Virologie: "Sie züchten Viren, um sie ansteckender zu machen"

Gain-of-Function-Forschung ist umstritten, weil sie harmlose Erreger im Labor gefährlich macht. Bioingenieur Steven Salzberg gehört zu den schärfsten Kritikern.

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Forschung im Labor.

(Bild: CDC)

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Im Kontext der Corona-Krise rückt auch das Thema Biosicherheit ins Blickfeld – und die Experimente, die Forscher an Viren durchführen. 2014 machte die Cambridge Working Group (CWG), die aus renommierten Wissenschaftlern besteht, auf die sogenannte Gain-of-Function-Forschung aufmerksam, bei der Viren im Labor gefährlicher gemacht werden. Sie wurde daraufhin über mehrere Jahre von der US-Regierung nicht mehr gefördert, doch mittlerweile wurde das Moratorium aufgehoben.

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Steven Salzberg, Professor für Biomedical Engineering, Computer Science und Biostatistics an der Johns Hopkins University, der das Center for Computational Biology leitet, gehört zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs der CWG. Im Interview mit Technology Review spricht er über die Gefahren – und was sie mit COVID-19 zu tun haben.

Technology Review: Herr Salzberg, die sogenannte Gain-of-Function-Forschung gilt als hochproblematisch. Warum?

(Bild: JHU)

Steven Salzberg: Diese Art der Forschung gibt es schon einige Jahre und sie konzentriert sich vor allem auf das Influenza-Virus. Soweit ich das beurteilen kann – und ich forsche selbst an Grippeviren –, handelt es sich um eine Gruppe von Grippe-Virologen, die beweisen wollen, dass sie dem Grippevirus neue Funktionen verpassen können. Genau genommen suchen sie nach der Möglichkeit, dem Virus künstlich die Fähigkeit zu verleihen, dass es sich von Säugetier zu Säugetier übertragen kann. Das betrifft dann also auch Menschen – und zwar bei Viren, die das sonst nicht können.

Diese Forscher nehmen einen oder mehrere Vogelgrippe-Viren und versuchen dann, willkürliche Mutationen zu generieren, was nicht schwer ist. Dann prüfen sie, ob manche davon sich von Säugetier zu Säugetier übertragen lassen. Normalerweise testen sie das an Frettchen. Das ist die Grundidee.

Sie züchten also künstlich ein neuartiges Virus, um es noch ansteckender zu machen. Darin liegt aber das große Risiko einer Pandemie, wie wir es jetzt weltweit sehr drastisch mit dem neuartigen Coronavirus sehen können. Zumindest, wenn die Forscher tatsächlich erfolgreich darin sind, solch einen Virus zu kreieren – und sie behaupten, das bereits getan zu haben.

Das klingt alles ziemlich verrückt. Eine derart tödliche Technologie in der Hand zu haben, scheint allenfalls für einen Megalomanen reizvoll. Ist das Wissenschaft um der Wissenschaft willen?

Gewissermaßen ja. Die Gruppen, die sich damit beschäftigen – Ron Fouchier in der Niederlande ist einer der führenden Wissenschaftler in diesem Bereich, außerdem auch Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin –, sie betreiben Grippe-Forschung. Das ist ihr Thema. Wenn Forscher sich aber zu lange und engstirnig auf eine Sache fokussieren, dann verlieren sie das Wesentliche aus dem Blick.

Und das ist diesen Leuten schon vor langer Zeit passiert. Für die ist das eine Art Spiel, "mal gucken was wir damit anstellen können", ohne dass sie den Gesamtkontext bedenken.

Diese Forscher würden mir natürlich jetzt stark widersprechen. Sie sind der Meinung, dass sie eine mögliche Grippe-Pandemie besser verstehen können, indem sie diese Experimente durchführen. Aber fragt man genauer nach, worin die Vorteile liegen, dann wird behauptet, dass man vielleicht eine Impfung frühzeitig entwickeln könnte.

Das ist aber lächerlich. Niemand glaubt ernsthaft, dass das funktionieren würde. Man kann nicht annehmen, dass ein künstlich erschaffener Virus aussehen würde wie einer, der sich natürlich entwickelt hat. Ein [aus dieser Forschung entwickelter] Impfstoff wäre also nutzlos. Es gab bisher außerdem keinen Fall, in dem ein Impfstoff-Hersteller angefangen hätte, riesige Mengen an Impfstoffen gegen ein Virus vorrätig zu halten, das es vielleicht niemals geben wird. Das ist einfach eine alberne Vorstellung! So argumentieren die Forscher aber gegenüber ihren Geldgebern.

Verboten war diese Forschung aber nie, oder? Es gab in den Vereinigten Staaten nur zwischenzeitlich keine Finanzierung mehr durch die Regierung.

Die USA haben diese Forschung gesponsert, einschließlich Fouchiers Arbeit in den Niederlanden. Es gab konstante Beschwerden und Kritik, auch von mir. Die Obama-Administration wurde darauf aufmerksam und hat die Förderung dann zurückgestellt. Der Direktor der National Institutes of Health, Francis Collins, hat diese Forschung dadurch dann unterbrochen, aber verboten wurde sie nicht.

In Wuhan, wo COVID-19 herkommen soll, ist das größte Biosicherheitslabor Chinas angesiedelt. Auch dort wurde Gain-of-Function-Forschung betrieben, sogar an Corona-Viren. Haben Sie davon gehört?

Ich habe kürzlich davon erfahren, wusste aber bis vor zwei Monaten nichts davon.

Halten Sie das auch für gefährlich?

Ja, ich würde da genauso argumentieren wie beim Grippevirus. Ich halte "Gain of Function"-Forschung mit allen Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern für verrückt – und Menschen, die sie ausführen, handeln gedankenlos. Die Geldgeber, normalerweise Regierungen, sollten ihnen klarmachen, dass es nicht in Ordnung ist, aber keiner tut das.

Normalerweise arbeiten diese Gruppen in enger Gemeinschaft mit anderen Virologen zusammen und scheinbar sind genug davon überzeugt, dass dieser Ansatz doch clever und interessant sei. Sie bestärken einander in der Meinung, dass nichts daran falsch sei und dass sie die Viren vorsichtig in Schach halten und die Labore kontrollieren können. Sie glauben, dass sie etwas lernen könnten über diese Viren, an denen sie ihr ganzes Leben forschen und dass diese neuen Erkenntnisse das wert sei. So wird argumentiert.

Es wird spekuliert, dass das neuartige Coronavirus aus einem Labor stammt. Glauben Sie, dass das eine Möglichkeit ist oder halten Sie das für eine Verschwörungstheorie?

Ich halte es vor allem für eine Verschwörungstheorie, aber ganz ausschließen kann man es aktuell nicht. Nach allem, was wir wissen, sieht es deutlich nach einem natürlich entwickelten Virus aus. Er wurde nicht "gebaut". Aber ein natürlich entwickeltes Virus könnte trotzdem aus einem Gain-of-Function-Labor stammen.

Oft werden dort keine Viren [mit Gentechnik-Werkzeugen] mutiert, sie lassen das Virus sich nur vermehren. Wenn die Chinesen offener zeigen würden, was dort in diesen Laboren passiert, dann könnten wir es wahrscheinlich ausschließen. Aber sie teilen es uns nicht mit, also bleibt es eine Möglichkeit, dass der Virus dort versehentlich entwischt ist. Ich glaube das aber nicht und gehe von einem natürlich entstandenen Virus aus.

Was sind die potentiellen Gefahren eines solchen Labors? Sie sagen, die Forschung ist sehr risikoreich, die Proponenten berufen sich aber darauf, dass die höchsten Sicherheitsstandards für Biosicherheitslabore eingehalten werden.

Ich würde zustimmen, dass bei ordentlichen Sicherheitsvorkehrungen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus in die Umwelt entwischt, extrem gering ist. Aber wie einige Leute argumentiert haben, darunter Marc Lipsitch von der Harvard University [der die Cambridge Working Group gegründet hat, Anm. d. Red.], bleibt der mögliche Schaden extrem groß, auch wenn die Chance dafür extrem klein ist.

Wenn man sich ein paar vernünftige Zahlen überlegt und das Risiko abwägt, dann handelt es sich um eine ernstzunehmende Gefahr. Man würde feststellen, dass das Risiko nicht bei Null liegt, dass es eine tatsächliche, sehr kleine Wahrscheinlichkeit gibt, dass etwas wirklich Furchtbares aufgrund dieser Forschung geschehen wird. Warum das in Kauf nehmen?

Wir werden deshalb nicht besser auf eine Pandemie vorbereitet sein, wir werden nicht fertige Impfstoffe auf Lager haben. So wie ich das sehe, liegen die einzigen Vorteile bei den Forschern selbst: Sie veröffentlichen Paper und erhalten Förderungen. Die ganzen Vorteile liegen bei ihnen, das Risiko aber bei der Gesellschaft. Wir als Gesellschaft bezahlen das, die Regierung zahlt das.

Was könnte konkret passieren?

Es ist nicht wahrscheinlich, dass jemand die Tür offenstehen lässt und das Virus so in die Atmosphäre gelangt. Es könnte aber passieren, dass das Virus einen Laborarbeiter infiziert oder auf deren Kleidung gerät. Genau das sollen die Vorkehrungen verhindern, aber es bleibt möglich. Viren sind extrem klein, wir können sie nicht sehen.

So könnten dann andere Personen außerhalb des Labors infiziert werden, die wiederum dann andere – und schon haben wir eine Pandemie. Das kann passieren. Nicht wahrscheinlich, doch selbst wenn die Chance eins gegen eine Million steht, so ist sie immer noch zu groß, meiner Ansicht nach. Weil diese Forschung uns nichts bringt.

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(bsc)