Verriss des Monats: Das Pyjamakabel

Ohm versus Omm: Wer die Klangraumtiefe der Welt wahrhaft erkunden will, muss sich dem sogenannten Kabelklang stellen. Messbare Effekte sind etwas für Langweiler.

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Von
  • Peter Glaser

Ohm versus Omm: Wer die Klangraumtiefe der Welt wahrhaft erkunden will, muss sich dem sogenannten Kabelklang stellen. Messbare Effekte sind etwas für Langweiler.

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

In dem Film "Diamantenfieber" von 1971 erweist sich James Bond wie gewohnt als hochverfeinerter Kenner von Genüssen. Bei seinem Vorgesetzten M serviert man ihm ein Glas Sherry. "Das tut mir leid mit ihrer Leber, Sir", bedankt sich Bond ein ganz kleines bisschen hinterfotzig, "das ist ein ungewöhnlich feiner Solera. Ein 51er-Jahrgang, wenn ich recht gehe".

M aber weist ihn darauf hin, dass es bei Sherry keine Jahrgänge gibt. Sherry wird, während er in Eichenfässern reift, aus Weinen unterschiedlicher Jahrgänge verschnitten. Eines der Verfahren zur Herstellung von Sherry trägt den Namen Solera – so nennt man auf Spanisch die unterste Lage Fässer. Aus dieser untersten Reihe wird ein Drittel abgefüllt, die geleerten Fässer werden dann mit jüngerem Wein aus der nächsthöheren Reihe befüllt undsoweiter, bis auch die höchste Reihe leer ist. "Ich meinte den Wein, aus dem der Sherry gemacht wurde", antwortet Bond – "1851".

Nimmt man das noch als weltmännisch hin, zeigt sich dann aber am Ende des Films doch etwas Fragliches am Auskennertum des 007. Auf einem Kreuzfahrtschiff macht ein als Steward verkleideter Bösewicht den Weinkellner und schenkt ihm einen "Mouton-Rothschild '55" ein. "Der Wein ist exzellent", befindet Bond nach einmal Nippen, "obwohl ich für ein großes Abendessen eher einen Claret erwartet hätte".

Der Kellner entschuldigt sich, "Unser Keller ist nur dürftig ausgestattet mit Claret" (eine in England geläufige Bezeichnung für rote Bordeaux-Weine). Und schon hat ihn Bond: "Mouton-Rothschild IST ein Claret." Das Böse ist durchschaut. Aber der Wein passt gar nicht zu dem Essen, denn das Menü beginnt mit Austern und Appetithäppchen. Da sollte man schon mit einem Weißwein oder Champagner anfangen. (Als ich meiner Frau von meiner Netzrecherche erzählte, sagte sie, das hätte ich auch von ihr erfahren können; bestes Netz von allen.)

Es geht also nicht um tatsächlichen Genuss, sondern um eine Glaubensfrage. Um den Glauben, dass James Bond weiß, was gut ist. Dass er ein unübertreffliches Gefühl für Genuss hat, obwohl er gelegentlich leicht daneben liegt. Es geht um das Gefühl. Und dieses Gefühl hat es an unerwarteter Stelle auch herüber ins 21. Jahrhundert geschafft. Wir sprechen von Hochgenüssen, die einem Kabel bescheren können, genauer gesagt, um den sogenannten "Kabelklang". Audiophile, also Menschen, die Frau und Kinder aus dem Haus schicken, um unerwünschte Trittschwingungen zu vermeiden, ehe sie dem Gedanken nähertreten, sich mit Hilfe ihrer ANLAGE einem Musikstück zu widmen, zerfallen in verschiedene Untergruppierungen, von denen eine der felsenfesten Überzeugung ist, dass sich unterschiedliche Kabel unterschiedlich anhören.

"So ist es für mich ein immer wieder erstaunlicher Effekt", nähert sich ein Sympathisant dem heiklen Thema, "dass sich Musik bei falscher Netzsteckerpolung oftmals so anhört, als würden die Interpreten lustlos zu Werke gehen und man müsste sie anschieben". Bei ganz zum Kabelklangglauben Konvertierten klingt Religiosität im Vokabular an: "Ich hatte auch meine Zweifel, bis mir ein Freund einige Netzkabel und Netzleisten zum Probieren gab. Seitdem bin ich geläutert."

Gute Kabel sind teuer, richtig gute Kabel sind richtig teuer. Noch nicht restlos fundamentalistische Audiophile sprechen von "Kabelvergnügungskosten". Und dann gibt es noch die richtig richtig richtig guten Kabel, und eins davon möchte ich heute gerne verreißen. Es heißt Inca Red, ist einen Meter lang (Cinch-Kabel, Stecker "massiv vergoldet"), kostet 1.799 Euro und möchte bei der Suche nach der Wahrheit behilflich sein: "Die Verbindung vom CD-Player zum Verstärker ist wohl die sensibelste der gesamten Musikkette. ... So ist es auch nicht verwunderlich, dass es so viele verschiedene Kabelarten und Hersteller gibt; alle mit dem Ziel, der musikalischen Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen."

Dazu werden nicht nur keine Mühen und Aufwände gescheut, sondern auch seltenste Seltenheiten zum Einsatz gebracht. Während die einen viel Zeit und Geld in die Erforschung neuer Materialkombinationen stecken, um den Gral unter den High-End-Kabeln zu finden, geht Herr Toya Hatano, Inhaber der japanischen Manufaktur TMD, einen radikal auf Altbewährung ausgerichteten Weg und "kombiniert nur zwei sehr alte Kupferdrähte in seinen Kabeln. Diese Drähte stammen aus dem 19. Jahrhundert bzw. von 1954! Die Qualität des verwendeten Kupfers kann leider heutzutage so nicht mehr hergestellt werden". Die ausgewählten Drähte würden dann in mühevoller Handarbeit mit einem Baumwollfaden umwickelt, mit den massiven vergoldeten Cinchsteckern verlötet und danach in feinste japanische Seide von Hand eingenäht.

Es ist, wie wenn Bond sagt: "1851" und es aber eigentlich gar nicht sein kann, weil zuvor verschiedene Jahrgänge miteinander verschnitten wurden. Jahrgangskabel. Besonders gutes Kupferwetter. Man muss sich das im Gehörgang zergehen lassen. Skeptiker bezeichnen das bemerkenswerte Stromtransportmittel wegen des schlabberigen Seidenschlauchs schnöde als "Pyjamakabel". Messtechnisch kommt am Ende eines Kabels praktisch genau das heraus, was man vorne hineinschickt. Die wichtigen Parameter, die man bei Kabeln messen kann, bewegen sich in Größenordnungen, die beim Zusammenschalten von gängigen HiFi-Komponenten im hörbaren Frequenzbereich nichts bewirken können. Blindtests, die von Kabelklanggegnern durchgeführt wurden, haben bisher keine Ergebnisse gebracht. "Zumindest keine", so der User hifiaktiv, "welche bestätigen konnten, dass es unterschiedlichen Klang mit unterschiedlichen Kabeln gibt".

Aber es geht nicht um messbare Effekte bei der Hardware, sondern um unmessbare Effekte in der audiophilen Seele, die es ja übrigens auch nicht gibt. Während er lebt, verbringt der Mensch Zeit. Diese Zeit angenehm zu verbringen ist den meisten Menschen ein Ansinnen. Eine der Methoden, zu fühlen wie die Zeit vergeht und wie angenehm sich das anfühlen kann, ist, gute Musik zu hören. In den zum Teil kilometerlangen Kabelklangdiskussionen im Netz geht es im Grunde ums Musikhören, aber die Musik kommt nur in Gestalt abstrakter Klangeigenschaften und in quasarhafter Entfernung vor.

Eine andere Methode, seine Zeit zu verbringen, ist, Musik hören zu wollen und ständig unter dem Versuch zu leiden, weil sich überall supergemeine Störungen einkoppeln wollen, die einem auch noch keiner so recht abkaufen mag. Als Kunstwerk mag das Edelkabel Inca Red sein Geld wert sein, wobei sich Kunstwerke, die etwas Nützliches leisten, ja schnell einen gewissen Kunstgewerbeverdacht einhandeln. Als religiöses Zeremonialgerät ist es eindeutig zu teuer, ebenfalls als homöopathische Form der Klangperfektionierung. Als "Gerät zur Gefühlserzeugung" würde ich es akzeptieren. Es vermittelt mir das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden. ()