Verschwindet die Vernunft?

Fake News, alternative Fakten, gefühlte Wahrheiten – das rationale Denken scheint an Boden zu verlieren. Doch der Eindruck täuscht.

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(Bild: Fotomontage Shutterstock)

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Im September 2018 sprach Bundesforschungsministerin Anja Karliczek an der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle davon, dass die Bürger das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren. "Klimaskeptiker, Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker verbreiten ihre Theorien in Windeseile. Populisten nutzen die Chance zu polarisieren", so die Ministerin. "Wissenschaft wird manchmal als 'Lügenwissenschaft' bezeichnet."

In Kommentarspalten und dem öffentlichen Diskurs wird die Rolle von Fakten und Belegen ständig infrage gestellt. Symbol und Zugpferd dieses Stils ist US-Präsident Donald Trump. Der Mann, der den Klimawandel als von den Chinesen erfundenen Hoax bezeichnete, ihm unbequeme Tatsachen als Fake News abkanzelt und seit seinem Amtsantritt mehr als 7600-mal öffentlich die Unwahrheit gesagt hat, wie der Fact Checker der "Washington Post" berichtet. Es sind erodierende Dauerattacken gegen die Vernunft. "Wenn du steif und fest behauptest, der Himmel sei grün, ist dein Ziel nicht, dass ich dir glaube", schrieb die ehemalige Piraten-Politikerin Marina Weisband einen Tag nach Trumps Amtseinführung. "Dein Ziel ist, das so lange zu tun, bis ich sage: ,Das ist deine Meinung. Ich habe meine. Niemand kann objektiv sagen, welche Farbe der Himmel hat.' So legitimiert man das offensichtlich Falsche."

Vor 300 Jahren hat uns die Aufklärung die Hinwendung zum rationalen und kritischen Denken gebracht. Sie etablierte die Wissenschaften als bedeutendste Vermittler komplexer Tatsachen. Sollten wir nun tatsächlich wieder Abschied von diesen Errungenschaften nehmen? Ja, lautet die weit verbreitete Antwort. Aber wer sie gibt, verlässt sich genau wie jene, die er kritisiert, auf einen zweifelhaften Ratgeber: sein Gefühl. Repräsentative Umfragen, die regelmäßig die Einstellung der Bevölkerung zur Wissenschaft ermitteln, bestätigen diesen Eindruck nicht. Seit vier Jahrzehnten pendelt der Anteil derer, die in den USA großes Vertrauen in die Wissenschaft haben, um 40 Prozent. Und trotz gedämpfter Erwartungen an eine positive Zukunft durch Forschung gibt es in den letzten Jahren auch in Deutschland keine zunehmende Ablehnung der Wissenschaft.

Bei polarisierenden Themen nähert sich die Öffentlichkeit sogar den Aussagen der Wissenschaft an: Immer weniger zweifeln am menschengemachten Klimawandel, der Evolution oder dem Nutzen von Schutzimpfungen. "Insgesamt hat das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaften seit den Siebzigern nicht abgenommen", sagt der Soziologe Gordon Gauchat von der University of Wisconsin in Milwaukee. Schaut man sich jedoch nicht das große Bild, sondern einzelne gesellschaftliche Gruppierungen an, gibt es Gauchat zufolge Ausnahmen: Konservative und regelmäßige Kirchgänger. Der religiöse Flügel und die aufkommende Neue Rechte sahen wissenschaftliche Erkenntnisse augenscheinlich oft im Widerspruch zur eigenen Doktrin, etwa bei der Evolutionslehre oder der Stammzellenforschung. Die Konservativen nahmen außerdem den akademischen Betrieb zunehmend als von Linksintellektuellen beherrscht wahr. So verlor er für sie seine Glaubwürdigkeit als neutrale Instanz.

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Der Anteil der Befragten des General Social Survey, die "großes Vertrauen in die wissenschaftliche Gemeinschaft" ausdrücken, pendelt seit den Siebzigern um 40 Prozent.
(Bild: General Society Survey
)

"Wer politisch konservativ ist, äußert häufiger Zweifel am Klimawandel, Religiöse sind häufiger Impfskeptiker, und Zweifel an der Sicherheit genveränderter Nahrung geht oft mit geringen Kenntnissen über Wissenschaft einher", bestätigt Bastiaan Rutjens von der Universität Amsterdam. Dabei kann es zu erstaunlichen Konstellationen kommen, wie der Psychologe bei der Untersuchung von Subgruppen herausgearbeitet hat. Wer mit Forschern beim Klimawandel übereinstimmt, kann dennoch ein Impfskeptiker sein. Menschen können die Wissenschaft im Allgemeinen wertschätzen, aber gleichzeitig einzelne ihrer Erkenntnisse ablehnen. Um Wissenschaftsskeptizismus zu bekämpfen, müsse man diese vielfältigen Ausprägungen und Gründe verstehen, sagt Rutjens. Gerade der Einfluss von Religiosität auf Wissenschaftsskeptizismus sei seltsamerweise bislang nur wenig erforscht.

Zahlreiche Hinweise gibt es hingegen zum Einfluss der politischen Polarisierung in einem Land. Je stärker sie ist, umso vehementer verteidigen die Menschen ihre jeweiligen Glaubenssätze. Ein Beispiel dafür ist die Haltung zum Klimawandel unter Anhängern der Demokraten und Republikaner in den USA. Demokraten stimmen laut Umfragen auf breiter Front zu, dass der Klimawandel stattfindet. Diese Zustimmung fällt umso größer aus, je umfangreicher ihre wissenschaftlichen Kenntnisse sind. Republikaner lehnen das Konzept des Klimawandels dagegen mehrheitlich ab, ungeachtet ihrer wissenschaftlichen Kompetenz. Sie wären durchaus fähig, die Hintergründe zu verstehen, verleugnen sie aber aus Parteilichkeit. "Die meisten Menschen haben keinen Grund, eine Position zum Klimawandel einzunehmen, abgesehen vom Ausdruck ihrer Identität", sagt Dan Kahan, Professor für Recht und Psychologie an der Yale Law School.

"Das sind nur Ausweise für die Mitgliedschaft in diesen Gruppen, und entsprechend verarbeiten die meisten Menschen die Informationen." Eine wissenschaftliche Frage wird zur Identitätsfrage – hat also eigentlich nicht mehr viel mit dem Vertrauen in Forscher oder Forschungsinstitutionen zu tun. Wie ein Trikot tragen Menschen ihre Einstellungen zur Schau, um die Unterstützung für ein Team zu zeigen. Äußern sie andere Ansichten als die Gruppe, riskieren sie den Ausschluss und damit die soziale Unterstützung. Das führt zu einer Informationsparteilichkeit: Berichte, die die Ansichten der eigenen Gruppe stützen, werden großzügig aufgenommen und weiterverbreitet.