Verriss des Monats: Einfach rührend

Der amerikanische Importeur Gevalia hat einen edelstahlisolierten Kaffeebecher im Angebot, der das Gebräu auf Knopfdruck automatisch durchmischt.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 27 Beiträge
Von
  • Peter Glaser

Der amerikanische Kaffeeimporteur Gevalia hat einen edelstahlisolierten Kaffeebecher im Angebot, der den Kaffee auf Knopfdruck automatisch umrührt. Man fasst es nicht. Ein kleiner Strudel entsteht in der warmen Flüssigkeit, ein Malströmchen zieht die Aufmerksamkeit des Kaffeegenießers hinab... Mehr kann man eigentlich nicht falsch machen mit einem so kleinen Produkt. Außer dass er isoliert, ist der Becher eine multiple produktphilosophiosche Katastrophe.

Davon abgesehen, dass Edelstahl so ziemlich das letzte Material ist, aus dem ein Kaffeebecher bestehen sollte – es sei denn, man mag medizinische Gerätschaften –, müssen wir hier mal wieder über Faulheit reden. Faulheit ist ein bedeutsamer und gern unterschätzter Antrieb des menschlichen Lebens, so paradox sich das vielleicht anhört. Was ich meine, wird klar, wenn man einen wirklich faulen Menschen betrachtet. Der Wirklich Faule Mensch (WFM) ist oft extrem fleißig, denn er will möglichst schnell wieder faul sein. Dazu trinkt er gelegentlich Kaffee, und er rührt, sofern es sich um einen bereits herangewachsenen Menschen handelt, selbst um.

Eine der Leitströmungen der Weltwirtschaft hat mit den vielfältigen Verwertungsformen von Faulheit zu tun. Ökonomen und Marketingmenschen nennen sie, weil es sich besser anhört, "Convenience". Zu den Bequemlichkeiten zählt fast alles, was einem Arbeit abnimmt, vom Rechtwinkligschneiden von Fischstäbchen bis zur Buchbestellung vom Schreibtisch aus. Das Internet ist ein schwieriger Markt, aber es ist die mächtigste Convenience-Industrie des Planeten, und aus fast allem, das der Faulheit entgegenkommt, lässt sich ein Geschäft machen.

Bereits bei Elektromessern hatte ich jedoch das Gefühl, dass eine Grenze überschritten wird. Die Emulation der Hinundherbewegung beim Schneiden durch einen Motor fand ich eines Erwachsenen nicht würdig, wenngleich das Kleinfräsen gefrorener Spinatblöcke mit dem Werkzeug gefahrloser von der Hand geht. Der Ersatz der Umrührbewegung mit dem Löffel erinnert mich an die Frage, wie viele Iren man braucht, um eine neue Glühbirne reinzuschrauben (fünf - einer steigt auf den Tisch und hält die Birne fest, vier drehen den Tisch).

Jungen Menschen weisen gern besonders extreme Faulheitsbeweise vor. Hier kommen wir dem Ungeschick des selbstrührenden Bechers bereits näher. Ich hatte mal einen Kumpel, der so faul war, dass er nur vom Sofa aufstand, wenn jemand neben ihm sich gerade erhob und er sich eine gewisse Windschattensaugwirkung erhoffte. Er aß am liebsten Joghurt, weil ihm jemand erklärt hatte, dass Joghurt lebt und er davon ausging, dass er dieses Nahrungsmittel nicht selber schlucken muss, sondern es aus eigenem Antrieb in ihn reinkriecht. Einmal hatte er ein Joghurt, aber leider war es zu schwach, von alleine aus dem Becher zu kommen, auch wenn er rief und lockte, und er war zu faul, aufzustehen und sich aus der Küche einen Löffel zu holen. Er bekniete die anderen Menschen im Raum, aber alle waren wir kaltherzig und erklärten ihm, dass er die fünf Meter bis zum Besteckfach schon selber gehen müsse. Also schaute er sich nach dem löffelähnlichsten Gegenstand innerhalb seines Greifradius um und schaufelte das Joghurt schließlich mit dem Korpus eines Plastikfeuerzeugs aus, das er eingesteckt hatte. Man mag das albern finden, aber es hat als Improvisationstraining auch etwas Genialisches, etwas von der erstaunlichen Kreativität, die Faulheit immer wieder freisetzt.

Aber der Becher, der den Kaffee ohne Löffel umrührt, hilft nicht beim Faulsein, sondern dabei, sich lächerlich zu machen. Für einen Scherzartikel ist er mit seinen knapp 19 Dollar zu teuer. Der Rührbecher aber institutionalisiert die Sache zu einem banalen Selbstzweck. Was für ein trostloses Bild, sich vorzustellen, wie ein Mensch vor dem kleinen Kaffeestrudel sitzt und sich von der Tasse ansurren lässt. Es ist das Rube Goldberg-Prinzip, mit möglichst großem Aufwand ein möglichst minimales Ergebnis zu erzielen, ohne allerdings so unterhaltsam zu sein wie die hyperkomplizierten Goldberg-Geräte. Der Rührbecher ist ein trauriges Stück Technik. (bsc)