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Unabhängige Experten: Warum die Pandemie vermeidbar war

Cassandra Willyard

(Bild: narongpon chaibot/Shutterstock.com)

In einem neuen Bericht beschreiben unabhängige Experten einen "toxischen Cocktail" aus Fehlentscheidungen, der die Corona-Katastrophe erst verursacht habe.

So klar und deutlich wurde dies noch nie gesagt: Die COVID-19-Pandemie war eine Katastrophe, die hätte verhindert werden können. Das geht aus einem Bericht hervor, den ein Gremium von 13 unabhängigen Experten im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO durchgeführt hat.

Der Report des Independent Panel for Pandemic Prepardness & Response [1] kritisiert die führenden Politiker der Welt. Sie hätten wiederholte Warnungen nicht beachtet, Zeit verschwendet, Informationen und anderswo dringend benötigte Vorräte für sich selbst oder ihre Länder behalten und die Krise nicht ernst genommen.

Während einige Regionen der Welt der Ausbreitung des Virus rigoros entgegengetreten seien mit entsprechenden Maßnahmen, "haben viele Länder, darunter einige der reichsten, die Wissenschaft abgewertet, die Schwere der Krankheit geleugnet, zu langsam reagiert und schließlich Misstrauen unter den Bürgern gesät mit buchstäblich tödlichen Folgen", sagte Helen Clark, Co-Vorsitzende des "Independent Panel for Pandemic Preparedness and Response" und ehemalige Premierministerin von Neuseeland.

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Der Bericht "COVID-19: Make It the Last Pandemic" ("COVID-19: Sorgen wir dafür, dass es die letzte Pandemie ist") beleuchtet kritisch, warum es nicht gelungen ist, die Ausbreitung des Coronavirus [3] einzudämmen. Er zeigt aber auch Strategien zur Beendigung der aktuellen Krise auf – und zur Vermeidung künftiger Pandemien.

Die wichtigsten Erkenntnisse des Reports machen das deutlich. So hätte die Menschheit Anfang 2020 die Chance gehabt, eine Katastrophe zu vermeiden, und haben sie vertan. "Die Kombination aus schlechten strategischen Entscheidungen, mangelnder Bereitschaft, Ungleichheiten zu bekämpfen, und unkoordiniertes Handeln ergab einen toxischen Cocktail. Er erst ermöglichte der Pandemie, sich in eine katastrophale Krise für die gesamte Menschheit zu verwandeln", schreiben die Autoren.

Von zentraler Bedeutung sei nun, das Angebot an Impfstoffen zu erhöhen und die Impfungen neu zu verteilen. Das Expertengremium fordert die reichen Länder auf, bis September 2021 eine Milliarde Impfstoffdosen für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen bereitzustellen und eine weitere Milliarde bis Mitte nächsten Jahres. Außerdem müssten die Impfstoffhersteller Vereinbarungen zu Lizenz- und Technologietransfer treffen. Sollten entsprechende Vereinbarungen nicht innerhalb von drei Monaten zustande kommen, fordert das Gremium, dass automatisch eine Ausnahmeregelung in Sachen Patentschutz in Kraft tritt. Damit soll sichergestellt werden, dass dort produziert wird, wo am dringendsten Impfstoffe benötigt werden.

Die Experten fordern außerdem, dass die Weltgesundheitsorganisation "mehr Macht und mehr Geld" bekommt. Die WHO sollte die Befugnis haben, Krankheitserreger mit Pandemiepotenzial in jedem Land kurzfristig zu untersuchen und über Ausbrüche ohne Zustimmung der nationalen Regierungen öffentlich zu informieren – statt sich von diesen erst eine Genehmigung holen zu müssen.

Aber auch die WHO allein reiche nicht. Eine neue, spezialisierte Organisation solle sie künftig unterstützen. Der Bericht fordert die Bildung eines "Global Health Threats Council", der sich auf oberster Ebene aus Staatsoberhäuptern zusammensetzt. So soll sichergestellt werden, dass sich die Länder ausreichend um die Pandemievorsorge kümmern. Länder, die Ausbrüche nicht eindämmen, sollen global zur Rechenschaft gezogen werden können.

Die Pandemie habe sich auf fast jeden Aspekt des täglichen Lebens ausgewirkt, schreiben die Experten. Mehr als drei Millionen Menschen seien im Zusammenhang mit COVID-19 verstorben, darunter mindestens 17.000 Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Die Pandemie sorgte für "den tiefsten Schock der Weltwirtschaft seit dem 2. Weltkrieg und für die größte Krise vieler Volkswirtschaften seit der Großen Depression", schreibt das Gremium. Die Krise stürze mehr als 100 Millionen Menschen in extreme Armut. "Am schlimmsten ist, dass diejenigen, die vor der Pandemie am wenigsten hatten, jetzt noch weniger haben", fügen sie hinzu.

(bsc [4])


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[1] https://theindependentpanel.org/
[2] https://www.heise.de/tr/
[3] https://www.heise.de/thema/Coronavirus
[4] mailto:bsc@heise.de