Virtuelle Nähe trotz Zoom-Müdigkeit

An den Festtagen geht es um freudiges Miteinander in der Familie – doch das wird in vielen Fällen wegen COVID-19 nicht gehen. Wie kann es digital gelingen?

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(Bild: Photo by Volodymyr Hryshchenko on Unsplash)

Von
  • Tanya Basu
  • Abby Ohlheiser

Lisa Long lebt in den USA, leidet unter einer Immunsuppression und hat chronische Schmerzen. Also bleibt sie seit dem Beginn der Corona-Pandemie im März mit ihrer Familie, die noch aus ihren zwei Töchtern (11 und 14 Jahre) besteht, in ihrem Zuhause unweit von St. Louis.

Mit Ausnahme eines gelegentlichen Arztbesuchs lebt sie isoliert. Die Familie zu treffen, etwa zu dem traditionellen Thanksgiving-Fest oder zu Weihnachten, ist unmöglich. Trotzdem wird Long zum Truthahn-Festessen neben ihren Nichten und Neffen aus Utah und Colorado sitzen. Und zwar auf "Bloxburg", einem Simulationsspiel der unter Kindern sehr beliebten, globalen Video-Gaming-Plattform Roblox.

Seit Monaten werkelt Long mit ihren Töchtern und deren Cousins an einem Bloxburg-Haus und diese Anstrengungen sollen sich in der Form eines "Bloxburg-Thanksgiving", wie Long es nennt, lohnen. "Wir werden versuchen, dort zusammenzukommen, den Truthahn zuzubereiten und den Tisch zu decken", sagt sie. "Wir versuchen so viele Familienmitglieder wie möglich zum Rollenspiel zu animieren, sodass wir dort gemeinsam das Mahl einnehmen können."

Long ist eine von Millionen Menschen auf der Welt, für die ein "normales" Familienfest im Jahr 2020 nicht möglich sein wird. Regierungen bitten Familien nicht zu reisen und sich stattdessen in ihrem Heim zu isolieren; auch Gesundheitszentren empfehlen, von weniger dringlichen Besuchen abzusehen, um die hochschießenden Corona-Infektionszahlen zu senken. Das bedeutet: Feste finden virtuell statt. Und wenngleich es einfach sein mag, einen Zoom-Link an die (Wahl-)Familie zu schicken und sie dazu einzuladen, sich zeitgleich mit gefülltem Teller einzufinden, kann man jeden verstehen, den selbst dann die Zoom-Müdigkeit packt.

Die Unlust auf Videokonferenzen ist also ziemlich real. Während Unternehmen wie Microsoft darum bemüht sind, die typischen Bildschirme voller rechteckiger Konferenzteilnehmer, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, mit allerlei technischen Tricks zu verschönern – etwa durch neue Hintergründe oder in virtuelle Umgebungen verschobene Figuren –, schafft das nur bedingt Erleichterung.

Es bleibt trotzdem anstrengend, für längere Zeit intensiv auf zweidimensionale Gesichter zu starren. Im achten Monat der Pandemie wird das Gehirn vieler Heimbüromenschen durch die Anmeldung bei einem Zoom-Meeting gleich in einen Arbeitsmodus versetzt. Nun auch noch die Feiertage in der Videokonferenz? Das muss nun wirklich nicht sein, sagt uns unsere Stimmung.

Aber es gibt wie erwähnt mittlerweile Alternativen. Videospiele auf sozialen Medien haben sich während der Pandemie zu einem ganz eigenen Versammlungsort entwickelt. Eine der zugänglichsten und familienfreundlichsten Möglichkeiten ist Animal Crossing, das Spiel für Nintendo Switch. Teilnehmer können sich niedliche Avatare aussuchen, ihre eigenen Häuser bauen, auf Erkundungstour gehen und je nach Wunsch andere Inseln "bereisen".

Alternativ kann man sich wie Millionen von Familien bei Roblox einloggen, um dort eine Variation an Spielen vorzufinden, die ähnliche Möglichkeiten des Kontakts anbieten. Neben dem Hausbau-Simulationsspiel Bloxburg gibt es beispielsweise Games für Sportwettbewerbe, Modedesign und vieles mehr. Für Roblox braucht es nur eine Internetverbindung und einen Rechner oder ein Mobilgerät.

Ein weiteres Trendspiel ist "Among us". Private Sessions mit bis zu acht Spielern sind hier möglich; einer von drei ist als heimlicher "Betrüger" bestimmt, der auf die anderen Spieler Attentate ausübt. Daraus entwickelt sich eine lässige Detektiv-Geschichte à la "Cluedo" oder "Knives Out". Eine integrierte Chat-Funktion lässt Spieler zusammenkommen, um sich darüber zu beraten, wer der Betrüger ist (oder um sich über die verkochte Weihnachtsgans zu beschweren). Eine weitere Option ist "Jackbox", ein populäres virtuelles Partyspiel.

Wer auf das virtuelle Wetteifern mit der Verwandtschaft doch lieber verzichten oder etwas passiver zusammenkommen will, kann das über diverse Co-Watching-Apps und Add-ons tun, die es ermöglichen, auch zu Quarantänezeiten gemeinsam – nur eben jeweils aus der Ferne – kuschelig auf dem Sofa einen Weihnachtsfilm zu schauen. "Teleparty", zuvor "Netflix Party", integriert einen einzelnen Bildschirm mit Chatfunktion für Gruppen, die bei Streaminganbietern wie Netflix oder Disney Plus etwas schauen wollen. Für YouTube ist der Anbieter "Airtime" die richtige Adresse.

Und doch: Manch einer hat wohl genug von Bildschirmen. Hier bieten sich Voice Games an, für die ein Mikrofon benötigt wird. Im letzten Jahr sind stimmbasierte Spiele immer komplexer geworden, von Audio-Abenteuer-Hörbüchern und "Jeopardy"-Kopien zu komplexen Sci-Fi-Geschichten, die den Spieler in die Action einbinden. Auch für Kinder sind Voice Games zunehmend in Entwicklung, etwa bei der amerikanischen Firma Pretzel Labs, die mit Amazons Alexa interagiert und die Sprachassistentin zur Streitschlichterin werden lässt.

Unter den vielseitigen Möglichkeiten sollten Familien über die Ferien auf mehrere zurückgreifen, um in Kontakt zu bleiben, meint Lisa Brown, Direktorin des Risiko- und Resilienzforschungslabors der Palo Alto University. "Es wäre nicht ratsam, wenn Familienmitglieder einfach nur einen einzigen Zoom-Call durchführen und dann einen Haken dahinter machen", erklärt Brown, die an den psychologischen Auswirkungen von Traumata bei älteren Erwachsenen forscht. "Wir sollten uns verschiedener Verbindungsmöglichkeiten über die Feiertage bedienen und das über längere Zeit im Gegensatz zu einer Gemacht-und-Fertig-Videositzung."

Doch wie bei allem in der Pandemie wird es etwas Mühe kosten, um passende Wege des virtuellen Zusammenkommens zu finden – insbesondere dann, wenn dabei die Verwendung neuer Technik gefordert ist. Die Generationsunterschiede und jeweils bevorzugten Kommunikationsmittel sind hier wichtig zu beachten und frühzeitig vorzubereiten. "Das Medium für ältere Menschen ist nicht Zoom und es sind auch nicht die Messenger-Dienste", betont Brown – es sei die klassische Post.

Die gute alte Weihnachtskarte sollte also nicht vergessen werden und kann in diesem Jahr besonders sinnvoll mit ein paar Aufmerksamkeiten wie mitgeschicktem Weihnachtsgebäck ergänzt oder gar spielerisch umgesetzt werden. Brown schlägt beispielsweise vor, innerhalb der Familie einen Kettenbrief zu starten, der mit jeder Station immer länger wird. Jeder Teilnehmer fügt eine Zeile zu einer Geschichte hinzu oder vervollständigt ein gemeinsames Bild.

Aktivitäten, die Gemeinsamkeit über das Stillen unseres Nostalgiebedarfs stiften sollen, sind ein zweischneidiges Schwert. So ist bekannt, dass Musik ein starker Trigger für Erinnerungen ist und dass die Pandemie negative Gefühle von Einsamkeit verstärkt. "Wir wissen, dass die Feiertage insbesondere für Menschen gefährlich werden können, die sich schon vorher einsam oder wehmütig gefühlt haben, die eine geliebte Person oder engen Freund verloren haben", erklärt Brown. Corona führe zu einem Anstieg. Der zwar gut gemeinte virtuelle Versuch, frühere Traditionsmomente wiederherzustellen und beispielsweise gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, könne genau diese Emotionen verstärken. Erschwerend kommt hinzu, dass man sich solcher Treffen kaum verwehren kann. Virtuelle Treffen, insbesondere sozialer Natur, sind schwieriger abzusagen als Verabredungen im echten Leben. Was könnte man schon anderes vorhaben?

Wer nun doch zoomen will, sollte vorab sicherstellen, dass die technischen Stolpersteine aus dem Weg geräumt sind. Niemand will den Einstieg des Treffens damit verbringen, herauszufinden, warum Onkel oder Tante sich gerade jetzt nicht verbinden können. Es kann sinnvoll sein, diese Dinge vor dem eigentlichen Festtag mit technisch weniger versierten Familienmitgliedern zu üben. Im Gespräch selbst sind Gruppenaktivitäten dem üblich lückenfüllenden Smalltalk ("Wie geht's?", "Wie ist das Wetter?") vorzuziehen. "Fragen Sie nach einem Rezept. Schauen Sie, was die andere Person Ihnen beibringen kann", rät Brown. "Das kann Menschen das Gefühl geben, noch etwas bewirken zu können."

Anstatt nun eine Großtante intensiv nach ihrem ganzen Leben auszufragen, bieten sich ein oder zwei Fragen pro Haushalt an, die nicht in aller Kürze beantwortet sind. Bei älteren Menschen sind das Erinnerungen aus ihrer Jugend, bei Jüngeren können das Hobbys sein, für die sie sich begeistern. Wer am realen Festtagstisch nicht über Politik – und auch noch in diesem Jahr voller Kontroversen – sprechen würde, sollte auch virtuell davon absehen. Letztlich geht es um das Ein- und Mitfühlen gegenüber Familienmitgliedern, die alleine sind oder dieses Jahr aus anderen Gründen als besonders herausfordernd erleben.

Feiertage bringen immer auch ein hohes Maß an Erwartungen mit sich, doch das laufende Jahr ist ein außergewöhnliches und erfordert auch an dieser Stelle Anpassungsfähigkeit. Warum das nicht nutzen? Anstelle sich darum zu bemühen, ein Fest virtuell möglichst originalgetreu nachzukreieren, kann man gemeinsam etwas Neues finden. Etwas, das nicht nur funktioniert, sondern auch Spaß macht. Das ist dann die neue, digitale Tradition.

(bsc)