Umdenken bei Alzheimer

Ein Hirnforscher sammelt seit Jahren Indizien dafür, dass die bisherige Erklärung der Alzheimer-Krankheit falsch sein könnte. Seine neue Hypothese ist schlecht für die bisherige Forschung und alle, die gut von ihr leben.

Lesezeit: 13 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 44 Beiträge
Von
  • Nike Heinen
Inhaltsverzeichnis

Ein Hirnforscher sammelt seit Jahren Indizien dafür, dass die bisherige Erklärung der Alzheimer-Krankheit falsch sein könnte. Seine neue Hypothese ist schlecht für die bisherige Forschung und alle, die gut von ihr leben.

"Bartzokis? Nie gehört. Wer soll das sein? Und was wollen Sie wissen? Myelin-Hypothese?" Der Heidelberger Professor, eine bekannte Größe der deutschen Alzheimer-Forschung, schwankt am Telefon zwischen Erstaunen und Spott über die Frage. "Nein, im Ernst, ich wüsste nicht, was an der gängigen Hypothese auszusetzen wäre." Dieses Recherchegespräch ist symptomatisch. Sobald der Name George Bartzokis fällt, finden Telefonate in ungewöhnlich süffisantem Tonfall statt oder kommen gar nicht erst zustande.

Der geschmähte Wissenschaftler ist Psychiater am Hirnforschungsinstitut der University of California in Los Angeles (UCLA) und hat 2009 eine neue Theorie zur Entstehung der Alzheimerschen Krankheit vorgestellt. Bartzokis ist überzeugt, dass Generationen von Wissenschaftlern an der falschen Stelle nach Therapiemöglichkeiten gesucht haben: "Wer Alzheimer hat, der hat keine Schwierigkeiten mit Proteinablagerungen im Gehirn. Was ihn krank macht, sind Defekte an der Isolierung der Nervenfortsätze, an den sogenannten Myelinscheiden." Diese Defekte entstünden, weil das Gehirn mit fortschreitendem Alter die Myelinschicht immer schlechter instand halten könne. Abhilfe könnte ausgerechnet eine bessere Versorgung mit Cholesterin schaffen – ein Stoff, der bisher in der Öffentlichkeit eher mit zu hohen Werten im Blut von sich reden machte.

Um seine These zu stützen, hat der Hirnforscher seit 2003 regelmäßig in namhaften Fachmagazinen eigene Gehirnbild-Studien sowie sogenannte Reviews – vergleichende Interpretationen anderer Studien – veröffentlicht. Doch auch nach sieben Jahren will niemand so recht Notiz von ihm nehmen. Erstaunlich, findet der Gehirnforscher, denn die konventionelle Alzheimer-Forschung stecke inzwischen gehörig in der Krise: Die bisherigen Hauptansätze zur medikamentösen Behandlung von Alzheimer haben alle versagt: der Versuch, durch Impfstoffe die Proteinablagerungen aufzulösen ebenso wie der, das Enzym Beta-Sekretase zu hemmen, damit die sogenannten Amyloid-Plaques gar nicht erst entstehen.

"Das Verrückte daran ist, dass eine der Impfungen sogar funktioniert hat, die Ablagerungen sind tatsächlich verschwunden", berichtet Bartzokis. "Nur hat das in vielen Fällen nichts an den Demenzsymptomen der Patienten geändert." Doch weder dieses gewichtige Indiz noch das zweite, das auch nicht so recht ins Bild von den bösen Ablagerungen passt, ließ die anderen Forscher ihre Theorie hinterfragen: Menschen, in deren Gehirn sich nach ihrem Tod Unmengen von Plaques fanden, ohne dass zuvor Alzheimer-Symptome aufgefallen waren. Beide Befunde kamen zwar auf Kongressen zur Sprache, wurden aber als Einzelfälle abgetan.

Kein Wunder: Bartzokis rüttelt an einem weltweit anerkannten und bisher als gesichert geltenden Erklärungsmodell und stellt damit auch die gesamte bisherige Therapie-Entwicklung infrage. Hätte er recht, würde dies bedeuten, dass Milliarden an Forschungsgeldern in den Sand gesetzt wurden. Fest steht: Bartzokis' These würde nicht nur einige rätselhafte Puzzleteile des Krankheitsbildes erklären helfen, sondern auch die Entwicklung von neuen, vielleicht sogar vorbeugend wirkenden Medikamenten ermöglichen. Etwa 50 Milliarden Euro, so viel wie der gesamte Staatshaushalt von Bayern, fließen jährlich in die Alzheimer-Forschung. Neun von zehn unterstützten Laboratorien suchen nach Wegen, den Plaques den Garaus zu machen. Vor allem bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Ablagerungen haben sich die Forscher ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Doch als Bartzokis 2003 hochauflösende Bilder der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) von 300 Patienten auswertete, kamen ihm erste Zweifel an der Plaque-Theorie.