Verriss des Monats: Der Atomstromfilter

Die Prinzipien der Homöopathie lassen sich auch in technologische Bereiche übertragen: Nichts hilft besser gegen Angst.

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Von
  • Peter Glaser

Die Prinzipien der Homöopathie lassen sich auch in technologische Bereiche übertragen: Nichts hilft besser gegen Angst.

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

Schnell noch, bervor es keine Atomkraftwerke mehr gibt und die Militärs die ersten Windenergiebomben zünden, ein Bericht über eine kleine technische Wunderleistung, die uns schon jetzt dazu verhelfen soll, Gut und Böse sorgfältig voneinander zu trennen, jedenfalls im Bereich der Elektrizität. Ich spreche vom Atomstromfilter.

Die Firma Nucleostop hat das Atomstromproblem insofern erkannt, als festgestellt wird, dass, fast wie in der kommuniastischen Kollektivwirtschaft, den Verbrauchern eine gemeinschaftliche Abnahme von Strom aufoktroyiert wird, egal woher er kommt: "Auch engagierte Naturschützer konnten sich nicht wehren, denn die Energielobby erzählte uns immer, Strom sei Strom." Damit aber räumt Nucleostop auf – ein handliches Gerät, das "durch ein innovatives Verfahren" in der Lage ist, zwischen Atomstrom und sozusagen biologisch erzeugtem zu unterscheiden. Der Atomstrom wird erkannt "und, bevor er Ihre wertvollen Elektrogeräte durchflutet, zurück zum Erzeuger geschickt".

Neben den allgemein bekannten Vorgängen entstehe, so der Hersteller des 949 Euro teuren Geräts, bei jeder Kernspaltung ein sogenannter Tachyonen-Impuls, der, anders als die restliche freiwerdende Energie, nicht in Strom umgesetzt werden könne. Dieser Impuls verleihe jedoch allen aus der Spaltung resultierenden Energieformen eine spezielle, aus Gründen des Energieerhaltunsgesetzes unlöschbare "Signatur". Folglich sei auch der Atomstrom mit dieser tachyonischen Signatur versehen.

Es ist schon eine Weile her, seit ich mal auf einer Fähre in die Ägäis unterwegs war und mich an Deck irgendwann eine Panik befiel, ich könnte die richtige Insel versäumen, an der ich aussteigen wollte. Die Inseln sind alle wunderschön, mit schneeweissen Dörfern und meerblauen Fensterläden, aber sie sehen, jedenfalls wenn man das erste Mal da ist, alle gleich aus. Ein irrationales Nebenergebnis dieser Panik war, dass ich plötzlich davon überzeugt war, dass es vom Deck aus nach unten in den Laderaum und zur Ausstiegsluke einen Damen- und einen Herren-Abgang gibt und ich nun ganz schnell den richtigen Abgang finden musste, um keinen Skandal hervorzurufen, ein bisschen wie in einem Albtraum, nur eben in echt und mit einem vollgepackten Tramperrucksack hintauf.

So ähnlich ist es, folgt man den Experten von Nucleostop, mit dem Atomstrom.

Ich hatte hier schon mal ein Spray namens "expertise 3p", das der französische Kosmetikhersteller Clarins auf den Markt gebracht hat und das die Haut vor den Auswirkungen künstlicher elektromagnetischer Felder, wie sie von Mobiltelefone oder Laptops emittiert werden, schützen sollte. Das Mittel ("You can spritz it over bare skin") war mit einem "Magnetic Defence Complex" ausgestattet, der die Widerstandsfähigkeit der Haut gegenüber den gesundheitsschädigenden Effekten künstlicher elektromagnetischer Wellen stärken sollte. Womit es eigentlich nicht mehr zu den Kosmetika gehörte, sondern zu den Psychopharmaka: Hilfe gegen Angst.

Und das ist des Pudels Kern. Bei der Nucleostop-Box handelt es sich um einen gut gemachten Hoax – schon vom typischen Alternativanbieter-Webdesign der Firmenseite fallen einem die Augen raus, und die Verbraucherzentrale Sachsen (VZS) sah sich bemüßigt, eine Warnung an die Stromabnehmer herauszugeben, da dem VZS-Energiexperten Roland Pause zufolge ein solches Gerät nicht funktionieren kann. Ein anderes, verwandtes Produkt zeigt, in welchem erstaunlichen Maß sich solche, nun, Technologie in wirtschaftlich nutzbares Potential umsetzen lässt. Ein Chip der Firma Exradia will Handy-Nutzer vor schädlicher Strahlung schützen. Der billige, auf Massenverkauf ausgerichtete Prozessor soll die gepulste Strahlung eines Handy-Akkus oder von WLAN-Signalen maskieren, indem sie mit einem Rauschsignal überlagert wird, Motto: keine Pulsung, keine schädlichen Wirkungen, die davon ausgehen können. Denn: "Von elektrosensiblen Menschen wird die gepulste Strahlung gegenüber der ungepulsten als deutlich aggressiver empfunden."

Als Skeptiker kann man davon ausgehen, dass der Chip nie ein einziges Leben retten oder vorbeugend gegen irgend etwas wirken wird – was aber nicht bedeutet, dass er sich nicht trotzdem verkaufen ließe. Dazu muss man sich beispielsweise vorstellen, wie das Management in großen amerikanischen Unternehmen denkt. James F. Lawler, der Chef von Exradia, ist kein Obskurant, er hat als Finanzvorstand bei Xerox gearbeitet. Die Technologie, auf die der Exradia-Chip angeblich aufbaut, ist durch nichts bewiesen – aber sie hilft Chefs, die Angst haben, dass ein Mitarbeiter sie verklagen könnte, weil er sich ein Leiden zugezogen hat und zu der Ansicht gekommen ist, dass sein Firmenhandy daran schuld ist.

Mit dem Exradia-Chip in dem Handy ist die Firmenleitung zwar nicht medizinisch, aber juristisch auf der sicheren Seite: Wir haben alles zu Gebot stehende getan, um Schaden von unseren Mitarbeitern abzuwenden. In Europa scheinen die transatlantischen Schadenersatz-Gepflogenheiten aber noch nicht so recht zu verfangen. Während die britische Tochtergesellschaft Exradia Limited 2008 Insolvenz anmelden musste, ist die US-Mutterfirma EMX Corp. nach wie vor aktiv und vermarktet die Strahlenabwehr nunmehr als EMF Biochip Technology.

Und wenn dann noch atomstromfreie Elektrizität im Gerät kreist, kann garantiert nichts mehr passieren.

(Mit Dank an Gerald Lodron für den Hinweis.) ()