Ukrainische IT-Szene im Krieg: Luftalarm, Ehrenamt und Arbeit

Softwareentwicklung im Krieg: Yurii Kostiuchenko, CBDO von UBOS in Lwiw, erzählt von den Zuständen in der Ukraine und den Auswirkungen auf die IT-Branche.

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(Bild: TexBr / Shutterstock.com)

Von
  • Andrea Maurer
Inhaltsverzeichnis

Während der Verteidigung gegen die russische Invasion in der Ukraine ist die dortige IT-Industrie eine der wichtigsten wirtschaftlichen Stützen des Landes. Viele industrielle Produktionsstätten sind zerstört, landwirtschaftliche Flächen durch russische Besatzung oder Verminung unbestellbar, aber das Entwickeln und Coden in den IT-Firmen der Ukraine geht weiter. heise Developer wollte unter anderem wissen, wie es den Unternehmen und Angestellten aktuell geht, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben und wie sie ihr Land unterstützen. Außerdem stellt sich die Frage, was IT-Spezialisten und Spezialistinnen aus dem Ausland zur Unterstützung der Ukraine tun können.

Yurii Kostiuchenko

Yurii Kostiuchenko tat seine ersten unternehmerischen Schritte im Alter von sechs Jahren mit dem Verkauf von Blumen aus dem Garten seiner Mutter. Als Erwachsener war er Mitbesitzer eines Pubs und einer kleinen Käserei, bevor er fünf Jahre im IT-Service- und Produktbereich gearbeitet hat. Dreieinhalb Jahre hat er Erfahrung in C-Level-Positionen als Head of Sales, CFO und CBDO. Er ist zudem Education Mentor an der IT STEP University in Lwiw.

Im zweiten Teil der im Mai gestarteten Interviewreihe zur ukrainischen IT-Szene im Krieg spricht heise Developer mit Yurii Kostiuchenko, der CBDO (Chief Business Development Officer) der Low-Code-Plattform UBOS mit Sitz in Lwiw (Lemberg) ist.

Ukrainische IT-Szene im Krieg

heise Developer: Wie ist derzeit die Situation in Lwiw?

Yurii Kostiuchenko: Lwiw befindet sich ja sehr westlich in der Ukraine, ganz in der Nähe der polnischen Grenze. Bei uns ist es also recht ruhig, es gab aber schon einige Bombenangriffe hier. Aber grundsätzlich ist es hier ganz ok im Moment.

In den ersten zehn Kriegstagen gab es in Lwiw etliche Bombenalarme. Wir haben in unserer Kleidung geschlafen, weil wir jede Minute damit rechnen mussten, uns im Keller in Sicherheit zu bringen. Die ersten zwei Kriegswochen waren die schwierigsten für uns. Aber wenn das der Preis ist, für unsere Unabhängigkeit und die Möglichkeit in einem modernen Land zu leben, dann ist das unser Schicksal.

Wir haben hier viele Ehrenamtliche, die sich für Flüchtlinge, die territorialen Verteidigungseinheiten und das ukrainische Militär engagieren. Sie organisieren beispielsweise Schutzhelme und Schutzwesten, Lebensmittel, Medikamente und andere überlebenswichtige Güter. Die Ehrenamtlichen machen ihre Sache sehr gut. Dabei dürfte die Koordination der ehrenamtlichen Arbeit für sie eine große Herausforderung darstellen. Auf Basis unseres Produkts – der Low-Code-Plattform UBOS – planen wir die Erstellung einer Art CRM-Panel. Das möchten wir interessierten Ehrenamtlichen zur Verfügung stellen. Wir hoffen, dass es ihnen die Koordination ihrer Arbeit erleichtert. So könnten die Ehrenamtlichen zum Beispiel sehen "Ok, da bringt jetzt jemand mit dem Auto Lebensmittel und andere Vorräte von Lwiw nach Kharkiv. Gleichzeitig gibt es in Kharkiv Menschen, die zur ukrainisch-polnischen Grenze fliehen wollen, dann kann der Fahrer sie auf dem Rückweg mitnehmen."

Wie war deine Woche bisher – jetzt Anfang Mai?

Kostiuchenko: Sie war so wie die letzten Wochen: Luftalarm, ehrenamtliche Arbeit, Arbeit an verschiedenen sozialen Hilfsprojekten und kommerziellen Projekten.

Haben Angestellte die Firma vorübergehend verlassen, weil sie zum Beispiel zur ukrainischen Armee gegangen sind?

Kostiuchenko: Wir leisten alle ehrenamtliche Arbeit in unserer Freizeit und wir spenden. Einer unserer Angestellten hat sich zunächst der Territorialverteidigung angeschlossen und dient nun in der Armee. Wir halten ihm seinen Arbeitsplatz frei und zahlen ihm sein Gehalt weiter und unterstützen ihn dadurch. Was die Gehälter betrifft, haben wir unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen das Gehalt die ersten zwei Monate seit Ausbruch des Krieges immer einen Monat im Voraus gezahlt, sodass sie die Möglichkeit hatten, mehr zu spenden. Wir haben das auch deshalb gemacht, weil gerade am Anfang nicht sicher war, ob wir hierbleiben können oder fliehen müssen.

Bezahlt ihr die Gehälter weiterhin in der ukrainischen Landeswährung? Der Wertverlust ist ja momentan enorm.

Kostiuchenko: Selbstverständlich wird unsere Wirtschaft gerade zerstört, Produktionsstätten werden zerstört. Uns ist klar, dass unser Land aktuell überlebt, weil wir Spenden aus den USA, aus Europa und natürlich auch aus Deutschland bekommen. An dieser Stelle bedanke ich mich sehr für diese Unterstützung. Aber unsere IT-Firma ist davon weniger betroffen: Wir haben für unsere Low-Code-Plattform UBOS nicht nur Kunden in der Ukraine, sondern auch in anderen Ländern, beispielsweise in den USA und Israel. Diese Kunden bezahlen auch weiterhin für unseren Service. Wir verdienen weiterhin unser Geld.

Ukrainischen Unternehmen mit vorwiegend Kunden und Kundinnen in der Ukraine oder Unternehmen, deren Geschäfts- und Produktionsstätten von den Russen zerstört wurden, geht es weitaus weniger gut. Es mussten bereits Unternehmen schließen und die Beschäftigten dort haben ihre Arbeit verloren. Um deine eigentliche Frage zu beantworten: Wir bezahlen alle Löhne und Steuern weiterhin vollständig in unserer Landeswährung. Sie ist momentan fast wieder auf demselben Niveau wie vor dem Kriegsausbruch, aber selbstverständlich sehen wir auch die steigenden Preise für Lebensmittel und Energie.

Das Problem mit den steigenden Preisen haben wir auch in Deutschland, aber selbstverständlich kann man die Situation nicht mit der in der Ukraine vergleichen, wir haben hier glücklicherweise keinen Krieg.

Kostiuchenko: Der Krieg macht uns selbstverständlich sehr traurig, aber es gibt auch noch eine weitere Sache: Die Ukraine kann normalerweise Lebensmittel für über 600 Millionen Menschen weltweit produzieren und hat das vor dem Krieg auch getan. Aber aktuell ist das schwierig, weil unsere Häfen eingenommen sind und die russischen Besatzer unser Getreide stehlen. Wir in der Ukraine können mit Hirn, Händen und Getreide unser Geld verdienen. Mit Hirn meint die Menschen, die qualifizierte Arbeit mit dem Kopf machen. Mit Händen, die die in der Produktion arbeiten. Getreide meint unseren weltweiten Export von Getreide sowie anderen qualitativ hochwertigen Lebensmitteln. Aktuell können wir überwiegend "Hirnarbeit" leisten, weil etliche unserer Produktionsstätten von den russischen Besatzern zerstört wurden. Ich weiß nicht, ob das ihr Plan ist oder, ob sie einfach die zivile Infrastruktur zerstören wollen. Immerhin kann in den unbesetzten Gebieten die Produktion von Lebensmitteln und anderen Waren teilweise weitergehen.

Um noch mal auf die Gehälter zu sprechen zu kommen: Gibt es einen Pay-Gap zwischen ukrainischen Softwareentwicklern und -entwicklerinnen und denen aus westlichen Ländern?

Kostiuchenko: Das ist eine gute Frage, denn vor circa zehn bis zwölf Jahren waren die Preise für an uns outgesourcte Entwicklungsarbeiten ziemlich niedrig und damit auch die Löhne. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, in dieser Nische zu wachsen. Aber über die Jahre sind die Preise für unsere Arbeit gestiegen und so auch unsere Löhne. Hier gibt es Softwareentwickler und -entwicklerinnen, die das Gleiche kosten wie jemand im übrigen Europa. Im Schnitt kostet ein mittelqualifizierter Entwickler in der Ukraine vielleicht so 20 bis 25 US-Dollar pro Stunde, in den USA so um die 40, 45, 60, 65 und in Europa 35 bis 45 US-Dollar. Und unterschiedliche Entwickler machen auch unterschiedliche Arbeiten. Davon hängt auch noch mal die Lohnhöhe ab.

Wir haben hier viele Universitäten, die in die IT-Ausbildung der Studierenden investieren, insbesondere was neuartige IT-Technologien anbelangt. Das ist der Weg unserer Regierung, gute Zukunftschancen für die Studierenden zu schaffen. Der Low-Code-Ansatz ist etwas Neuartiges und es steigert den Wert der Absolventinnen und Absolventen auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie sich in der Bedienung einer Low-Code-Plattform auskennen. Wir hatten die Chance, einen Kurs zu UBOS an der IT STEP University in Lwiw zu geben: Die Studierenden haben gelernt, was der Low-Code-Ansatz ist, wie sie ein Softwareprojekt mit UBOS realisieren und am Ende auch Noten für den Kurs bekommen. Im September werden wir den Kurs an zwei weiteren Universitäten anbieten.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat UBOS?

Kostiuchenko: Momentan haben wir 12 Leute. Wir suchen aktuell noch zwei weitere Entwickler und Entwicklerinnen. Das ist gut, weil wir so zwei weiteren wundervollen Menschen in dieser schwierigen Zeit eine Arbeit geben.

Wie hat sich euer Arbeitsalltag während des großflächigen Krieges in der Ukraine verändert? Du hast mir beispielsweise vorab geschrieben, dass ihr aktuell euren Kurs zu UBOS nicht weiter anbieten könnt.

Kostiuchenko: Wir haben den ersten Kurs im Dezember abgeschlossen und haben dann beschlossen, dass es eine Kurspause bis September geben wird, weil wir bei der Arbeit mit den Studierenden gemerkt haben, dass wir unser Kursmaterial verbessern müssen. Wir hatten bisher keine Lehrerfahrung. Wir haben das System so gebaut, dass die Studierenden nur alles reproduzieren müssen. Das ist an sich schon ganz cool, aber wir können das noch besser.

Und die zweite Sache ist, dass ich nicht weiß, wie die Studierenden während des Krieges studieren – vielleicht in ihrer Freizeit? Was ich definitiv sagen kann: COVID-19 hat uns gezeigt, dass wir auch von zu Hause arbeiten, lehren und lernen können und, dass es ok ist. Und die Situation, dass es akzeptiert ist, zu Hause zu bleiben, haben wir jetzt durch den Krieg wieder.

Du könntest den Kurs von technischer Seite aus anbieten, du weißt aber nicht, ob die Studierenden momentan die Zeit oder Möglichkeit haben, zu studieren?

Kostiuchenko: Ja, richtig. Ich gehe davon aus, dass wir den Kurs, wie von vornherein geplant, im September wieder anbieten können. Der erste Kurs war bereits remote, lediglich für eine Unterrichtseinheit waren wir in Präsenz an der Universität, um die Studierenden vor Ort zu unterstützen. Wenn wir an der Universität als Softwareentwickelnde einen Kurs in Präsenz geben, der zwei Stunden dauert, brauchen wir mit Fahrtzeit hin und zurück vier Stunden. Die zwei zusätzlichen Stunden fehlen uns dann bei unseren Projekten. Bei Remote-Lehre fällt die Fahrtzeit weg, was für uns ebenso ein praktischer Aspekt der Fernlehre ist.

Was mir nicht ganz klar ist: Die Studierenden, die ihr in UBOS schult, sind das Studierende der Informatik oder auch aus anderen Bereichen?

Kostiuchenko: Ja, es sind alle Studierende aus dem IT-Bereich. Wir würden den Low-Code-Ansatz auch gerne den Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen beibringen oder anderen Menschen aus nicht-technischen Bereichen. Eine Programmiersprache zu lernen und damit tatsächlich ein Softwareprodukt zu entwickeln, kann sehr schwer werden. Mit Low Code ist das durch Drag und Drop von Widgets wesentlich einfacher. Wir glauben daran, dass Low-Code-Plattformen wie UBOS den Menschen und Unternehmen im und nach dem Krieg helfen, selbst Softwareprodukte für ihre Firma zu entwickeln, wenn sie sich zunächst keine Softwareentwicklung durch ein spezialisiertes IT-Unternehmen leisten können.

Was können speziell IT-Firmen aus dem Ausland tun, um die Ukraine zu unterstützen?

Kostiuchenko: Sie können uns unterstützen, indem sie mit Firmen in der Ukraine zusammenarbeiten. Etwa, indem sie Produkte wie UBOS nutzen und dafür Lizenzen kaufen. So können wir weiterhin die Löhne an unsere Mitarbeitenden und Steuern bezahlen. Allerdings ist unsere Situation als IT-Unternehmen momentan stabil, da wir auch viele Kunden außerhalb der Ukraine haben, die weiterhin für unseren Service bezahlen. Aber es gibt viele ukrainische Firmen, die überwiegend ukrainische Kunden haben, die momentan nicht in der Lage sind, zu konsumieren. Diese Unternehmen können aktuell weder Löhne noch Steuern bezahlen. Zusammengefasst gilt also, wenn ihr die Ukraine unterstützen wollt, gebt uns Ukrainerinnen und Ukrainern Arbeit.

Wie ist aktuell die Versorgungslage in Lwiw?

Kostiuchenko: Ich bin sehr dankbar für den Einsatz unserer Armee, sodass wir in Lwiw glücklicherweise nur wenige verheerende Angriffe durch Raketen oder Lenkflugkörper hatten. Sie [die Russen, Anm. der Redaktion] haben versucht, das Schienennetz um Lwiw zu zerstören, um den Nachschub an Gütern zu unterbinden. Aber wir sind nur 60 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Daher ist unsere Versorgung mit Medikamenten, Wasser, Lebensmitteln, Elektrizität und Internet gut. Wir können hier rund um Lwiw auch Lebensmittel produzieren.

Im Süden der Ukraine gibt es umfangreiche Möglichkeiten, Lebensmittel zu produzieren, aber durch den Krieg ist das dort momentan kaum möglich, was sehr traurig ist. Unsere Landwirte und Landwirtinnen um Lwiw tun daher aktuell ihr Bestes, Essen für die Ukraine zu produzieren und auch einen Teil davon zu exportieren, sodass Einnahmen reinkommen. Wir tun alle unser Bestes, um unser Land und unsere Menschen zu unterstützen. Den höchsten Respekt habe ich insbesondere vor all denjenigen, die bei ihrer täglichen Arbeit für die Ukraine und ihre Menschen ihr Leben riskieren.

Zum Abschluss habe ich noch ein paar Fragen an dich persönlich rund um den Krieg. Was waren deine Gedanken und Gefühle, als der großflächige Krieg gegen die Ukraine begonnen hat?

Kostiuchenko: Für mich ist das gerade ziemlich schwer, da ich eine innere Zerrissenheit spüre – ich bin 29 Jahre alt und denke mir, ich sollte als junger Mann an der Waffe irgendwo im Süden sein und meine Leute und mein Land verteidigen. Auf der anderen Seite war ich nie in der Armee und wäre dort erst mal keine Hilfe, da sie mich erst umfangreich ausbilden müssten. Ich kann momentan auf andere Weise unterstützen, indem ich arbeite und Steuern und Löhne bezahle, spende und ehrenamtliche Arbeit leiste. Aber ich fühle schon jeden Tag die Zerrissenheit, nach der ich einerseits bei der Armee sein, gleichzeitig aber auch hier in Lwiw meinen Job machen sollte. Dieser Zwiespalt hat mich zunächst so bedrückt, sodass ich einige Wochen nicht gut geschlafen habe.

Wie fühlst du dich aktuell? Möchtest du deiner vorherigen Antwort noch etwas hinzufügen?

Kostiuchenko: Was mich in den letzten Wochen am meisten belastet hat, war die Situation in Mariupol. Aber auch jetzt mache ich mir weiterhin Sorgen um das Schicksal der bis vor Kurzem in Mariupol stationierten ukrainischen Soldaten, die sich nun in russischer Kriegsgefangenschaft befinden. Außerdem: wie wird es den verbliebenen ukrainischen Zivilisten in Mariupol ergehen? Was die russischen Besatzer in Bucha, Irpin und anderen Orten der Ukraine den Menschen angetan haben, beispielsweise auch durch die gnadenlosen Bombenangriffe, macht mich sprachlos und wütend. Warum haben sie das getan? Wir schreiben das Jahr 2022. Die Welt denkt, Putin ist der Böse, aber nicht er allein ist der Schuldige. Auch die russische Regierung und alle Menschen, die die russische Propaganda, die Lügen in den Medien verbreiten, sind mit schuld. Und insbesondere die russische Armee, die den Krieg praktisch durchführt und Kriegsverbrechen begeht.

Es ist traurig, denn meine Familie und auch viele andere ukrainische Familien haben russische Verwandte. Aber es ist nicht so, wie die russische Propaganda verbreitet, dass Russland und die Ukraine deshalb vereint sind. Genauso wie auch Belarus nicht eins mit Russland ist. Es sind drei eigenständige Länder. Auch, wenn sich Individuen aus den drei Ländern persönlich nahestehen können. Wir machen der Bevölkerung in Belarus keinen Vorwurf, dass von ihrer Grenze aus Lenkflugkörper auf die Ukraine abgefeuert werden. Für sie ist das ebenfalls eine schlimme Situation. Wir wissen: das ist Herrn Lukaschenkos Werk, nicht das der Bevölkerung in Belarus.

Was bereitet dir am meisten Sorgen derzeit?

Kostiuchenko: Das Leben der Menschen. Sie haben jede Menge unschuldige Menschen getötet, jede Menge Kinder. Sie haben Bunker und das Theater in Mariupol bombardiert, obwohl draußen auf dem Vorplatz des Theaters groß "Kinder" geschrieben war – etwa 600 Menschen sind für nichts gestorben. Möglicherweise mehr, wir kennen die genaue Opferzahl noch nicht. Wenn ich ehrlich bin, sorge ich mich nicht um die Zerstörung von Fabriken, Gebäuden, Straßen. Mich interessiert nur das Leben der Menschen. Wenn wir alle unsere Leute aus den besetzten Gebieten rausholen könnten, wäre es mir egal, ob sie die Städte zerstören, niederbrennen. Ist mir egal, rettet einfach nur die Menschen. Wir werden die Städte und Gebäude wieder aufbauen, unser Land wird schöner sein als zuvor. Aber Menschenleben sind einmalig, wir können sie nicht wiederherstellen.

Was wünschst du dir?

Kostiuchenko: Wenn du mich das vor ein paar Wochen gefragt hättest, hätte ich auf jeden Fall gesagt, dass ich Frieden will. Ich wollte das alles ok wird, es hätte auch über den Donbass verhandelt werden können. Aber momentan will ich einfach, dass die Ukraine gewinnt und wir unser ganzes Land zurückerhalten und Russland Reparationszahlungen leistet. Sie sollen für ihre Verbrechen bezahlen.

Das ist auch das, was ich mir persönlich wünsche, dass ihr endlich unabhängig in Frieden leben könnt.

Das werden wir. Ich will jetzt keinen mit einer Geschichtsstunde belästigen, aber was wichtig zu wissen ist: Russland wird immer versuchen, die Ukraine als eigenständiges Land zu vernichten. Vor etwa 1.140 Jahren wurde das Großreich Kyivska Rus mit Kyiv als Hauptstadt gegründet. Vor rund 740 Jahren wurde dann die Moscovia ausgerufen mit der Hauptstadt in Moskau. Später hat Moskau beschlossen, das Russische Reich zu gründen. Sie haben die ersten Buchstaben von Kyivska Rus weggenommen und sich selbst Russland genannt. Jetzt erzählen sie uns, dass sie einen Herrschaftsanspruch über uns hätten.

Das Gleiche gilt für die orthodoxe Kirche. Sie hat ihren Ursprung ebenfalls im Kyivska Rus. Russland verbreitet jedoch, dass sie ihren Ursprung in Russland hat. Dass die Ukraine nie existiert hat. Vor 300 Jahren wurde die Ukraine eingenommen, die Sprache wurde verboten, die ukrainische Geschichte durch die russische ersetzt und solche Dinge. In den 30er-Jahren vor dem zweiten Weltkrieg gab es dann den Holodomor, was übersetzt Tötung durch Verhungern bedeutet. Dadurch hat die Sowjetunion rund zwei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer getötet, indem sie ihnen ihre Nahrungsmittel gestohlen hat. Dann wurden Menschen aus der Sowjetunion in die Ukraine umgesiedelt, insbesondere in den Süden der Ukraine, in den Donbass und um Luhansk. In diesem Gebieten leben demnach viele Menschen, die Nachkommen dieser umgesiedelten Menschen sind. Ein Teil dieser Menschen sieht sich als Russen und Russinnen und sagt jetzt, der Süden, der Donbass und das Gebiet um Luhansk gehöre zu Russland.

Gibt es sonst noch etwas, das du loswerden willst?

Kostiuchenko: Ja, auf jeden Fall: Wir sind euch sehr dankbar für eure Unterstützung, aber wenn ihr direkt etwas tun wollt: gebt den Ukrainerinnen und Ukrainern Arbeit – das kann ein Job in eurer Bar, in einem Laden und so weiter in Europa sein oder auch ein Remote-Arbeitsplatz für Menschen, die in der Ukraine geblieben sind. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die ihr beschäftigt, unterstützen dann wiederum die ukrainische Armee finanziell.

Einen herzlichen Dank an Yurii Kostiuchenko von UBOS für das Interview. Gerade in der schwierigen Situation in der Ukraine durch den Krieg ist das keinesfalls selbstverständlich.

Das Interview führte Andrea Maurer. Das Artikel-Honorar kommt dem 24.02 Fund zugute, der ukrainische Journalistinnen und Journalisten unterstützt.

Andrea Maurer
hat rund drei Jahre fehlerbehaftete Texte über IT-Hardware und Unterhaltungselektronik für Online- und Printmedien geschrieben, ehe sie auf die dunkle Seite der Macht wechselte und IT-Administratorin wurde. Sie hat seit Kurzem einen Bachelorabschluss in Sozialinformatik, auf den sie sich mächtig was einbildet.

(fms)