Unruhen in Brasilien: Wie Aktivisten Aufständische über Instagram finden wollen

Nach dem Sturm auf Regierungsgebäude in Brasília suchen die Behörden nach Namen von Tätern. Aktivisten nutzen soziale Netzwerke, um sie zu unterstützen.

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Regierungsgebäude in Brasilia.

(Bild: Brastock / Shutterstock)

Von
  • Jill Langlois

Kurz nachdem rechtsradikale Aufständische am 8. Januar mehrere Regierungsgebäude in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia verwüstet hatten, tauchte auf Instagram ein neuer Account auf. Unter dem Namen "Contragolpe Brasil" – ein Wortspiel, das sowohl "Gegen den Putsch in Brasilien" als auch "Gegenschlag Brasilien" bedeuten kann – wurden Fotos von mutmaßlichen Teilnehmern des Sturms gepostet. Die Idee, so die Macher hinter dem Account, sei, Informationen zu sammeln, mit denen "Menschen, die die Demokratie in Brasilien angreifen wollen", identifiziert werden könnten. Damit wolle man es den Behörden einfacher machen, Täter zu finden und zu bestrafen, die an diesem Tag einer Verhaftung entgangen seien.

Das kam offenbar an: In nur 24 Stunden erreichte der Account der Aktivisten 1,1 Millionen Follower. "Ich bin überhaupt nicht überrascht, dass dieses Konto so schnell zustande kam", meint David Nemer, Professor für Medienwissenschaften an der Universität von Virginia, der auch Mitglied der Fakultät der Harvard University ist. "Wir alle wussten, dass sich [die Aufständischen] in WhatsApp-Gruppen und Telegram-Kanälen organisiert hatten, weil die alle offen waren. Das wurde alles in den sozialen Medien angekündigt. [Der Sturm] war also zu erwarten, es gab keine Geheimhaltung."

Die Gruppen, die die Attacke durchgeführt haben, waren Anhänger des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, der die Wahl gegen den linken Kandidaten Luis Inácio Lula da Silva kürzlich verloren hatte. Obwohl es keine Beweise für einen Wahlbetrug gibt, erkennen die Protestler die Legitimität des Wahlergebnisses nicht an, das Lula da Silva an die Macht brachte. Aus Protest kampierten sie zunächst vor Militärkasernen im ganzen Land, bevor sie dann mit Bussen in die Hauptstadt Brasilia fuhren, um dort zunächst nur zu demonstrieren.

Doch dann wurde es gewaltätig. Und während die Angreifer auf dem Rasen der brasilianischen Bundesregierung und im brasilianischen Kongress, dem Obersten Gerichtshof Brasiliens sowie dem Präsidentenpalast randalierten, hinterließen sie riesige Spuren in Form von Posts, Videos und Fotos. Sie teilten ihre Aktion sowohl auf öffentlichen Social-Media-Plattformen als auch in privaten Messaging-Apps. Viele Dutzend dieser Bilder wurden von "Contragolpe Brasil" gesammelt und mittlerweile veröffentlicht. Auf jedem Foto sind die Gesichter der Menschen zu sehen. Ihre Kleidung ist fast immer gelb und grün, also in den Farben der brasilianischen Flagge. Dies soll die Liebe zum Land – und den Versuch, es aus den Händen der Linken zurückzuerobern – darstellen.

Die Betreiber von Contragolpe Brasil sind bislang anonym – auch auf Anfragen im Rahmen dieser Recherche reagierten sie nicht. Schnell schalteten sie einen Gang hoch und forderten Sympatisanten dazu auf, auch private Nachrichten mit Fotos und Identifizierungsdaten einzuschicken. Sie baten zudem darum, solche Informationen an die Behörden weiterzuleiten.

Der Instagram-Account Contragolpe Brasil ist nicht die einzige Crowdsourcing-Aktion, die aktuell in Brasilien zur Identifizierung der Täter des 8. Januar läuft. Agência Lupa, ein Team von Faktencheckern, hat eine Datenbank mit Text-, Foto- und Videobeiträgen vom Tag des Aufstands erstellt, deren Informationen sich aus anonymen (auch privaten) Quellen speisen.

Solche Methoden zur Identifizierung von Teilnehmern gewalttätiger Veranstaltungen durch das Durchsuchen sozialer Medien ist nicht neu. Die brasilianischen Kampagnen erinnern an ähnliche Projekte in den USA, um Verantwortliche für den Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 zu identifizieren. Manche der dabei aktiven Gruppen wie etwa die sogenannten Deep State Dogs gingen dabei bis ins Detail und schauten sich genaue Taten wie Sachbeschädigung oder den Angriff der Presse näher an. Die Aktivisten kamen dabei aus den unterschiedlichsten Lagern, geeint durch ein Ziel: Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

In Brasilien hat sich eine ähnliche Dynamik entwickelt. Nicht lange nachdem Contragolpe Brasil mit den Veröffentlichungen begonnen hatte, trudelten die ersten Kommentare ein. In einem wurde ein möglicher Name für einen "bärtigen Mann mit dunkler Sonnenbrille, einer Adidas-Baseballkappe und einem gelb-grünen Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft" genannt. Er sei ein Beamter im Bundesstaat Paraná, so der Kommentator. Jemand fragte daraufhin, für welche Behörde er arbeite, damit sie markiert werden könne und die Leute "angemessene Maßnahmen fordern" könnten. Dann hieß es, dass der Mann auf dem Foto bereits entlassen worden sei.

Im Laufe der letzten Woche wurden die Bildunterschriften zu den auf Contragolpe Brasil veröffentlichten Fotos geändert. Einige enthielten die vollständigen Namen der Personen, ihre Wohnorte und die Bundesstaaten, in denen sie leben. Sogar Instagram-Accounts wurden aufgeführt. Mittlerweile gibt es eine Form von Selbstzensur. Denn der Versuch, Kriminelle online zu identifizieren, kann auch daneben gehen – vor allem, wenn die Bürger sich irren. Und dafür gibt es Beispiele: Eine Frau behauptete etwa, ein Hacking-Opfer zu sein, das entsprechende Bild sei nicht von ihr eingestellt worden. Mittlerweile ist sie untergetaucht.

Auch Instagram reagierte. Zwischenzeitlich war es Contragolpe Brasil nicht mehr möglich, neue Beiträge zu posten. Wie es dazu kam, bleibt unklar, die Meta-Tochter reagierte zunächst nicht auf eine Nachfrage. Die Aktivisten reagierten damit, ihre Inhalte über Instagram-Stories zu teilen. Eine davon verkündete einen Erfolg: die Verhaftung von Ana Priscila Azevedo, was auch die Strafvollzugsbehörde im Bundesdistrikt Brasiliens bestätigte. Azevedo war über das Konto von Contragolpe Brasil identifiziert worden. Darin wird sie als eine "der Organisatorinnen des Aufstandes" bezeichnet. Insgesamt sollen 1.166 Personen zwischen dem 8. Januar und dem 11. Januar verhaftet worden sein, wie viele "dank" Social Media, ist unklar.

Es ist außerdem unklar, ob die Behörden Contragolpe Brasil bei ihren Ermittlungen gegen Azevedo oder andere Personen, die verhaftet wurden, tatsächlich genutzt haben. Das Ministerium für Justiz und öffentliche Sicherheit Brasiliens reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Medienwissenschaftler Nemer glaubt, es wäre ein Hilfsmittel gewesen. "Social-Media-Posts sind aber nur eine Art von Beweisen", sagt er. "Ich bin mir sicher, dass die Polizei allein durch die Namen dieser Leute noch mehr herausfinden könnte."

(jle)