Usability: Mit der passenden Schriftart 30 Prozent schneller lesen

Das Einstellen der richtigen Schriftart ist eine ebenso individuelle Angelegenheit wie die Stärke einer Lesebrille. Ein Selbsttest hilft bei der Entscheidung.

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(Bild: WAYHOME studio/Shutterstock.com)

Von
  • Gregor Honsel

Wenn ich ein fremdes Manuskript bearbeiten soll, sind meine ersten Arbeitsschritte immer die gleichen: Ich stelle den ganzen Text auf Calibri 11 Punkt mit 1,5-fachem Zeilenabstand. Beim E-Book-Reader das Gleiche: Serifenlose Schrift, maximaler Zeilenabstand, minimale Satzbreite. So – bilde ich mir wenigstens ein – kann ich am besten lesen.

Doch stimmt das auch? Forschende der University of Florida haben festgestellt, dass die Lesbarkeit verschiedener Schrifttypen eine sehr individuelle Angelegenheit ist – und dass die Leute oft selbst nicht wissen, was der beste Font für sie ist. Um diesen ausfindig zu machen, haben die Forschenden gemeinsam mit Adobe und Google einen Selbsttest entwickelt. Er soll eine Art "Rezept für eine Lesebrille im digitalen Zeitalter" sein.

Im ersten Schritt gilt es, die eigene Lieblingsschrift aus insgesamt 16 Fonts zu finden. Dazu kann man zwischen jeweils zwei Schriften hin- und herspringen und sich für einen Favoriten entscheiden. Anschließend kommt die nächste Paarung. Beim zweiten Teil soll man kurze Absätze in unterschiedlichen Schriften lesen und anschließend Fragen zum Inhalt beantworten.

Das Ergebnis einer Studie mit 352 Versuchspersonen: "Auf einen besser geeigneten Font zu wechseln, führte zu einer 35 Prozent höheren Lesegeschwindigkeit bei gleichem Leseverständnis."

Mein Selbstversuch erbrachte einige sehr überraschende Ergebnisse. Beim Favoriten-Test landete Avenir Next auf Platz 1 und Montserrat auf Platz 2; Calibri schaffte es nicht einmal unter die Top 5. Allerdings ist dies auch von der Tagesform abhängig. Beim gleichen Test einen Tag später lag Montserrat auf Platz 1 und Calibri auf Platz 3, Avenir tauchte gar nicht mehr auf. Die Reliabilität des Tests ist offenbar nur mittelprächtig. Immerhin: Drei Schriften (Montserrat, Noto Sans und Helvetica) tauchten bei beiden Durchläufen in den Top 5 auf.

Mit meiner Vorliebe für "Grotesk"-Schriften (ohne Serifen) bin ich übrigens nicht alleine: Unter den Favoriten der gesamten Nutzerschaft (1. Noto Sans, 2. Times, 3. Avenir, 4. Helvetica, 5. Calibri) befindet sich nur eine einzige "Antiqua"-Schrift (mit Serifen).

Nun zur eigentlich spannenden Frage: Sind meine subjektiven Lieblingsschriften für mich auch am besten lesbar?

Absolut nicht. Auf Platz 1 landet mit Roboto zwar wieder eine Grotesk-Schrift, allerdings gefolgt von EB Garamond und Times (beides Antiqua). Roboto kann ich laut Test 32 Prozent schneller lesen als Montserrat. Das entspräche sieben Seiten pro Stunde. Der einzige meiner Favoriten, der es auch bei der Lesegeschwindigkeit unter die ersten Fünf geschafft hat, ist Noto Sans. (Das Gesamtergebnis aller Nutzer: 1. Montserrat, 2. Times, 3. Noto Sans, 4. Garamond, 5. Roboto).

Vor allem das gute Abschneiden der uralten Garamond überrascht mich. Ich fand die Schrift schon immer sehr schön, aber eher für besondere Anlässe als für den Alltag. Ich werde meine Arbeitsroutinen wohl mal überdenken.

(grh)