketen oder Lenkflugkörper hatten. Sie [die Russen, Anm. der Redaktion] haben versucht, das Schienennetz um Lwiw zu zerstören, um den Nachschub an Gütern zu unterbinden. Aber wir sind nur 60 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Daher ist unsere Versorgung mit Medikamenten, Wasser, Lebensmitteln, Elektrizität und Internet gut. Wir können hier rund um Lwiw auch Lebensmittel produzieren.

Im Süden der Ukraine gibt es umfangreiche Möglichkeiten, Lebensmittel zu produzieren, aber durch den Krieg ist das dort momentan kaum möglich, was sehr traurig ist. Unsere Landwirte und Landwirtinnen um Lwiw tun daher aktuell ihr Bestes, Essen für die Ukraine zu produzieren und auch einen Teil davon zu exportieren, sodass Einnahmen reinkommen. Wir tun alle unser Bestes, um unser Land und unsere Menschen zu unterstützen. Den höchsten Respekt habe ich insbesondere vor all denjenigen, die bei ihrer täglichen Arbeit für die Ukraine und ihre Menschen ihr Leben riskieren.