Ursache für Long Covid? SARS-Cov-2 verändert Blutzellen über Monate

Versteifte rote und aufgedunsene weiße Blutzellen – in veränderten Blutkörperchen vermuten Forschende die Auslöser für das Erschöpfungssyndrom Long Covid.

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Person mit medizinischem Personal (Symbolbild).

(Bild: Mat Napo / Unsplash)

Von
  • Jo Schilling

Wer von einer Covid-19-Erkrankung genesen ist, hat es nicht zwangsläufig geschafft. Long Covid heißt das Syndrom, unter dem Menschen noch lange nach überstandener akuter Infektion leiden. Der Mix aus Symptomen ist vielfältig, die Zeitspanne in der es kommt und geht breit, die Medizin ist weitgehend ratlos.

„Bislang vorliegende wissenschaftliche Studien erlauben keine verlässlichen Einschätzungen dazu, wie viele Menschen nach einer SARS-CoV-2-Infektion von Long Covid betroffen sind, welche Faktoren das Auftreten von Long Covid befördern oder auch davor schützen“, so das Robert-Koch-Institut zu den aktuellen Informationen.

Und ebenso wenig weiß die Forschung über den Krankheitsverlauf, die Dauer der verschiedenen Symptome und die Häufigkeit bleibender Schäden. Ein Symptom zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch Long Covid: Erschöpfung. Nun hat eine Forschungsgruppe aus Erlangen Hinweise auf die Ursachen dieser extremen Erschöpfungszustände gefunden und im Biophysical Journal veröffentlicht: Das Virus verändert die Blutzellen über einen langen Zeitraum.

Dass Covid-19-Infektionen von Thrombosen – also Gefäßverschlüssen durch Blutgerinnsel – begleitet werden können und die Betroffene generell ein massives Problem mit der Sauerstoffversorgung haben, gehört zu den wichtigsten Problemen bei der Behandlung. Zwar ist die Pathologie hinter den unzähligen Todesfällen noch nicht vollständig verstanden, als Hauptursache sieht die Medizin jedoch überschießende Immunreaktionen und Gerinnungsstörungen, die letztlich zu Stauungen der Mikrogefäße führen. Da ist es naheliegend, einen genauen Blick auf die Zellen zu werfen, die die Immunreaktion ausführen, Gefäße verstopfen und den Sauerstoff transportieren: Blutzellen.

Die Forschenden am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts haben vor einigen Jahren eine Methode entwickelt, bei der sie die Blutzellen durch einen so engen Kanal fließen lassen, dass die roten und weißen Blutkörperchen sich strecken müssen, um hindurch zu gelangen. Während sie sich durch den Kanal quetschen, fotografiert eine Hochgeschwindigkeitskamera bis zu 1000 Blutkörperchen pro Sekunde. Die Software hinter der “Real-time deformability cytometry” – oder Echtzeit-Verformungszytometrie – wertet aus, um was für eine Zelle es sich handelt, wie groß sie ist und wie stark sie sich bei ihrem Weg durch den Kanal verformt.

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Blutproben von 17 akut an Covid-19 Erkrankten, von 14 Genesenen und 24 Gesunden haben sie so untersucht. Besonders auffällig war, dass die roten Blutkörperchen von akut Erkrankten kleiner und nicht mehr so flexibel waren, wie rote Blutkörperchen das normalerweise sind. Sie können sich nicht mehr strecken und passen damit nicht mehr durch die feinen Kapillaren, mit denen unser Blutgefäßsystem einerseits jede Zelle des Körpers mit Sauerstoff versorgt und andererseits in der Lunge mit Sauerstoff beladen wird. Die Folgen liegen auf der Hand: Es kommt zu Gefäßverschlüssen, der Sauerstofftransport ist behindert, die Leistungsfähigkeit des Körpers nimmt ab – Erschöpfung stellt sich ein.

Außerdem waren die weißen Blutkörperchen bei Menschen mit akuter Infektion oder Genesenen deutlich weicher und größer als bei Gesunden. Das deutet auf eine – nicht sehr überraschende – sehr starke Immunreaktion hin. Allerdings konnten die Forschenden diese Deformationen auch noch sieben Monate nach der Genesung beobachten. Sie vermuten, dass das Virus das Zellskelett umbaut. Das Skelett der Zelle sorgt jedoch nicht nur für eine stabile Form, sondern ist essentiell für die Funktion der Zelle.

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Damit haben die Erlanger nicht nur eine neue diagnostische Methode in den Ring geworfen, um den Gesundheitsstatus von Covid-19-Betroffenen zu beurteilen. Sie haben zudem einen neuen Therapieansatz geliefert: Wirkstoffe, die Größe und Flexibilität der Blutzellen regulieren, könnten von Long Covid Betroffenen eine neue Perspektive eröffnen.

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(jsc)