Ukrainische IT-Szene im Krieg: Luftalarm, Ehrenamt und Arbeit

Persönliche Gefühle: Sorgen und Wünsche

Inhaltsverzeichnis

Zum Abschluss habe ich noch ein paar Fragen an dich persönlich rund um den Krieg. Was waren deine Gedanken und Gefühle, als der großflächige Krieg gegen die Ukraine begonnen hat?

Kostiuchenko: Für mich ist das gerade ziemlich schwer, da ich eine innere Zerrissenheit spüre – ich bin 29 Jahre alt und denke mir, ich sollte als junger Mann an der Waffe irgendwo im Süden sein und meine Leute und mein Land verteidigen. Auf der anderen Seite war ich nie in der Armee und wäre dort erst mal keine Hilfe, da sie mich erst umfangreich ausbilden müssten. Ich kann momentan auf andere Weise unterstützen, indem ich arbeite und Steuern und Löhne bezahle, spende und ehrenamtliche Arbeit leiste. Aber ich fühle schon jeden Tag die Zerrissenheit, nach der ich einerseits bei der Armee sein, gleichzeitig aber auch hier in Lwiw meinen Job machen sollte. Dieser Zwiespalt hat mich zunächst so bedrückt, sodass ich einige Wochen nicht gut geschlafen habe.

Wie fühlst du dich aktuell? Möchtest du deiner vorherigen Antwort noch etwas hinzufügen?

Kostiuchenko: Was mich in den letzten Wochen am meisten belastet hat, war die Situation in Mariupol. Aber auch jetzt mache ich mir weiterhin Sorgen um das Schicksal der bis vor Kurzem in Mariupol stationierten ukrainischen Soldaten, die sich nun in russischer Kriegsgefangenschaft befinden. Außerdem: wie wird es den verbliebenen ukrainischen Zivilisten in Mariupol ergehen? Was die russischen Besatzer in Bucha, Irpin und anderen Orten der Ukraine den Menschen angetan haben, beispielsweise auch durch die gnadenlosen Bombenangriffe, macht mich sprachlos und wütend. Warum haben sie das getan? Wir schreiben das Jahr 2022. Die Welt denkt, Putin ist der Böse, aber nicht er allein ist der Schuldige. Auch die russische Regierung und alle Menschen, die die russische Propaganda, die Lügen in den Medien verbreiten, sind mit schuld. Und insbesondere die russische Armee, die den Krieg praktisch durchführt und Kriegsverbrechen begeht.

Es ist traurig, denn meine Familie und auch viele andere ukrainische Familien haben russische Verwandte. Aber es ist nicht so, wie die russische Propaganda verbreitet, dass Russland und die Ukraine deshalb vereint sind. Genauso wie auch Belarus nicht eins mit Russland ist. Es sind drei eigenständige Länder. Auch, wenn sich Individuen aus den drei Ländern persönlich nahestehen können. Wir machen der Bevölkerung in Belarus keinen Vorwurf, dass von ihrer Grenze aus Lenkflugkörper auf die Ukraine abgefeuert werden. Für sie ist das ebenfalls eine schlimme Situation. Wir wissen: das ist Herrn Lukaschenkos Werk, nicht das der Bevölkerung in Belarus.

Was bereitet dir am meisten Sorgen derzeit?

Kostiuchenko: Das Leben der Menschen. Sie haben jede Menge unschuldige Menschen getötet, jede Menge Kinder. Sie haben Bunker und das Theater in Mariupol bombardiert, obwohl draußen auf dem Vorplatz des Theaters groß "Kinder" geschrieben war – etwa 600 Menschen sind für nichts gestorben. Möglicherweise mehr, wir kennen die genaue Opferzahl noch nicht. Wenn ich ehrlich bin, sorge ich mich nicht um die Zerstörung von Fabriken, Gebäuden, Straßen. Mich interessiert nur das Leben der Menschen. Wenn wir alle unsere Leute aus den besetzten Gebieten rausholen könnten, wäre es mir egal, ob sie die Städte zerstören, niederbrennen. Ist mir egal, rettet einfach nur die Menschen. Wir werden die Städte und Gebäude wieder aufbauen, unser Land wird schöner sein als zuvor. Aber Menschenleben sind einmalig, wir können sie nicht wiederherstellen.

Was wünschst du dir?

Kostiuchenko: Wenn du mich das vor ein paar Wochen gefragt hättest, hätte ich auf jeden Fall gesagt, dass ich Frieden will. Ich wollte das alles ok wird, es hätte auch über den Donbass verhandelt werden können. Aber momentan will ich einfach, dass die Ukraine gewinnt und wir unser ganzes Land zurückerhalten und Russland Reparationszahlungen leistet. Sie sollen für ihre Verbrechen bezahlen.

Das ist auch das, was ich mir persönlich wünsche, dass ihr endlich unabhängig in Frieden leben könnt.

Das werden wir. Ich will jetzt keinen mit einer Geschichtsstunde belästigen, aber was wichtig zu wissen ist: Russland wird immer versuchen, die Ukraine als eigenständiges Land zu vernichten. Vor etwa 1.140 Jahren wurde das Großreich Kyivska Rus mit Kyiv als Hauptstadt gegründet. Vor rund 740 Jahren wurde dann die Moscovia ausgerufen mit der Hauptstadt in Moskau. Später hat Moskau beschlossen, das Russische Reich zu gründen. Sie haben die ersten Buchstaben von Kyivska Rus weggenommen und sich selbst Russland genannt. Jetzt erzählen sie uns, dass sie einen Herrschaftsanspruch über uns hätten.

Das Gleiche gilt für die orthodoxe Kirche. Sie hat ihren Ursprung ebenfalls im Kyivska Rus. Russland verbreitet jedoch, dass sie ihren Ursprung in Russland hat. Dass die Ukraine nie existiert hat. Vor 300 Jahren wurde die Ukraine eingenommen, die Sprache wurde verboten, die ukrainische Geschichte durch die russische ersetzt und solche Dinge. In den 30er-Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gab es dann den Holodomor, was übersetzt Tötung durch Verhungern bedeutet. Dadurch hat die Sowjetunion rund zwei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer getötet, indem sie ihnen ihre Nahrungsmittel gestohlen hat. Dann wurden Menschen aus der Sowjetunion in die Ukraine umgesiedelt, insbesondere in den Süden der Ukraine, in den Donbass und um Luhansk. In diesem Gebieten leben demnach viele Menschen, die Nachkommen dieser umgesiedelten Menschen sind. Ein Teil dieser Menschen sieht sich als Russen und Russinnen und sagt jetzt, der Süden, der Donbass und das Gebiet um Luhansk gehöre zu Russland.

Gibt es sonst noch etwas, das du loswerden willst?

Kostiuchenko: Ja, auf jeden Fall: Wir sind euch sehr dankbar für eure Unterstützung, aber wenn ihr direkt etwas tun wollt: gebt den Ukrainerinnen und Ukrainern Arbeit – das kann ein Job in eurer Bar, in einem Laden und so weiter in Europa sein oder auch ein Remote-Arbeitsplatz für Menschen, die in der Ukraine geblieben sind. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die ihr beschäftigt, unterstützen dann wiederum die ukrainische Armee finanziell.

Einen herzlichen Dank an Yurii Kostiuchenko von UBOS für das Interview. Gerade in der schwierigen Situation in der Ukraine durch den Krieg ist das keinesfalls selbstverständlich.

Das Interview führte Andrea Maurer. Das Artikel-Honorar kommt dem 24.02 Fund zugute, der ukrainische Journalistinnen und Journalisten unterstützt.

Andrea Maurer
hat rund drei Jahre fehlerbehaftete Texte über IT-Hardware und Unterhaltungselektronik für Online- und Printmedien geschrieben, ehe sie auf die dunkle Seite der Macht wechselte und IT-Administratorin wurde. Sie hat seit Kurzem einen Bachelorabschluss in Sozialinformatik, auf den sie sich mächtig was einbildet.

(fms)